Schlicht und einfach Hoheit. Hofknicks und Verbeugung sind salonfähig

... und sie sticht, sticht, sticht. Anja Fabricius ist Ichtershausens vierte Nadelprinzessin.
 
Die Nadelprinzessin spielt im Garten mit ihrem Hund.
Ichtershausen: ... |

An einem schönen Frühsommertag ist Anja Fabricius unterwegs zu einem hochoffiziellen Anlass. Ein letzter Blick in den Spiegel sagt: Das rote Kleid ist totschick und passt zum silbernen Diadem im blonden Haar. Frisur sitzt, Schuhe atemberaubend. Auf der Treppe des Zweifamilienhauses begegnet die junge Frau ihrer Schwiegermutter, die – entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit – sprachlos ist.

"Ich gehe jetzt zu meiner Krönung", erklärt die Schwiegertochter keck und greift nach einer überdimensional großen Stecknadel. Die Schwiegermutter fühlt sich auf den Arm genommen. Erst später erfährt sie: Die Frau ihres Sohnes gehört jetzt zu den Majestäten im Freistaat Thüringen - sie ist Ichtershausens vierte Nadelprinzessin. Ich traf Anja I. in ihrer Ichtershäuser Residenz und plauderte mit ihr über das Leben als Hoheit.


Wie sind Sie an die Nadel gekommen?
Mein Schwiegervater arbeitete im Nadelwerk und gründete nach der Wende seine eigene Firma. Mein Mann stellt in seiner Firma Nadeln für Förderbänder und die Autoindustrie her. Nadeln sind wichtig. Ohne sie hätten wir zum Beispiel nichts auf dem Leib.

Muss man in Ichtershausen leben, um Nadelprinzessin zu werden?
Leben oder arbeiten.

Und etwas über den Ort berichten können?
(lacht). Dass die Gera durch Ichtershausen fließt, sollte die amtierende Prinzessin schon wissen. Aber im Ernst: Der Ort hieß um 1441 Ichtirshusen und hat eine sehr interessante Vergangenheit. Während des Bauernkrieges versammelten sich hier 4000 Bauern, die die Veste Wachsenburg schleifen wollten, weil sie die dort amtierenden Herren des Fürstlichen Amts Wachsenburg für ihre schlechte Lage verantwortlich machten. In dieser Zeit wurde auch das Kloster ausgeplündert und zerstört, die Nonnen suchten Schutz im Erfurter Kartäuserkloster. Bekannt wurde Ichtershausen durch das Nadelwerk. Der Betrieb produzierte mehr als 3000 Nadelsorten und bestimmte etwa 130 Jahre lang die hiesige Wirtschaft. Zu DDR-Zeiten waren um die 800 Menschen beschäftigt.

Arbeitet die Nadelprinzessin oder erfreut sie sich an ihrem Garten?
Ja, aber erst nach Feierabend. Ich arbeite als Lehrerin in einer Erfurter Bildungseinrichtung und wenn ich meine Kinder vom Kindergarten abgeholt habe, geht es meist in den Garten.

Was hat die Nadelprinzessin von Ichtershausen zu tun?
Man sieht mich zu jedem Fest, das Ichtershausen ausrichtet. Ich repräsentiere den Ort auch außerhalb, zum Beispiel in Partnerstädten oder auf Veranstaltungen wie dem Thüringentag.

Haben Sie schon andere Majestäten getroffen?
Ja, zum Beispiel die Bergbahnkönigin von Oberweißbach, die Kloß-, Erdbeer- und Rosenkönigin und den Bratwurstkönig natürlich.

Ist in bürgerlichen Adelskreisen der Hofknicks noch salonfähig?
Selbstverständlich. Die Damen machen einen Knicks, die Herren verbeugen sich. Der Mensch kann von alten Traditionen nun mal nicht lassen.

Sicherlich werden Sie oft nach einem Autogramm gefragt…
(lacht). Ich erinnere mich an einen Autogrammjäger in Heiligenstadt. Der fragte jede Majestät nach der Herkunft und wenn er den Ort mochte, ließ er sich ein Autogramm geben. Leider mochte er Ichtershausen nicht, weil es bei Arnstadt liegt und die hatten seinen Lieblingsfußballclub besiegt. Meine Karte lehnte er also dankend ab.

Reisen Sie mit Pferdekutsche und Entourage zu Ihren Auftritten?
Das wäre wohl zu aufwändig. Ich bin modern und reise mit dem Auto und ohne Zofen. Dabei geht es zuweilen recht abenteuerlich zu. Zur Krönung der neuen Unstrutnixe in Roßleben musste ich mich bei strömendem Regen auf einem Supermarktparkplatz umziehen. Die größte Herausforderung war, das Kleid anzuziehen, ohne sich vorher auszuziehen. Hose und T-Shirt habe ich dann ausgezogen, als ich das Kleid anhatte.

Was haben Sie in ihrer kurzen Amtszeit seit Mai gelernt?
Zum Beispiel, dass man genau hinschauen sollte, was man ins Navigationssystem eingibt. Zum Thüringentag in Pößneck fuhr eine Bekannte mit und programmierte das Navi. Eigentlich kannte ich die grobe Richtung, folgte aber trotzdem den Anweisungen. Irgendwann landeten wir in Gera und ich begann zu verzweifeln. Plötzlich standen wir vor dem Ortseingangsschild von Pösneck. Wir hatten bei der Programmierung schlicht und einfach ein „s“ vergessen.


Hintergrund:
Die Identität der Prinzessin ist bis zur Wahl geheim, deshalb hatte die Familie von Anja Fabricius keine Ahnung.
Seit 2007 wählt Ichtershausen eine Nadelprinzessin, deren Amtszeit zwei Jahre dauert.
Initiiert und organisiert wird das Ganze vom Kulturverein Ichtershausen.
Als Zepter trägt Anja I. eine Nadel mit austauschbaren Köpfen in den Grundfarben Weiß, Grün, Blau und Rot.
Anja Fabricius ist Lehrerin, verheiratet, hat zwei Kinder, baut Gemüse an, mag Komödien im Theater, reitet und fährt Motorrad.
www.thueringer-nadelprinzessen.de
Weitere Majestäten im Freistaat (Auswahl):
Saale-Orla-Prinzessin, Lavendelkönigin Bad Blankenburg, Muskönigin Faulungen, Salzprinzessin Artern, Thüringer Bratwurstkönig, Thüringer Olitätenkönigin, Erdbeerkönigin, Möhrenkönig, Rositzer Kirmeskönigin, Südharzer Karstkönigin, Weinkönigin Saale-Unstrut, Rosenkönigin, Kloßkönigin, Meerjungfrau Ziegenrück.
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3 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 02.10.2015 | 16:28  
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Renate Jung aus Erfurt | 02.10.2015 | 23:09  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 21.10.2015 | 11:25  
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