Ein bisschen wie Reinhard Mey, nur viel cooler: Matthias Gehler erzählt Lebenslieder - am Sonntag im Theater Arnstadt

Matthias Gehler 1991 mit Angela Merkel beim letzten Konzert. (Foto: Wild media)
 
Gehler und Merkel im Sommer 2014. (Foto: Wild media)
Arnstadt: ... |

Matthias Gehler, Jahrgang 1954, ehemaliger Pfarrer, Liedermacher und Journalist, war im letzten Kabinett der DDR-Regierung unter Lothaer de Maiziére Regierungssprecher. Für den Job der Stellvertreterin hatte man Gehler die Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs empfohlen - Angelika Merkel.
Seit 1992 ist der heute 60-Jährige Programmchef des Mitteldeutschen Rundfunks, aber verlernt hat er weder Gesang noch Gitarrespiel.

Die Premierenlesung zur Erfurter Herbstlese im Café Nerly war bis auf den letzten Zentimeter ausverkauft. Obwohl nach knapp anderthalb Stunden die Luft in der ehemaligen Turnhalle zum Schneiden dick war, wollte das Publikum eine Zugabe. Die es selbstverständlich bekam.
Eine Lesung zu zweit - moderiert wird die Veranstaltung von MDR-Moderator und Verleger Willi Wild. Ein Frage-Antwort-Spiel, das witzig ist und auch dem, der zuhört, Spaß macht. Dass Matthias Gehler mit seinem Buch "Wenn Gedanken Flügel hätten" alte Geschichten aus der DDR aufwärmt, wäre eine Beleidigung. Er betrachtet diese Zeit mit Distanz, lässt aber weder Tiefe noch Leidenschaft vermissen. Denkwürdig die Geschichte, als er zur Messe der Meister von Morgen nach Leipzig fuhr, um eine Maschine vorzustellen, die er selbst mit entwickelt hatte. Und nur weil er aus Überzeugung kein FDJ-Hemd trug, unverrichteter Dinge wieder heimkehren musste.
Auch Angela Merkel findet offenbar Gefallen an dem Buch - sie schrieb das Vorwort.

Vor der Premiere am heutigen Abend hatte ich Gelegenheit, mit Matthias Gehler über dies und das zu sprechen.

Frau Merkel und Sie - wie passte das Anfang der Neunziger zusammen?
Ich brauchte dringend einen Stellvertreter und sie war mir empfohlen worden. Also frage ich nach, ob sie an der Stelle interessiert sei. Ihre handschriftliche positive Antwort habe ich noch heute. Frau Merkel war damals schon recht pragmatisch. In der Politik zwar unerfahren, aber das waren wir ja alle. Es gab viel zu tun. In den regelmäßigen Pressekonferenzen saßen immer 200 Journalisten aus aller Welt.

Was denken Sie heute über Ihre ehemalige Mitstreiterin?
Dass sie einen tollen Weg gegangen ist und Deutschland in der Welt gut positioniert hat.

Nach 25 Jahren blicken Sie mit Buch und CD in die Vergangenheit. Warum?
Ich hatte das nicht geplant, es geschah zufällig. 2013 war MDR THÜRINGEN mit der Reihe "Der Redakteur" für den Deutschen Radiopreis nominiert. Leider blieb es bei der Nominierung. Auf der Rückfahrt von Berlin saßen mein Redakteur und ich beseelt von der Atmosphäre in unserem Dienstopel und ich rezitierte: "Mein Publikum klatschte und lachte - die einen laut, die anderen sachte." Er sagte: "Stimmt, du warst ja mal Liedermacher." Ich hatte zu jedem Lied eine Geschichte und plötzlich meinte er, dass ich das unbedingt aufschreiben soll. Zu Hause wühlte ich im Keller meinen alten Koffer hervor. Da waren noch die Einstufung, der selbstgebaute Mundharmonikahalter und viele Fotos drin. So begann es.

In der DDR schrammten Sie oft haarscharf am Auftrittsverbot vorbei. Haben Sie sehr gelitten?
Ich war kein Revolutionär, ich habe gemacht, was mir in den Sinn kam. Allerdings war das nicht ungefährlich. Einmal wurden mir sogar die Radmuttern gelockert.

Erinnern Sie sich an eine konkrete Situation?
Bei einem Konzert spürte ich, dass ich unter Beobachtung stehe. Tatsächlich blieb ein Paar nach dem Konzert noch sitzen, als ich schon die Technik abbaute. Ich ging also zu ihnen hin. Sie stellten sich als Polizisten vor und sagten, dass mein Konzert sie sehr beeindruckt habe. Sie empfahlen mir aber, in meinem eigenen Interesse das Lied "Grau" - graue Häuser, graue Masse, die tief ins Bewusstsein der Menschen dringt - beim nächsten Konzert in Bad Elster nicht zu spielen.

Haben Sie es gespielt?
Nein – nicht in Bad Elster, aber an anderer Stelle. Ich wurde wegen dieser Lieder zurückgestuft, durfte nicht mehr die gewohnte Gage nehmen. Ich verlegte also meinen Aktionsradius überwiegend in Kirchen.

Irgendwann gaben Sie auf...
Ich wollte einfach nach der Wende den Deckel zumachen. Der Abschluss war mein schönstes Konzert: Ein Festival im Berliner Pressezentrum - übrigens von Angela Merkel moderiert.

Und jetzt feiern Sie Ihr Comeback.
Nun, meine Lieder waren zwischenmenschlich, gesellschaftskritisch und das Verrückte ist: viele von ihnen treffen heute noch zu. Natürlich habe ich ihnen einen neuen Anstrich verpasst. Sie sind nicht so arrangiert wie damals, sondern zeitgemäßer. Aber auch für das Buch sind spannende Geschichten entstanden.

Was werden Sie Ihrem Publikum in den Lesungen bieten?
Ich werde einzelne Geschichten erzählen und mindestens zehn Lieder singen. Dafür habe ich wie ein Weltmeister Gitarre geübt. Es gibt Konzertantes, Kritisches, Besinnliches, Balladen und ein Klavierstück. Das handelt von einer Frau, die ein Bild von Mozart an der Wand hängen hat, mit dem sie irgendwie in Wechselwirkung steht. Wenn sie das Bild anschaut, wird sie ganz ruhig. Ich denke, dass jeder Mensch so einen Anker im Leben hat und Momente, die ihn beflügeln. In denen er sich entfaltet.

Fühlen Sie sich beflügelt von den Dingen, die in den nächsten Tagen kommen?
Ich freue mich auf mein Publikum. Aber ich bin auch aufgeregt. Schließlich ist es der erste Auftritt seit 25 Jahren.


Das Buch und die CD "Wenn Gedanken Flügel hätten" - Lebenslieder von Matthias Gehler, sind bei dem Apoldaer Verlag Wild Media erschienen.
Termine:
8. November, 17 Uhr, Eckermann-Buchhandlung Weimar
9. November, 19.30 Uhr, Theater im Schlossgarten Arnstadt
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 07.11.2014 | 23:33  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 08.11.2014 | 17:59  
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Viktor Ferox aus Apolda | 08.11.2014 | 23:23  
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