Bis das Blut gefriert: Von der Pest, Rattenkönigen, Hexen und kopflosen Bauern

Stadtführerin Renate Friedel bei ihrer 111. Führung als Nonne von Heßberg.
 
Stefan Buchtzik irrt als Pestkranker durch die Stadt.
Arnstadt: ... | Immer wenn Stadtführerin Renate Friedel mit ihren Gästen die Bäckerei Nagel passiert, muss sie an den Brand vom 2. Oktober 2011 denken. Damals wurden Backstube und angrenzende Gebäude schwer beschädigt. Anders die Bilanz des großen Stadtbrandes im August 1581. 378 Häuser fielen damals den Flammen zum Opfer.
Ihr Arnstadt kennt Renate Friedel in- und auswendig. Heute ist sie als Magdalena von Heßberg, letzte Nonne im Arnstädter Kloster, mit 35 Gästen unterwegs. Es ist dunkel, neblig und ein wenig unheimlich. Passend zum Titel "Unheimliches Arnstadt" - es ist Friedels 111. Rundgang als Nonne. Stefan Hartbauer hatte die Themenführung 2008 erfunden. Inzwischen ist sie so beliebt, dass Initiatoren und Darsteller es selbst kaum glauben können.
Die Gruppe ist bunt gemischt. Arnstädter entdecken ihre Heimatstadt neu, Ortsfremde staunen, wie spannend Arnstadt ist. Zunächst erfahren sie, dass der Adler das städtische Wappentier und nicht der Pleitegeier ist. Wenn die Rathausuhr schlägt, bewegt er die Flügel. Die beiden darunter befindlichen Figuren von 1370 mussten vor Jahren zu Restaurierungszwecken aus der Rathausfassade genommen werden. Entsetzt stellte man damals fest, dass die Figuren gar nicht befestigt, sondern lediglich durch Taubendreck mit dem Mauerwerk verbunden waren. Wochenlang dauerte es, die tierischen Exkremente zu entfernen.
Auf dem Weg zur ehemaligen Gräfingasse erzählt Renate Friedel von Arnstadts Gönnerin Katharina von Nassau, die mit ihrem Gatten - Günther dem Streitbaren - im Schloss gewohnt und in die Oberkirche zum Gottesdienst gegangen war. "Doch weil es in der DDR keine Gräfinnen mehr gab, wurde die Gasse in Berggasse umbenannt. So heißt sie heute noch."
In den Gemächern der Gräfin war im 18. Jahrhundert das Gemälde eines Rattenkönigs gefunden worden: Sechs Ratten, die an den Schwänzen zusammengewachsen waren. Das Bildnis steht heute im Keller des Schlossmuseum und Renate Friedel hofft, dass es eines Tages der Öffentlichkeit gezeigt werden wird. "In meinen 111 Führungen haben nur sechs Leute gewusst, was ein Rattenkönig ist."
Im Prinzenhof wird es richtig spannend, als ein an Pest erkrankter junger Mann von einem Pestarzt aufgegriffen wird. Arnstadt war von der Pest schwer betroffen gewesen. Die Ärzte trugen damals mit Kräutern gefüllte Nasen zur Abwehr der Seuche. "Ob es geholfen hat, ist nicht überliefert", berichtet Stadtführerin Friedel. Im nächsten Keller erleben die Gäste mit schreckgeweiteten Augen eine Kindsmörderin mit blutbefleckter Schürze, einem blutigen Messer und dem toten Kind im Arm. Ihren gellenden Schrei hört die Stadtführerin heute zum 111. Mal. "Obwohl ich genau weiß, was kommt, gefriert mir fast das Blut in den Adern", sagt Friedel, fasziniert von Evelyn Günthers schauspielerischem Talent.
Wer es noch nicht wusste: Im Gebäude des heutigen Bauamtes befand sich einst eine Irrenanstalt. Was sich dort abspielte, weshalb der Bauer Jakob Scherff im Bauernkrieg plötzlich kopflos war und was das Honorar für eine verbrannte Hexe betrug - man erfährt es auf einer zweistündigen Exkursion durch das unheimliche Arnstadt.

Zur Sache:
Regisseur Peter Schaaf schreibt und inszeniert die Szenen
Schauspieler: Evelyn Günther, Stefan Buchtzik, Maike Pedde, Uta Kessel, Thomas Müller
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3 Kommentare
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 29.01.2014 | 00:37  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 29.01.2014 | 11:36  
5.678
Gunter Linke aus Saalfeld | 29.01.2014 | 13:50  
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