Von Dalí bis Monroe: Kunstverein Apolda Avantgarde feiert 20-Jähriges Bestehen

Hans Jürgen Giese gründete vor 20 Jahren mit vielen Gleichgesinnten den Kunstverein Avantgarde Apolda. Heute ist er Geschäftsführer des Vereins. (Foto: S. Schmidt)
Apolda: Bahnhofstraße | Mit einer Oldtimerfahrt in einer Tiefgarage im beschaulichen Apolda begann vor 20 Jahren die Erfolgsgeschichte des Kunstvereins Apolda Avantgarde. Heute zählt der Verein zu den bedeutendsten in Thüringen. Im Jahr 2001 wurde er mit dem Thüringer Kulturpreis ausgezeichnet. AA-Redakteurin Simone Schulter sprach zum runden Geburtstag mit Hans Jürgen Giese, dem Geschäftsführer des Vereins, über Wünsche, Erfolge und Niederlagen.

Der Kunstverein hat sich in der Tiefgarage gegründet, ein ungewöhnlicher Ort.

Die Tiefgarage unterm Hotel am Schloss war damals die 1. Tiefgarage Thüringens. Künstler aus Freiburg/Breisgau hatten die Wände mit abstrakter Kunst gestaltet. Wir hielten die Tiefgarage für einen idealen Ort, um unseren Verein zu gründen. Mit einem alten DKW F7-Cabriolet ist der geschäftsführende Vorstand damals eingefahren. Dazu haben, passend für Apolda, Glocken geläutet.

Mit wie vielen Mitglieder sind Sie gestartet?
Wir waren 25 bis 30 Mitglieder. Ich glaube, viele in Thüringen haben damals ungläubig nach Apolda geschaut und manche vielleicht auch ungläubig gelächelt. Heute zählt der Verein 125 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft.

Man verbindet Apolda mit vielem, aber nicht vordergründig mit dem Begriff Avantgarde. Wie kam die Kleinstadt zu einer Gruppe von Vorkämpfern, Wegbereitern internationaler Kunst in der Provinz?
Sie haben Recht. Nicht umsonst heißt es: „Bockwurst, Bier und Wolle kommen aus Apolle“. Dafür ist die Stadt bekannt. Wir aber waren angetreten, neue Akzente zu setzen. Denn Provinz ist kein Ort. Provinz ist ein Zustand und den bestimmen wir selbst. Davon sind wir Vereinsmitglieder überzeugt. Anfang der 1990er Jahre war eine Zeit, in der fast alles möglich war. Der Kunstverein entwickelte sich damals zu einem Schmelztiegel für vielfältige Ideen, wurde so zur Avantgarde.

Der Verein scheint durch ein eigenes Kunsthaus einen besonderen Entwicklungsschub bekommen zu haben.
Im Jahr 1994 zeigten wir die Ausstellung „Von Picasso bis Man Ray“. Sie machte uns sehr deutlich, dass der Kunstverein ein eigenes Ausstellungshaus in Apolda braucht. Landrat Hans-Helmut Münchberg hat uns damals in weiser Voraussicht die Villa in der Bahnhofsstraße vermietet, in dem vormals der Landrat und Teile der Kreisverwaltung untergebracht waren. Vom Landkreis gab es zudem 100.000 DM für Umbau des Hauses. Insgesamt konnten wir 1,2 Millionen DM investieren, weil uns Spender und Sponsoren großzügig unterstützten und AMB-Kräfte der Arbeitsloseninitiative kräftig mit zupackten. Innerhalb von einen dreiviertel Jahr konnte die Villa behutsam zu einem Kunsthaus umgebaut und im Sommer 1995 eröffnet werden. Seit dem haben wir im eigenen Haus viele interessante Gäste begrüßen können. Wolfgang Joop war hier, auch Willy Bogner, sogar Karl Lagerfeld.

Mit welcher Ausstellung starteten die Avantgardisten in Apolda?
Das war 1993 eine Ausstellung mit Werken von Salvador Dalí im Apoldaer Schloss; noch vor der Vereinsgründung. Es gibt viele Geschichten zu erzählen, wie die Werke damals nach Apolda kamen. Die Ausstellung könnte als Urknall bezeichnet werden. Wir wollten die Stadt mit einer spektakulären Ausstellung in das Licht der Öffentlichkeit rücken. Das ist uns wahrlich gelungen. Die Ausstellung war eine Sensation. Die Besucher standen Schlange, als ob es Bananen gab; rund 14.500 Leute kamen. Aber noch heute orientieren sich Besucher an großen Namen. Inhaltliche Konzepte ohne große Namen funktionieren nicht. Wir versuchen, mit Ausstellungen, die viele Besucher anziehen, andere Ausstellungen mit noch unbekannten Künstlern mitfinanzieren. Es ist eine große Herausforderung, diese
gesunde Balance hinzubekommen.

An welche Ausstellungen erinnern Sie sich mit besonderer Freude?
Natürlich hat jeder seine Lieblingsausstellung. Besonders hervorheben möchte ich das Konzept der Ausstellung" Hermann Hesse als Zeichner und Maler" im Jahre 2001. Gern erinnere ich mich auch an „Feininger im Weimarer Land“ im Kulturstadtjahr 1999. Das war mit 23.594 Besuchern unsere erfolgreichste Ausstellung. Medienmäßig versetzte der Besuch von Karl Lagerfeld 2005 Apolda in einen Ausnahmezustand. Auch an die Ausstellungen mit Camille Claudel 2006 und Helmut Newton 2011 erinnere ich mich gern.

Sie sprechen zumeist in der Wir-Form. Wer war maßgeblich an der erfolgreichen Entwicklung des Kunstvereins beteiligt?
Zum einen war da der leider früh verstorbene Alexander Weber. Er war Kreisdenkmalpfleger. Landrat Münchberg, den ich schon erwähnte, gehört ebenso zu den Förderern der Avantgarde-Idee ebenso wie Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die uns in unterschiedlichen politischen Funktionen begleitet hat. Parallel dazu unterstützten uns zwei Investoren aus den Altbundesländern: Bernd Krükel und Klaus-Dieter Böhm. Die guten Beziehungen zur Wirtschaft zahlen sich noch heute aus. Manche Projekte sind bis zu 50 Prozent fremdfinanziert.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Besucher in den letzten 20 Jahre die Ausstellungen des Vereins gesehen haben?
Das habe ich. Es waren rund 430.000 Besucher. Etwa 20.000 bis 30.000 Gäste kommen pro Jahr zu uns. Unsere Ausstellungen sind zu einem Wirtschaftsfaktor für die Region geworden. Die Leute kommen aus Hamburg und München, essen und übernachten hier. Ohne uns wüssten sie nicht, wo Apolda liegt. Wir haben uns einen sehr guten Ruf erarbeitet. Ansonsten würden uns unsere Leihgeber ihre Schätze auch nicht überlassen.

Gibt es noch andere Projekte, um die sich der Verein bemüht?
Wir arbeiten mit einer Apoldaer Grundschule eng zusammen und organisieren dort Kunstprojekte. Außerdem sind wir Mitveranstalter des Weltglockengeläuts und des Feininger-Schüler-Pleinairs in Mellingen. Pleinair am Mellinger Gymnasium.

Gab es auch Rückschläge?
Im Jahr 2009 haben wir Arbeiten von Laszlo Moholy-Nagy ausgestellt. Die Schau stieß wider Erwarten auf keine große Resonanz. Zur William-Turner-Ausstellung 2012 kamen hingegen rund 10.000 Besucher. Gerechnet hatte ich mit bis zu 4.000.Es wird für Aussteller immer schwieriger, den Zeitgeschmack einzuschätzen.

Trotz vieler große Namen: Sind noch Wünsche offen?
Wir haben drei Mal vergeblich versucht, Edvard Munch in Thüringen zu zeigen. Dass dies nicht gelungen ist, werte ich als Niederlage. Wenn ich einen Wunsch offen hätte, würde ich gern Emil Noldes Blumenbilder anlässlich der Landesgartenschau in Apolda im Jahre 2017 ausstellen.

Welche künftigen Projekte stehen schon fest?
Derzeit läuft mit großem Erfolg unsere Picasso-Schau, die wir uns selbst zum Geburtstag geschenkt haben. Doch schon ab dem 5. April zeigen wir Fotografien mit Marilyn Monroe. 2014 zeigen wir außerdem Arbeiten von Henri Matisse und 2015 von Niki de Saint Phalle. Im Reformationsjahr ist eine große Ausstellung mit Christusbildern von Chagall bis Beuys bei uns zu sehen.
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