Rudolstadt als kulturpolitisches Zentrum - Am Wochenende finden hier die Barocktage Mitteldeutschlands statt

Die Heidecksburg ist Dreh- und Angelpunkt der Barocktage in Rudolstadt.
Rudolstadt: ... |

Heute bleibt dem sechsjährigen Georg keine Zeit, um Kind zu sein. Die nächsten Stunden wird der Junge wohl am Klavier verbringen müssen. Da kennt sein Vater, Komponist Georg Gebel der Ältere, keine Gnade. Längst sind er und sein "gezüchtetes" Klavier und Orgel spielendes Wunderkind in der feinen Gesellschaft in aller Munde.

Gut 14 Jahre später kann Gebel Junior erste große Kompositionen vorweisen. Seine Lebensstellung findet er schließlich 1746 in Rudolstadt, wo er sich zunächst Konzertmeister, später Hofkapellmeister nennen darf. Auskosten kann er seinen Erfolg nicht. Der bei den Rudolstädter Musikern und Fürst Johann Friedrich äußerst beliebte Kapellmeister ist von krankhafter Arbeitssucht getrieben, aus der er nicht mehr herausfindet. Einen Monat vor seinem 44. Geburtstag stirbt Gebel im September 1753 an den Folgen dieser geistigen Überarbeitung. Doch es soll nicht das Ende sein. Über 250 Jahre später werden Gebels Werke einem gewissen Manfred Fechner in die Hände fallen, der sie wieder zum Leben erweckt.

2015 steht Rudolstadt im Fokus des Vereins "Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen". Unter dem Motto "Hochlöblich musizieret" gastiert er hier mit den Tagen Mitteldeutscher Barockmusik . "Wir wollen erzählen, welche musikalischen Schätze die Menschen gerade in kleinen Städten entdecken können", erklärt Vereinssprecher Carsten Gerth. Und dieser Schatz sind die Kantaten von Georg Gebel und seinem Berufskollegen Philipp Heinrich Erlebach, der von 1678 an am Hof Schwarzburg-Rudolstadt wirkte.
Die wiederentdeckten Kantaten dieser beiden Meister hat Professor Manfred Fechner aus Jena neu eingerichtet. Über die Werke Gebels gerät der Musikwissenschaftler regelrecht ins Schwärmen und kann die Hysterie um Johann Sebastian Bach nicht nachvollziehen. "Bach war einer der bedeutendsten Komponisten, aber es gab auch andere. Seine Musik ist großartig, aber ich kann sie nicht mehr hören. Ich spanne den Radius weiter und kümmere mich lieber um wenig bekannte Komponisten, die auch geniale Musik gemacht haben. Leider ist Gebel zu jung verstorben, um bekannt zu werden. Allein 100 seiner Kantaten liegen in Rudolstadt. Als tragisch empfinde ich auch, dass von 750 Werken des Komponisten Erlebach lediglich 28 erhalten sind. Die anderen gingen bei einem Schlossbrand in Flammen auf."
Für die Barocktage in Rudolstadt hat Fechner alte Quellen aufbereitet, um sie für heutige Orchester bespielbar zu machen. "Die Partituren waren fehlerhaft. Wegen Gebels unleserlicher Handschrift haben sich damalige Kopisten ziemlich vertan. Wenn man das nicht Note für Note durchgeht, würden wir heute wohl eine arge Katzenmusik zu hören bekommen", erklärt der Musikwissenschaftler.
Am Wochenende werden zu den Tagen Mitteldeutscher Barockmusik Gebels und Erlebachs Kantaten - zum ersten Mal seit 1748 - wieder aufgeführt.


Hintergrund:
Veranstaltet werden die Tage Mitteldeutscher Barockmusik vom Verein Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Jedes Frühjahr gastiert das Wanderfestival in einer mitteldeutschen Stadt.
Rudolstadt wurde wegen seiner musikalischen Kleinodien ausgewählt: Zum einen die Hochzeit des Grafen Ludwig Günthers I. von Schwarzburg-Rudolstadt, 1638, mit Aemilie Antonia von Oldenburg-Delmenhorst. Alle sollten sehen, dass der kleine Rudolstädter Hof kultur-politisch in der großen Welt mitspielen konnte. Im Eröffnungskonzert am Freitag werden Stücke gespielt, die auch zur Hochzeit erklangen. Zum anderen die hochgeachteten, dennoch wenig bekannten Komponisten Georg Gebel und Philipp Heinrich Erlebach, die im 17. und 18. Jahrhundert Kapellmeister in Rudolstadt waren.
Termin: 15. bis 17. Mai in Rudolstadt, insgesamt zehn Veranstaltungen
www.unMittelBARock.de
Programm:
Freitag, 20 Uhr Festkonzert (Stadtkirche St. Andreas)
Samstag, 9.30 Uhr Sonderführung (Historische Bibliothek); 11.30 Uhr Sonderführung und Präsentation von Noten, Dokumenten und Musikalien (Thüringisches Staatsarchiv Schloss Heidecksburg); 11.30 Uhr Matinée - Motetten und Instrumentalwerke der Musikerfamilie Bach (Stadtkiche); 14.30 Uhr Sonderführung Thema Hofmusik (Heidecksburg); 17 Uhr Wandelkonzert mit Musik von Erlebach, Gebel und Kollegen (Stadtkirche, Schallhaus, Schloss)
Sonntag, 10 Uhr Festgottesdienst (Stadtkirche); 11 Uhr Vernissage Botanisches Interesse am Hofe zu Rudolstadt - zu sehen bis 2. August (Schloss); 11.30 Uhr Stadtführung (Treff Innenstadt); 16 Uhr Orgelspazierung (Stadtkirche, Katholische Kirche, Lutherkirche)
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2 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 13.05.2015 | 16:08  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 17.05.2015 | 23:21  
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