Melanchthon kehrt zurück: Mittels Auktion und Spenden will die Lutherkirche Apolda eine vor 50 Jahren verloren gegangene Figur ersetzen

Professor Achim Preiß mit zwei seiner Melanchthon-Bilder.
 
Die Lutherkirche in Apolda
Apolda: ... | “Mein rechter, rechter Platz ist leer - ich wünsch mir den Melanchthon her!“ Das könnte Martin Luther ausrufen - wenn er es denn könnte. Doch weil der Reformator seit Jahrzehnten lediglich als Terrakottafigur in der Apoldaer Lutherkirche steht, ist er zum Schweigen verurteilt. Schlimmes widerfuhr einst seinem Mitstreiter. Melanchthon - eigentlich Philipp Schwartzerdt und ein 1497 geborener Philosoph und Theologe - kippte eines Morgens ohne Vorwarnung von seinem Sockel und landete in Einzelteilen auf dem Fußboden. Diese wurden wohl Opfer eines übereifrigen Putzkommandos. „Weder gibt es Scherben noch einen Eintrag in der Kirchenchronik“, konstatiert Roberto Bergmann, seit fast 25 Jahren Küster und Hausmeister in der Lutherkirche. Melanchthon in seinem roten Sande hatte in den 1950er Jahren ein Jugendlicher entdeckt, der frühmorgens in die Kirche kam. Er sah die Figur zwar am Boden liegen, kümmerte sich jedoch nicht weiter darum. Tags darauf war Melanchthon weg.

“Im Zweiten Weltkrieg haben unsere Vorfahren hier die Glocken ausgebaut“, erklärt Roberto Bergmann. Um diese aus der Kirche zu transportieren, mussten der Nebeneingang verbreitert und die zwei Meter hohen Podeste samt Luther und Melanchthon abgebaut werden. „In den 50er Jahren kamen die Glocken zurück und die beiden Figuren wurden wieder montiert. Melanchthon haben die Arbeiter offenbar nicht richtig gesichert“, bedauert Küster Bergmann und berichtet, dass es in Deutschland nur noch eine Handvoll Kirchen mit Melanchthon in der Fassade gebe.

Doch die Chancen Luthers, seinen Mitstreiter bald wieder neben sich zu haben, stehen gut - dank visionärer Künstler aus der unweit gelegenen Kulturfabrik. Der Kontakt zwischen ihnen und Roberto Bergmann ergab sich bei „Luthers Tischreden“, einer Veranstaltung der Offenen Kirche. Achim Preiß, Schriftsteller, Plastiker, Maler und Kunsthistoriker, war von der Bitte, einen neuen Melanchthon zu schaffen, sofort hellauf begeistert: „Ein Projekt nach meinem Geschmack“, stellte er fest und machte sich sogleich daran, Bilder von Melanchthon zu malen. Vier Stück hat er bereits zum Trocknen aufgestellt.

“Das passt gut, weil zurzeit der Melanchthonplatz rund um die Kirche neu gestaltet wird“, erklärt Bergmann. Am vierten Advent, zum Weihnachtsliedersingen im Kerzenschein, werden Preiß' Bilder in der Lutherkirche versteigert. Von dem Erlös kauft Preiß Holz und lässt die Figur von einem der Holzbildhauer der Künstlergruppe modellieren.

“Das Singen kostet keinen Eintritt, dafür kann man ein Unikat von Melanchthon erstehen“, schaut Roberto Bergmann voller Vorfreude in die Zukunft. Er wünscht sich viele Spender für den guten Zweck, denn „wenn es viele tun, tut es keinem weh. Und es wäre ein Projekt der Apoldaer Bürger.“ Die Namen der Spender werden dann auf einer Tafel neben der Figur stehen.


Zur Person:
Philipp Melanchton war Philologe, Philosoph, Humanist, Theologe, Lehrbuchautor und neulateinischer Dichter. Er war als Reformator neben Martin Luther eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation.
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