Musik ist Mathematik, sagt Kantor Thomas Brandt aus Oberweißbach

  Oberweißbach/Thüringer Wald: ... |

Seinen Arbeitsplatz kann Thomas Brandt von der Wohnzimmercouch aus sehen. Geschätzte 150 Meter ist die Hoffnungskirche entfernt, wenn er über Notenständer, Schreibtisch und Kater Whiskey aus dem Fenster schaut. Seit 2001 ist Thomas Brandt Kantor in Oberweißbach und somit für die gesamte Kirchenmusik im Ort zuständig.

"Zur 225. Kirchweihe im Jahr 2004 erhielt das rein protestantisch geprägte Gotteshaus seinen Namen", erzählt Brandt. Der Volksmund bezeichnet es nach wie vor als "Südthüringer Dom". Der Größe, der überdimensionalen Kanzel und der 2000 Sitzplätze wegen.
Augenblicke später sitzt Brandt am Spieltisch der Schulze-Orgel und lässt das gewaltige Instrument erklingen, dass man den Atem anhält. Bewegen ist, wenn überhaupt, nur noch auf Zehenspitzen möglich. Orgelmusik strahlt Erhabenheit aus, etwas Überirdisches, vor dem man sich verneigen möchte.
"Ich könnte den ganzen Tag lang auf der Orgel spielen", schwärmt der Kirchenmusiker, "wenn da nicht die vielen anderen Aufgaben wären, außer das Evangelium stimmgewaltig zu verkündigen." Die Arbeit mit den Chören zum Beispiel. Die Musik im Kindergarten und das Programm fürs kommende Jahr.

Wie zwei Liebende, die sich nicht kriegen konnten


Thomas Brandt und die Musik waren lange Zeit wie zwei Liebende, die sich nicht kriegen konnten. Zumindest durften sie keine feste Verbindung eingehen. Als Schüler nimmt Brandt, im heimatortnahen Bitterfeld Klavierunterricht. "Bach hat mich damals nicht im mindesten inspiriert, doch meine Eltern hielten mich auf musikalischem Kurs. Heute schätze ich ihn wegen seiner Opernstücke, Kantaten und Oratorien." Nach der Schule beginnt Brandt eine Maurerlehre in der Filmfabrik, später wird er Ingenieur für Tiefbau und arbeitet bis zur Wende in der Projektierung. Weil ihn die Musik nicht loslässt, nimmt er weiterhin Unterricht und spielt sogar auf der Orgel in seiner Heimatstadt Wolfen.
Als nach der Wende der Betrieb abgewickelt wird, absolviert der talentierte Musiker eine nebenberufliche Kirchenmusikausbildung in Halberstadt, kehrt aber wieder in seinen Beruf zurück und arbeitet in einem Planungsbüro. "Die Musik war immer nur mein Hobby, aber sie ließ mich nicht los", rekapituliert Thomas Brandt diesen Lebensabschnitt. "Als 1997 die Aufträge ausgingen, dachte ich: Wann, wenn nicht jetzt und studierte vier Jahre Kirchenmusik."
Zunächst ist Brandt selbstständig. Bis er eines Tages seinen ehemaligen Professor trifft, der ihm sagt: "Ein ordentlicher Kantor braucht eine ordentliche Stelle." Für den Musiker die Initialzündung. Er bewirbt sich im ganzen Land und hat kurz nach der Jahrtausendwende ein Vorstellungsgespräch in Oberweißbach.

Berge waren mir suspekt


"Zu diesem Gespräch kam ich mit mehrstündiger Verspätung", erinnert sich der Kantor. "Berge kannte ich von zu Hause nicht. Ich schaute aus meinem Autofenster in die hohen Wälder und konnte mir nicht vorstellen, dass dahinter noch etwas kommt."
Heute liebt er die Gegend, sein Städtchen Oberweißbach und auch die Menschen sind ihm ans Herz gewachsen.
"Ich bin ein Pendler zwischen den Welten - der Welt der Zahlen und der Welt der Töne", sagt er und klingt fast ein wenig philosophisch. "Man kann Musik auch in ein Zahlenverhältnis setzen. Und Schwingung ist Physik. Aber alles hat eine himmlische Komponente: Musik ist auch Verkündigung."
Bevor Kantor Thomas Brandt das Licht in der Kirche löscht, schaut er sich noch einmal um. "Wenn ich der Musik nicht treu geblieben wäre, hätte ich vielleicht diese Kirche mitsaniert. Wer weiß das schon." Gottes Wege sind bekanntlich unergründlich.


Zum Thema:
Oberweißbach hat seit 1932 Stadtrecht, obwohl es nur rund 1800 Einwohner hat.
Die Stadt ist Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Bergbahnregion/Schwarzatal.
Die Orgel kann einen Ton unendlich lange anhalten, wenn sie nur genügend Luft bekommt. Der Blasebalg wird heute nicht mehr von Konfirmanden, sondern von Elektomotoren angetrieben.
Die in Griechenland erfundene Orgel war zunächst ein weltliches Instrument, bis man herausfand, dass sie den Charakter der kirchlichen - bis dato ausschließlich vokalen - Musik hervorragend unterstreicht.
Ein Kantor ist der Vorsänger oder Chorleiter im Gottesdienst. Er ist in der Gemeinde für die Kirchenmusik verantwortlich.
Termine: Lichterfest am zweiten Adventswochenende, Liederabend mit dem Männerchor im Bürgerhaus am Markt, 2015: Improvisationskonzert mit Didgeridoo, Panflöte und Orgel; 5. Juni Liedermacher Gerhard Schöne im Konzert
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 20.11.2014 | 18:14  
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Renate Jung aus Erfurt | 26.11.2014 | 20:38  
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