Käthe Kruse kaufte in Ilmenau Schnallenschuhe für ihre Charakterpuppen

Mit solchen Musterkästen reisten die Ilmenauer Produzenten auf Messen.
 
Jana Kämpfe sitzt an einem Heimarbeitsplatz für Näherinnen von Puppenkleidern.
Ilmenau: ... |

Friedrich Gottfried Volckmar ist ein sehr geschickter Porzellanmaler, doch das Geld, das er in der Ilmenauer Porzellanmanufaktur verdient, reicht gerade so für den Lebensunterhalt der Familie.

Man schreibt das Jahr 1805. Vor 200 Jahren wurde der Werkstoff Pappmaché erfunden, den man unter anderem für Stuckdecken verwendet. Warum, denkt sich Volckmar, soll man aus Pappmaché nicht auch Puppenköpfe herstellen können? Er beginnt zu experimentieren und hat damit so viel Erfolg, dass er fünf Jahre später die Produktion von zu Hause in eine Fabrik verlegen muss. Mit seiner Erfindung gehört er zu jenen, die die industrielle Revolution in Ilmenau einläuten. Dafür erhält er vom Großherzog eine Verdienstmedaille und ein "ausschließliches Privilegium zur Betreibung einer Puppenfabrik". Heute nennt man so etwas Monopol.

Auch Ilmenau ließ die Puppen tanzen


Diese Geschichte war bis zum Fund der Akte 201075 im Stadtarchiv weitgehend unbekannt. Kam die Sprache auf Puppenproduktion, erwähnte man bislang lediglich Sonneberg und Waltershausen. Ein Zustand, der Jana Kämpfe vom GoetheStadtMuseum schon lange ärgerte. "Diese Akte, beginnend 1821, ist das früheste Zeugnis schriftlicher Art über die Puppenherstellung in Ilmenau. Volckmar hat mit seiner Erfindung der Region einen großen Dienst erwiesen. Pappmaché war preiswert und für die Massenproduktion bestens geeignet."
Zu Spitzenzeiten beschäftigt Volckmar bis zu 30 Arbeiter. Darunter Augeneinsetzer, Balgnäherinnen, Modelleure, Puppenschuhmacherinnen, Sohlenpresser, Kartonfertiger oder Puppendoktoren. Dank seines Monopols darf er als einziger im Stadt- und Amtsbezirk Ilmenau Puppen produzieren. Erst 1852 wird die Produktion auf Porzellan umgestellt, als Fischer, Naumann & Co. die Volckmarsche Fabrik übernehmen.

Mit Armen und Beinen


"Die Akte ist ein Glücksfund. Sie gibt detailliert Auskunft über die Puppenproduktion in Ilmenau. Leider arbeitete man damals nicht mit Labels, so dass viele Fundstücke bisher nicht zugeordnet werden konnten. Jetzt ist das in vielen Fällen möglich", ist Jana Kämpfe hocherfreut. Ilmenau steht heute auf den Scherben der Puppenproduktion. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwelche Funde ins Museum gebracht werden. "Neulich brachte mir jemand einen ganzen Karton voller Puppenarme und -beine, die er in der Nähe der Jäcklein-Brauerei ausgegraben hatte. In Ilmenau gab es einige Manufakturen und Produktionsstätten. Jeder Fund freut uns, weil er zeigt, dass sich Ilmenau hinter Sonneberg und Waltershausen nicht verstecken muss."


Zur Person:
Jana Kämpfe studierte Volkskunde, europäische Ethmologie und mittelalterliche Geschichte.
Die aus Crimmitschau Stammende absolviert bis 2016 ein Praktikum im GoetheStadtMuseum in Ilmenau. Unter anderem inventarisiert sie Exponate und bereitet Ausstellungen vor.


Hintergrund:
Im 19. und 20. Jahrhundert war die Spielzeugherstellung ein wichtiger Bestandteil der städtischen Arbeits- und Lebenswelt in Ilmenau. Zeitweise gab es 13 Unternehmen mit hervorragendem Umsatz.
Friedrich Gottfried Volckmar gründete 1810 die erste Ilmenauer Pappmaché- und Puppenfabrik. Er produzierte hochwertige Tierfiguren, Attrappen, Puppenköpfe und Puppen.
Als der spätere Firmeninhaber Carl Volckmar 1852 starb, verkauften seine Erben das Geschäft an Fischer, Naumann & Co., die 1891 etwa 326 Arbeiter beschäftigten.
Kunden konnten aus 610 Puppenschuhmodellen wählen.
Käthe Kruse kaufte in Ilmenau Schnallenschühchen für ihre Charakterpuppen.
Fischer und Naumann exportierten nach Großbritannien, Frankreich, Österreich, Russland, Skandinavien und Nordamerika.
Die Puppenfabrik Wagner & Zetzsche war die zweite große Spielwarenfirma in Ilmenau, von den Kaufleuten Richard Wagner und Richard Zetzsche 1875 gegründet.
Ingeborg Knefeli, geborene Zetzsche, war bis 1960 Geschäftsinhaberin, danach Ehemann Heinrich. 1972 wurde der Betrieb verstaatlicht und dem Kombinat Puppen- und Plüschspielwaren Sonni, Betriebsteil Gehren, VEB Plüsch- und Stoffspielwaren, angegliedert.
Die Akte "Acta Senatus des Herrn Friedrich Gottfried Volckmar" kann im Stadtarchiv eingesehen werden.

Nächste Ausstellung im GoetheStadtMuseum:
"Mit Kohlestift und Fotoapparat" - Ilmenauer Impressionen von Georg Renger und Evi Schwappach-Bieber. Zu sehen vom 29. März bis 13. September, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 25.03.2015 | 21:31  
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Hannelore Grünler aus Artern | 29.03.2015 | 18:12  
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