Sag mir, wo die Dahlien sind, wo sind sie geblieben...?

Gerhard Görlitz mit den Leid-Katalogen von 1911 und 1915.
 
Schön anzusehen. Tausende Dahlien haben einst in Arnstadts Schlossgarten und im Alten Friedhof geblüht.
Arnstadt: ... | Schon in den 1950er Jahren soll die Dahlie in Arnstadt Hochkonjunktur gehabt und das Bild im Schlossgarten maßgeblich geprägt haben. Bis zu 90 000 Stück
blühten in Spitzenzeiten im Schlossgarten und im Alten Friedhof. Das behauptet
Gerhard Görlitz, der diese Zeit miterlebte und jetzt – als Pensionär - ein im Ausland gefragter Seniorpartner ist, der sich im Gartenbau auskennt.
„1950 hatte Arnstadt 21 Erwerbsgartenbau- und etwa 20 Nebenerwerbsbetriebe“, erinnert sich der Obstbauingenieur. „Überall wurde die Dahlie zur Schnittblumengewinnung angebaut“. Im Katalog der bekannten Firma Leid sind vor 100 Jahren über 60 Dahliensorten ausgewiesen. Der damalige Stadtgärtner Robert Pietrusca hatte versucht, im Stadtgarten Rosen
zu pflanzen, jedoch keine Pflanzen bekommen. Also nahm er Kontakt zu hiesigen Gärtnern auf und bat diese, Dahlien-Jungpflanzen für den Schlossgarten bereitzustellen. „1961 siegte der sozialistische Frühling“, erklärt Gerhard Görlitz: „Die Gartenbaubetriebe schlossen sich zu Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften zusammen und waren nun imstande,
100 000 und mehr Dahlien zu kultivieren. Leider verloren die Privatgärtner dadurch Absatzmöglichkeiten und stellten die Bepflanzung im Schlossgarten schließlich ein. Am längsten hielt sich damals die Firma Hartleb.“
Zu dieser Zeit trat Görlitz seine Tätigkeit als Leiter der LPG im Jonastal an. „Im kapitalistischen Ausland hatte sich herumgesprochen, dass es in der DDR sehr preisgünstige Dahlienknollen gibt“, erinnert er sich. „Da sich die Lieferanten nun vollständig nach den Wünschen der Auftraggeber richteten, reduzierte
sich die Sortenvielfalt irgendwann auf acht.“
Zum Unglück Arnstadts wurde 1961 in der damaligen Bezirksstadt Erfurt die IGA
eröffnet, wo riesige Flächen für die Dahlienbepflanzung entstanden. Leider untersagte die Bezirksleitung fortan Dahlienschauen in Arnstadt, weil
sich alles auf Erfurt konzentrieren sollte.
Nach der Wende fragten viele Arnstädter im Rathaus an, ob wieder Dahlien
gepflanzt würden. „Der Boden sei verseucht“, soll es von Rathausseite gehießen haben. Und: Man brauche mindestens zehn Jahre, um den Boden zu rekultivieren. „Völliger Unsinn!“, kommentiert Gerhard Görlitz diese Aussage. „Wir konnten uns gar nicht erlauben, krankes Material zu liefern, das hätten uns die Auftraggeber nicht abgenommen.“
„Arnstadt war Dahlienstadt“, bestätigt Angelika Stiel, Pressesprecherin der
Stadtverwaltung. „Mit der Pflanzung an der Neideckruine haben wir die Blumentradition Arnstadts auch wieder aufgenommen." Und weiter: "Kontaminiert oder verseucht war der Boden natürlich nicht, aber durch die jahrelange Monokultur stark in Mitleidenschaft gezogen." Jetzt gibt das Konzept in Arnstadt eine durchgängige Mischbepflanzung vor - also eine bunte Mischung aus verschiedenen Blumen. Angelika Stiel erklärt, warum: "Die Dahlienknollen werden im Mai gesät, im September blühen sie. Dazwischen haben Sie nichts. Das sieht unser Konzept nicht vor."
Für den Schlossgarten seien absichtlich große Wiesenflächen vorgesehen, die von der Bevölkerung auch angenommen würden. Überhaupt sei die Großbepflanzung, wie aus DDR-Zeiten bekannt, nicht mehr zeitgemäß. Das hätten zahlreiche Bundes- und Landesgartenschauen gezeigt. "Heute nimmt man Einpflanzungen auf großen Flächen vor, so dass eine möglichst lange Blütezeit gegeben ist", erklärt Pressesprecherin Stiel weiter. Auch hätten sich die Bedingungen geändert. Gärtner seien heute gar nicht mehr interessiert, solch große Flächen zu bepflanzen. "Ich fand es früher auch schön, die Milch mit der Milchkanne aus dem Geschäft zu holen", erzählt Angelika Stiel augenzwinkernd. "Doch zwischen dieser und der heutigen Zeit liegen eben Generationen."
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