Die Sachsen aus Transsilvanien - Roland Barwinsky erzählt, was er in den Karpaten erlebt hat

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Einige Sonnenstrahlen hatten sich längst durch die mit Vorhängen verdeckten Fenster des brodelnden Dorfsaales gezwängt. Trotzdem spielte die Band weiter. Immer weiter. Denn die dicht gedrängt stehenden Gäste vor der Bühne verlangten mit ihrem rhythmischen Klatschen nach Zugaben. Robert, der durch diese liebenswerte Zuwendung völlig außer Rand und Band geratene Sänger, präsentierte nun noch einmal und jetzt angeblich zum wirklich allerletzten Mal sein ganzes Sortiment an deutschen Schlagern...

Der freie Autor Roland Barwinsky lernt Weihnachten 1987 auf einer spontanen Reise zufällig Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen kennen – eine deutschsprachige Minderheit mitten in Transsilvanien. Gastfreundschaft und Herzlichkeit überraschen den DDR-Bürger, der das sozialistische Bruderland als besonders schrill eingeordnet hatte. „Die Erlebnisse ließen mich nicht mehr los. Ich lernte wunderbare Menschen kennen, unterhalte heute noch viele Kontakte“, beschreibt Barwinsky seine Eindrücke von damals. Und damit nichts davon in Vergessenheit gerät, hat er das Erlebte aufgeschrieben, um es mit anderen zu teilen. 2011 hielt er seinen ersten Vortrag. Für diesen Monat sind zwei Lesungen geplant.

Weihnachten in Familie


„Wir klingelten an einer Tür. Eine Frau öffnete und bat uns herein, nachdem wir erklärt hatten, dass wir Touristen sind und Weihnachten in Rumänien verbringen wollten. Mehrere Generationen lebten hier unter einem Dach. Das wurde sofort klar, als wir in die behagliche Küche kamen. Eine alte Dame, die ganz dunkel gekleidet war und ein schwarzes Kopftuch trug, saß neben dem knisternden Ofen. Ihre Schwiegertochter, die uns gerade hereingebeten hatte, deckte derweil den Tisch. Ihr Sohn, der zurzeit seinen Wehrdienst leistete, war wegen dem bevorstehenden Fest gerade auf Heimaturlaub. Und der eigentliche Hausherr köpfte die allerbeste Flasche seines selbsthergestellten Schnapses.“ In ein paar Stunden würde man auch hier das Lied "Stille Nacht" singen, den Tannenbaum schmücken und sich gegenseitig beschenken.“

"Ich lernte Land und Leute kennen, wie sie waren"


Barwinsky reiste stets fernab jeglicher Reisegruppenidylle und erlebte dadurch Einmaliges. „Ich lernte Land und Leute kennen, wie sie wirklich waren“, erzählt er. „Und so manche bürokratische Hürde überwanden wir mittels Kaffee der Marke ‚Rondo‘ und Zigaretten.“ Für Pfeffer habe man in Rumänien fast alles bekommen, erinnert sich Barwinsky. Der „rote Vampir“, Diktator Nicolae Ceausescu, führte all dies nicht ein, weil es ihm zu teuer war. Schneller als gedacht war diese Ära zu Ende. 1990 kam die Wende auch für Rumänien. „Ich kaufte mir zu Hause einen Trabi für 100 Mark und besuchte wieder die rumänischen Dörfer. Doch von den Siebenbürger Sachsen traf ich kaum noch jemanden an. Die meisten von ihnen waren in den Westen ausgereist“, erinnert sich Roland Barwinsky . Erhalten geblieben ist eine ganze Reihe bei dem Auszug zurückgelassener Kulturgüter. Einige Leuchttürme, wie Kirchenburgen oder die Stadtzentren wichtiger Metropolen wurden inzwischen renoviert. Bis heute ist das Straßennetz ausgebaut worden, Autobahnen entstanden.

"Die Deutschen haben die Uhr, wir die Zeit"


Wenn Roland Barwinsky heute „seine“ Dörfer besucht, dann fährt er mit dem Zug oder trampt wie früher. „Ich reise ohne Handy, weil ich nicht immer erreichbar sein will“, sagt er. Die Menschen in den Karpaten vertreten eine Philosophie, die Roland Barwinsky angenommen hat: „Ihr Deutschen habt die Uhr – wir haben die Zeit.“


Hintergrund:
Johannes Honterus, ein Weggefährte Martin Luthers, reformierte 1547 die vorwiegend als Bauern und Handwerker tätigen Siedler am Fuße der Karpaten. Glaube und Heimatverbundenheit spielten dort eine wichtige Rolle. Dieser Eindruck verfestigte sich später bei dem Anblick der vielen Wehrkirchen, die es in den siebenbürgischen Orten gibt. Hinter deren dicken Mauern fanden in vergangenen Epochen oftmals ganze Dorfgemeinschaften Schutz vor ungebetenen Eindringlingen. Durch den Friedensvertag von Trianon kam 1920 ganz Transsilvanien zu Rumänien. Einem Land, welches im Zweiten Weltkrieg erst an der Seite Nazideutschlands kämpfte und dann 1944 plötzlich die Seiten wechselte. Überraschend war das auch für die verblendeten und um ihre Identität ringenden Rumäniendeutschen, die sich teilweise freiwillig für den Dienst in Hitlers Truppen gemeldet hatten. Mit Deportationen und dem Verlust vieler vormaliger Sonderrechte musste diese Minderheit nach 1945 teuer für den Krieg zahlen. Aber mit ihrem kommunistischen Land ging es abwärts. Die Menschen wollten nur noch weg.


Termine:
12. Dezember, 19 Uhr, Rathaus Gefell - Siebenbürgische Geschichten und Reiseerinnerungen (Eintritt frei).
26. Dezember, 20 Uhr, Folkclub Isaar – Impressionen aus Siebenbürgen. Musikalisch-literarische Veranstaltung gemeinsam mir Roy Barra (www.folkclub-isaar.de)
Kontakt über die Landeszentrale für politische Bildung: 0361/3792730 oder www.lzt-thueringen.de


Zur Person:
Roland Barwinsky, 1963 geboren, 1981 Abitur. Armee, Studium, mehrere Arbeitsstellen. 1988 Bibliotheksfacharbeiter. Seit 1992 freier Journalist.
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 07.12.2014 | 11:44  
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