Des Traktoristen Tod ist Dieselnot: Treckerfahrer sind die härtesten - Tuck, tuck, tuck... der Bulldog läuft und läuft, nicht nur in Wersdorf

Lanz-Bulldog-Raupe, Baujahr 1942, 55 PS. Dieses Kettenfahrzeug chauffierte Reinhard Hüttig nach Leipzig – mit einem Bulldog.
 
Reinhard Hüttig
Pfiffelbach: Hof Hüttig |

Über Sammelleidenschaft, Defekthexe, „Russenraupe“, Bulldog-Reisen und das Technik-Treffen ab 28. August in Wersdorf



Die Panne

"Opa, da hinten qualmt was", ruft der Enkel von Reinhard Hüttig (73) Anfang Juli. Ein Hartgummirad des ­Anhängers hat sich bei 35 Grad Celsius Lufttemperatur auf dem noch heißeren Asphalt glühendgelaufen.

Auf dem heimischen Hof in Wersdorf (Weimarer Land) wäre das kein Problem für den erfahrenen Bauern und Landmaschinentechniker. Da sind auch schnell Kumpels da, um zu helfen. Doch die Familie steht kurz vor Leipzig, mit einem Eil-Bulldog, 35 Kilometer pro Stunde schnell, Baujahr 1949, 55 PS, navifrei. Hinten dran der Anhänger, dessen Gummirad sich in Kürze entzünden könnte.  

Doch das ist auch kein Problem für die Wersdorfer. Sie fahren im Konvoi. Ein zweiter Lanz Bulldog, mit Besatzung und Bauwagen - umgebaut zum Wohnwagen, ist zur ­Stelle. Und sie haben alles dabei. Der Feuerlöscher ist schnell zur Hand. Gut gegangen.  

Fest steht, da muss ein neues Rad aufgezogen werden. Das wiegt aber über 150 Kilogramm. Das ist auch noch kein Problem. Sie sind versierte Hobbybastler, Oldtimerfans und kennen die Technik in- und auswendig. Und letztendlich ist die sechs Tonnen schwere Lanz-Bulldog-Raupe auf dem defekten Anhänger auch kein Problem. "Es war anstrengend bei dieser Glut und wir waren ja schon fast acht Stunden unterwegs", sagt Reinhard Hüttig. Doch vereint und mit Wagenheber besiegen sie die Defekthexe.  

Die Raupe

Der Einzug auf das Agra-Gelände in Leipzig - ein Triumph. Die versprochene Anlieferung der Raupe ist für Hüttigs Ehrensache. Dafür werden sie beim Treffen "Bulldog, Dampf und Diesel" der Lanzfreunde Sachsen bewundert. Reinhard Hüttig ist eben ein Macher. Hadern und aufgeben ist nicht sein Ding. Er lebt für seine Passion: Bewahrung und Pflege von historischer Technik, ja er lebt sie.  

Die besagte Raupe kommt aus Frankreich. Geliebäugelt mit dem guten Stück ­hatte Reinhard Hüttig schon Anfang der 90er-Jahre. Da tauchte sie in Ingolstadt, später in Paderborn und dann in Aachen auf. "Aber 1995 habe ich sie gegen einen Lanz Bulldog von 1921 eingetauscht", erinnert sich Hüttig. So geht es in der Branche zu: Man schätzt sich und kuttelt.  

Und man kennt sich in der Szene: Es gibt viele solcher Treffen übers Jahr. Da reist die Sammler-Gilde mit Gerätschaften durchs Land. "Der ist doch jedes Wochenende unterwegs", wirft Frau Bärbel ein. Nicht vorwurfsvoll. Sie kennt ihren Mann nicht anders. Sie, Kinder und Enkel sind auch mit von der Partie, ob in Altenburg, Possendorf, Sprötau, Denstedt, Sundhausen, Dobra, Mannstedt, Göttigen… oder in Berlin.  


Der Parkausflug

Fünf Lanz Bulldog tuckern 2002 in die Bundeshauptstadt. Via Landstraßen war der Tross über zehn Stunden unterwegs. "Kaputt vor Ort ankommen und dann auf den Traktor einschlafen, das kenne ich schon", sagt Reinhard Hüttig. Entschädigt wurden die Traktoristen mit einem Besuch im Park von Sanssouci. Wohlgemerkt mit den Treckern. "Wer erlebt das schon. Das hat richtig Spaß gemacht", schwärmt Hüttig.  

Der Sammler

Im Jahr 1970 heimst Reinhard Hüttig seinen ersten Lanz Bulldog ein. "Von Rügen über Kamenz und Meißen bis zum Erzgebirge sammelte ich historische Technik ein", sagt der Wersdorfer. "Und nach der Wende habe ich einen Bulldog in Wien erstanden." Der Sammler gibt seinen Bestand mit 20 Lanz Bulldog und 10 anderen Fahrzeugen an. Kenner halten das für untertrieben. Die Schätze werden hier wohl gedeckelt.  

U
nd dann kommt doch ein bisschen Licht ins Sammeldunkel: Reinhard Hüttig zeigt Stolz über seine "Russenraupe" mit Schiebeschild. "Davon gibt es nur wenige. Die lässt sich richtig gut fahren und bedienen." Dann ist da noch der S 4000. Ein DDR-Lkw aus den 50er-Jahren, indem der 73-Jährige auf der durchgehenden Fahrerhaus-Bank auch mal schläft. Da steht ein Pionier-, hier einFamulus-Traktor, dort eine Feuerwehr und gegenüber eine Dreschmaschine neben zig Gerätschaften in drei Hallen.  

Die Infizierten

Längst hat er seine Familie mit seiner Leidenschaft angesteckt. So wie er einst von seinem Vater Rudolf mit dem Sammeln von Fahrzeugen infiziert wird. Sein ständiges "das wird mir alles zu viel", sollte man wohl nicht allzu ernst nehmen. Und zum 12. Lanz-Bulldog-Treffen am letzten Augustwochenende stehen sie wieder - wie alle zwei Jahre - Trecker bei Fuß: Familie, Freunde, Helfer, Wersdorfer… "Jeder stellt hier was aus. Rund 800 Maschinen werden zu sehen sein. Wir sind eine Fahrzeug-Familie geworden", freut sich Reinhard Hüttig. Stillsitzen ist ein Fremdwort für ihn.  

Der Ruhelose

Dieser Mann ist technikruhelos. Schon wieder wuselt er los. Schwups steht er auf dem abgeernteten Feld und zeigt auf einen Famulus und einen Lanz Bulldog jeweils mit Moorrädern. Damit können weiche Böden maschinell bearbeitet werden. Reinhard Hüttig schwenkt in Richtung Westen. "Dort haben wir schon Dreschmaschinen aufgebaut", sagt er und verweist darauf, dass bereits zweieinhalb Wochen vor dem Treffen Aussteller erste Flächen abgesteckt, also reserviert haben. Die ganze Sammler-Branche scheint unruhig zu sein. So wie Landwirt Hüttig. Der klettert mal eben auf die Raupe und stülpt als Regensicherung eine Blechbüchse über das mächtige Auspuffrohr, welches sich wie ein Schornstein über das Kettenfahrzeug erhebt. Wie gesagt, Probleme kennt Reinhard Hüttig nicht - nur Lösungen und Leidenschaft.


Der Termin

12. Lanz-Bulldog-Treffen in Wersdorf, 28. bis 30. August, Samstag ab 10 Uhr Besichtigung der Technik, 13 Uhr, Anheizen der Bulldogs.
Inform@tionen: www.lanzbulldog-wersdorf.de

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Lanz-Bulldog-Treffen



Leipziger Treffen

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7 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 25.08.2015 | 19:23  
Thomas Gräser aus Erfurt | 25.08.2015 | 19:28  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.08.2015 | 19:37  
Thomas Gräser aus Erfurt | 25.08.2015 | 19:55  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 26.08.2015 | 08:05  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 26.08.2015 | 19:07  
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