Führung unter Palmen: Thomas Roll erklärt uns eines der schönsten Häuser Arnstadts

  Arnstadt: ... |

Die Dunkelheit ist hereingebrochen, als die Arnstädter Feuerwehr an jenem 21. Januar Richtung Marktplatz ausrückt. Im Rathaus war Feueralarm ausgelöst worden, doch als die Löschzüge dort eintreffen, ist alles ruhig. Schon wollen die Floriansjünger wieder abziehen, als plötzlich jemand den Rauch ein paar Häuser unterhalb des Marktes erblickt...

Die Geschichte des Hauses "Zum Palmbaum" ist so reichhaltig, dass sie mehrere Ordner füllt. Thomas Roll, Gästeführer der Stadt Arnstadt, führt seine Chronik akribisch und weiß über das im deutschen Renaissancestil erbaute Patrizierhaus viel zu erzählen. Roll hat, als es noch die Touristinformation beherbergte und er hier ein- und ausging, seine Leidenschaft für das Haus entdeckt. "Als 2013, kurz vor der Neueröffnung als Musikschule, der Brand ausbrach, empfand ich die Zerstörung der Werte als sehr schmerzhaft", erinnert sich Roll. "Gott sei dank waren die Brandschutzwände noch nicht gesetzt. So zog der Rauch durch die Häuserzeile und löste schließlich im Rathaus den Alarm aus." Ein Glück, dass das Haus zu jenem Zeitpunkt nicht möbliert und auch die Instrumente noch nicht umgezogen waren.

Seine Entstehung verdankt das Haus "Zum Palmbaum" ebenfalls einem Brand. Als eines von über 300 Häusern wurde der Vorgängerbau - das Haus "Zum Roten Stern" - 1581 ein Raub der Flammen des großen Stadtbrandes. Weshalb man den Häusern zu dieser Zeit Namen gab, weiß Thomas Roll: "Die einfachen Menschen konnten weder lesen noch rechnen. Also merkten sie sich die Häuser nicht anhand von Hausnummern, sondern von Hauszeichen."

Fast jeder Winkel des Hauses birgt ein spannendes Geheimnis. Thomas Roll zeigt auf die dunkelroten Deckenbalken und erklärt, dass diese früher mit Ochsenblut lasiert wurden. Der im hinteren Teil befindliche Laubengang war Dreh- und Angelpunkt in Eugenie John Marlitts Roman "Die Frau mit den Karfunkelsteinen". Doch das Highlight des Hauses ist die 400 Jahre alte Stuckdecke mit Darstellungen nach Ovids Metamorphosen. "Ähnliche Decken gibt es nur noch zweimal in Thüringen: Auf der Heidecksburg in Rudolstadt und in der Hofapotheke Sondershausen", erzählt Thomas Roll.

Die Stuckdecke im Palmbaum gehört zu den Meisterwerken architektonischer Baukunst. Reliefs zeigen Sonnengott Helios, der mit seinem Streitwagen über den Nachthimmel fährt, oder Andromeda, die einem Meeresungeheuer zum Fraß vorgeworfen wird. "Die griechische Mythologie war vor 400 Jahren groß in Mode", hat Gästeführer Roll recherchiert. "Jedenfalls waren die Bücher die am meisten verkauften jener Zeit."


Zur Sache:
Das "Haus zum Palmbaum" wurde von 1583 bis 1593 von Christoph Kirchberger erbaut.
Die ägyptische Palme über dem Portal steht für Fruchtbarkeit, Fortuna mit Füllhorn für Glück und Handelsgott Hermes für Reichtum.
Das Haus wurde früher - wie viele andere Häuser Arnstadts - als Brauhaus genutzt.
Ab Oktober 1979 fungierte es als Stadtgeschichtsmuseum, Bach-Gedenkstätte, Literatenkabinett und Arnstadt-Information.
2012 erfolgte die bauliche Verbindung mit dem Nachbarhaus "Zum Schwarzen Löwen".
Der am 21. Januar 2013 durch Heißklebearbeiten verursachte Brand richtete einen Schaden von 50 000 Euro an.
Seit 2014 ist das Haus Domizil der Musikschule Arnstadt-Ilmenau.
Termin: 28. Februar Führung durch das Haus "Zum Palmbaum". Treffpunkt 14 Uhr vor dem Eingang.
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Hannelore Grünler aus Artern | 15.03.2015 | 17:13  
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