... Und der Schulze sagt nichts mehr... Bei der Lütsche-Aufführung in Frankenhain fallen Schüsse in der Kirche

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Ein nasskalter Septemberabend in Frankenhain. Durch die geöffnete Kirchentür ertönt Gezeter. Ein mit Anorak bekleideter Mann, der sich als Forstmann ausgibt, bezichtigt zwei Frauen mit einem alten Handwagen des Holzdiebstahls. Die wehren sich nach Kräften und der Grünrock lässt sie schließlich ziehen. Augenblicke später ist klar: Es handelt sich um die Probe für das Stück "Der letzte Schulze von der Lütsche", das die Theatergruppe im Heimatverein Anfang Oktober in der Kirche aufführt. Die sakrale Kulisse weicht dann einer weltlichen und den Altar sieht man vor lauter Bäumen nicht. "Es gibt Häuser, ein Mühlrad, einen echten Rehbock, echte Waffen und in der Kneipe wird Bier ausgeschenkt", verrät eine Darstellerin. Schüsse in der Kirche - in Frankenhain ist das möglich.

Die Story ist schnell erzählt. 1849 kann das Lütschedorf seine 128 Seelen nicht ernähren. Die Männer arbeiten als Steinbrecher, die Kinder graben mit den Fingern die kleinen unreifen Kartoffeln aus, um den größten Hunger zu stillen. Schuhe und Wäsche sind Luxus, die Hütten verpfändet. Nachts werden bei Kienrußbeleuchtung Haushaltsgegenstände aus Holz angefertigt. Herzog Ernst II. schickt seine Forstmeister aus, um die Wildbestände vor den hungernden Lütschern zu schützen. Intrigen und Ränkespiele führen zum Konflikt mit der Gothaischen Regierung. 1864 lässt der Herzog das Dorf schleifen. Außer dem gläubigen, heimatstarken Dorfschulzen Heinrich Elias Ernst Katterfeld haben dank eines gewissenlosen Häusermaklers alle Familien die Heimat verraten. Schließlich wird Katterfeld als vermeintlicher Wilddieb erschossen.

Wie viele Lederhosen?


In der Kirche ist es kalt - passend zum sozialen Klima jener Zeit. Souffleuse Heide Hendrich hat alle Hände voll zu tun, denn textsicher sind die Akteure noch nicht. Regisseurin Anne Jost achtet darauf, dass nicht allzuviel improvisiert wird. Unüberhörbar ihre Regieanweisungen aus der zweiten Bankreihe: "Ihr müsst langsamer sprechen. Sonst verstehen die Leute euch nicht!"
Gerade will der Makler die Wirtstochter Johanne umgarnen. "Augen hat das Mädel, die gehen durch..." - Blick zur Souffleuse - "wieviele Lederhosen?" Die schüttelt nachsichtig den Kopf und spricht, jedes Wort betonend: "Sechs paar lederne Hosen."
Die Stimmung ist locker. Man lacht und frotzelt. Einige Männerrollen werden von Frauen gespielt. "Das liegt nicht daran, dass Männer in Frankenhain keine Rolle spielen", erklärt Anne Jost. "Wir haben nur nicht genug davon."
Alle zusammenzubringen, ist schwierig. "Viele arbeiten auswärts, sind nur am Wochenende zu Hause", sagt Anne Jost. Auch heute fehlen einige Darsteller. Jost liest deren Texte, um das Stück im Fluss zu halten. Was da unter dem großen Kronleuchter geschieht, ist witzig und macht den Schauspielern sichtlich Spaß. Zuhause verbringen sie viel Zeit damit, die umfangreichen Textpassagen auswendig zu lernen.

Generalprobe am 1. Oktober


"Wir haben kein Geld, einen Lehrer zu bezahlen oder einen Hirten zu halten" deklamiert Katterfeld-Darsteller Klaus Macholdt auf der Bühne. Und zur Regisseurin gewandt: "Wieso einen Hirten halten? Eigentlich hält man doch das Vieh!" Die Frage wird bis zur Generalprobe am 1. Oktober zu klären sein.


Ausstellung:
Die Dauerausstellung "Unser Lütschedorf - Fakten und Legenden" ist ab Oktober im Heimatmuseum, Hauptstraße 20, in Frankenhain zu sehen. An der Sanierung des Museums hat die Gemeinde großen Anteil, sponserte außerdem Mobilar und Vitrinen. Unter vielen anderen ist Diplom-Designerin Gisela Ebert-Neuwald, eine Nachfahrin von Ernst Katterfeld, sehr um das Museum bemüht.
Eröffnung: 4. Oktober, 15 bis 18 und 5. Oktober, 10 bis 18 Uhr.

Das Stück:
Dr. Julius Kober erzählt die Tragödie des Thüringer Walddorfes in einem Dreiakter nach. Die Geschichte recherchierte er im Thüringer Staatsarchiv Gotha. Das Stück "Der letzte Schulze von der Lütsche" wird von Frankenhainer Bürgern am 2. Oktober, 18 Uhr, in der Kirche aufgeführt. Karten gibt es im Edeka-Markt Hochstein und jeweils mittwochs ab 14 Uhr in der Heimatstube.

Fakten zur Geschichte:
Der Kampf um das Lütschedorf südwestlich von Gräfenroda spielte sich zwischen 1849 bis 1864 ab.
Es gab neun Häuser und 128 Seelen.
Man schnitt den Dörflern die Erwerbsmöglichkeiten ab und erteilte keinerlei Baugenehmigungen.
Bevor Herzog Ernst II. das Dorf 1864 schleifen ließ, zogen die Familien nach Ohrdruf und Gräfenroda, wo noch heute Nachkommen leben.

Buchtipp:
Hermann Anders Krüger: "Verjagtes Volk", Erstauflage 1924, vom Verlag Rockstuhl 2010 reprintet (ISBN 978-3-86777145-0).

Informationen:
www.kriminalia.de
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 17.09.2014 | 08:22  
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Hannelore Grünler aus Artern | 18.09.2014 | 20:14  
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