Der Große mit den roten Schuhen: Stepptänzer Bernhard Prodoehl aus Erfurt ist eine Sensation beim Arnstädter Winterball

Kaum hat Bernhard Prodoehl seine roten Schuhe an, gibt es kein Halten mehr.
 
Wie er hier und auf den weiteren Fotos eindrucksvoll unter Beweis stellt.
  Arnstadt: ... |

Zum diesjährigen Arnstädter Winterball ist er eine der Sensationen: Der Erfurter Stepptänzer Bernhard Prodoehl. Er ging mit Magic of the dance auf Tournee, tanzte in Südafrika und Brasilien.

Bernhard Prodoehl sollte man mit Besen, Geschirr, Besteck oder leeren Flaschen nicht allein lassen und dann erwarten, dass die Hausarbeit getan wird. Der begnadete Rhythmiker kann nämlich mit allem, was sich gegeneinanderschlagen lässt, geniale Rhythmen erzeugen und tut das auch leidenschaftlich gern. Ganz zu schweigen von seinen Füßen. Kaum stecken diese in den richtigen Schuhen und kommen mit Holzfußboden in Berührung, gibt es kein Halten mehr.
Der 52-jährige Wahlthüringer ist Stepptänzer, Tanzlehrer, Inhaber einer Tanzschule und ein Glanzpunkt des diesjährigen Arnstädter Winterballs. AA-Autorin Jana Scheiding hat sich mit dem Künstler getroffen.


Erstaunlich, was Ihre roten Schuhe können. Welche Böden sind für den Stepptanz geeignet?
Zum Steppen braucht man einen Boden, der Resonanz erzeugt. Und das ist Holz. Ich habe aber auch schon auf Autodächern gesteppt, als wir in Hamburg mit einer Sambaband den neuen Jaguar vorstellten. Was die roten Schuhe betrifft, so bin ich oftmals selbst erstaunt. Und überrascht – ich liebe es, zu improvisieren.

Erlebte der Stepptanz mit Michael Flatley und Riverdance in den Neunzigern eine Revolution?
Ja, der irische Tanz hatte gewaltigen Einfluss. Ich erlebte eine traumhafte Zeit bei „Magic of the Dance“, war mit dem Ensemble über ein Jahr auf Welttournee. Jeden Abend vor Publikum tanzen - das ist unvergesslich.

Wie fanden Sie und der Stepptanz zueinander?
Ich stamme aus Darmstadt, war Songschreiber und Gitarrist. Irgendwann war mir das alles zu klein und ich ging nach Hamburg. Nahm Unterricht an der Schule für Musik und darstellende Kunst. Dort traf ich großartige Musiker in Mengen, die Denke der Menschen war ganz anders als in der Provinz. Für mich begann eine großartige Zeit. Allerdings war die Musikszene 1986 ziemlich kaputt.

Und Sie arbeitslos?
Ich bin gelernter Tischler und kam beim Messebau unter. Nebenbei nahm ich Tanzunterricht und entdeckte den Stepp für mich. Diese Tanzform ist technisch sehr anspruchsvoll und an der Musik so nahe wie kaum eine andere. Dem Stepptanz verdanke ich eine besondere Lebensqualität. Er brachte mich an außergewöhnliche Orte, zum Beispiel nach Südafrika oder nach Brasilien.

Mit Verlaub - waren Sie nicht etwas zu alt, um tanzen zu lernen?
Ganz und gar nicht. Mit 27 bestand ich meine Prüfung als Tanzlehrer. Dafür hatte ich drei Jahre lang jeden Tag Stunden im Ballettsaal zugebracht. Eine meiner späteren Tanzschülerinnen war übrigens Susan Sideropoulus („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Gewinnerin „Let’s dance“ 2007). Musik und Tanz habe ich nie aufgegeben. Irgendwann lernte ich meine Frau kennen und folgte ihr 2006 nach Thüringen. Seitdem habe ich viele Projekte hier gemacht.

Thüringen ist beschaulicher als Hamburg. Macht es Ihnen etwas aus, vor weniger Publikum zu tanzen?
Darauf kommt es gar nicht an. Wissen Sie, für mich ist wichtig, die Menschen zu berühren. Da spielt es keine Rolle, ob ich vor zehn Leuten zu einer Geburtstagsfeier tanze oder vor 30.000 in einem Stadion. Ich hatte auf einem Hotelflur mal eine schöne Begegnung mit Xavier Naidoo. Er sagte mir, dass mein Tanz ihn berührt habe. Ich fand das großartig.

Spürt man schon während der Show, dass die Menschen berührt sind?
Ja, man spürt es am Applaus. Wenn die Leute plötzlich Teil der Show sind, dann hat man sie. Manchmal kommen Zuschauer nach über einem Jahr zu mir und fragen, wann ich dieses oder jenes noch einmal aufführe. Zum Beispiel das Puppenspiel „Der Dicke und die roten Schuhe“, das ich im Theater Erfurt zeigte.

Der Stepptanz birgt hohe Verletzungsrisiken. Hatten Sie je Angst davor?
Angst habe ich nicht, aber Respekt. Man muss wissen, was man tut. Wir haben riskante Sachen gemacht, sprangen aus 30-Liter-Fässern. Aber ich kann mir auch bei einem ganz normalen Sprung den Knöchel brechen. Ich muss vorher einschätzen, was machbar ist und was ich lieber bleiben lasse.

Was haben Sie denn für den Winterball in Arnstadt vorbereitet?
Zum Winterball werde ich zwei oder drei Nummern steppen. Aufgrund meiner Musikkarriere kann ich mich auf jeden Musiker, auf jedes Orchester sofort einstellen. Künstler, die viel vorbereiten, stehen sich mitunter selbst im Weg. Ich improvisiere leidenschaftlich gern, weil es immer wieder Überraschungen gibt. Improvisation entsteht in dem Moment, in dem ich etwas tue. Ich überlege nicht, was mache ich jetzt, es ist einfach da. Ich nenne das „meinen kreativen Pool ausschöpfen“. Und auf meinen Pool kann ich mich immer verlassen.


Zur Sache:
3. Arnstädter Winterball 2016: 13. Februar, 20 Uhr, Stadthalle Arnstadt. Einlass ab 19 Uhr.
Programmhöhepunkte: Größtes Ballorchester Thüringens, Franz L., spielt Klassiker von Cha-Cha-Cha bis Walzer, von Disco Fox bis Latino; außerdem Tangosalon, professionelle Tanzshows, Stepptänzer Bernhard Prodoehl und Überraschungsgäste.
Kontakt: Steffen Wolf, 0177/6729387

www.franz-l.de
www.bp-entertainment.de
www.tanzhaus-erfurt.de

Bernhard Prodoehl in Aktion:



Geschichtlicher Abriss:
Stepptanz entstand im 19. Jahrhundert in den USA. Mit je zwei Metallplatten an den Schuhsohlen werden beim Tanzen rhythmische Klänge erzeugt, die zum optischen Eindruck und zur Musik passen - der Tänzer wird zum Perkussions-Musiker. Stepptanz erlebte eine Blütezeit zwischen 1900 und 1955. Damals war Stepp der Hauptstil in den Shows am Broadway und im amerikanischen Varieté-Theater. In den 1950er-Jahren änderte sich der Tanzstil in der Unterhaltungsindustrie. Rock 'n' Roll und ein neuer Jazztanz-Stil entwickelten sich. Seit 1997 wird einmal jährlich die Show- und Stepptanz-Weltmeisterschaft in Riesa ausgetragen.

Kleine Schrittkunde:
Step: Belasteter Schritt auf die Metallplatte des Fußballens
Stamp: Belasteter Schritt mit dem ganzen Fuß, kraftvoller Schlag
Stomp: Unbelasteter Schritt mit dem ganzen Fuß, kraftvoller Schlag
Toe: Auftippen mit der Fußspitze
Heel: Ton mit der Ferse erzeugen, während der Ballen belastet bleibt
Ball, Tap oder Touch: Unbelasteter Schlag mit der Metallplatte des Fußballens auf dem Boden
Hop: Sprung auf einem Bein
Leap: Sprung von einem Bein auf das andere
Brush: Unbelasteten Fuß über den Boden „schleifen“ und dabei einen kurzen sauberen Ton erzeugen
Shuffle: Doppelton, unbelasteten Vorfuß vor und zurück über den Boden „schleifen“
Flap: Doppelton aus dem fallenden Knie heraus ausgeführt, der lockere Fuß trifft mit dem Ballen auf den Boden, federt kurz zurück und ein step schließt die Bewegung ab
Ball change: Doppelton aus einem unbelasteten und einem belasteten "step"
Scuff: Ferse nach vorne über den Boden schleifen, ergibt einen Schlag
Dig: Ein Schlag, heel, kräftig, nach vorne
Pull back: Zwei Schläge, der erste wird beim Zurückziehen des lockeren Fußes mit dem vorderen Eisen, auf dem man kurz zuvor noch stand, erzeugt, der zweite durch die Landung auf dem gleichen Eisen
Pick up: Zwei Schläge, der erste wird beim Zurückziehen des Fußes, auf dem man auf der Ferse steht, mit dem vorderen Eisen erzeugt, der zweite durch die Landung des anderen Fußes

Sehr beliebt auch Prodoehls Stück im Erfurter Theater:
1
1
1
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige