Sex erst, wenn es Frieden gibt! Mit "Lysistrata" macht reaktionsraum aus Rudolstadt humorvoll auf Aktuelles aufmerksam

Überdimensionale Geschlechtsteile gibt es auch heute - aber an Frauen. (Foto: Davide Tremolada)
 
Die Darstellerinnen auf der Probe. Dieser Tage ist Premiere in Berlin, danach beginnt die Tour durch Thüringen. (Foto: Davide Tremolada)

Früher durften nur Männer Theater spielen. Im 2500 Jahre alten Stück "Lyistrata" kamen sie mit riesigen Geschlechtsteilen auf die Bühne. Stefan Kreißig, Regisseur von reaktionsraum e.V.: "Wir haben überlegt, ob man so etwas heute noch zeigen kann."

Raum schaffen, um auf gesellschaftliche Situationen und Verhältnisse reagieren zu können - mit dieser Absicht gründeten die Mitglieder von "reaktionsraum e.V." ihren Verein vor sechs Jahren und initiierten daraufhin eine Reihe von erfolgreichen Sommertheateraufführungen. Dieses Jahr tourt das in Rudolstadt ansässige Theaterprojekt mit "Lysistrata" durch Thüringen. Von dem Berliner Regisseur Stefan Kreißig erfuhr AA-Autorin Jana Scheiding, weshalb er gerade dieses Stück auswählte.


Wie kommt ein Berliner darauf, Thüringens Schlösser und Burgen zu inszenieren?
Ich hatte ein Engagement am Theater Rudolstadt und schaute mir die Gegend an. So viele erhaltene Schlösser und Burgen hatte ich nicht erwartet. Ich staunte und dachte: Wow. Hier müsste man Theater spielen. So entstand das Projekt.

Ihre sechste Thüringer Produktion heißt "Lysistrata". Worum geht es in dem Stück?
Die Frauen zweier verfeindeter Staaten finden sich zusammen und beschließen, ihren Männern so lange den Sex zu verweigern, bis diese Frieden schließen. Bei Aristophanes führte diese Strategie zum Erfolg.

Und bei Ihnen?
Besuchen Sie eine Aufführung.

Worum geht es Ihnen?
Die Inszenierung widmet sich dem Thema Krieg und dem Konflikt der Geschlechter. Das Thema kann aktueller nicht sein. Schauen Sie in die Ukraine und in andere Teile der Welt. Wir fragen nach dem Einfluss des Privatmenschen auf die Politik. Wie sehr können wir unser Schicksal selbst bestimmen? Sind wir in der Lage, mit dem Engagement Einzelner Kriege zu verhindern? Die zentrale Frage lautet: Was bedeutet Krieg eigentlich? Wir wollen keine Angst machen, nur Konsequenzen aufzeigen.

Wie schaffen Sie es, ein 2500 Jahre altes Stück so zu arrangieren, dass es in die heutige Zeit passt?
Wie gesagt, Krieg hat einen aktuellen Bezug. Ich muss wissen, was ich erzählen will und warum. Dann nehme ich mir die Übersetzungen vor und entwickele daraus eine eigene Fassung. Daraus leiten sich Bühnenbild, Kostüme und Requisiten ab. Bei "Lysistrata" habe ich die historischen Bezüge herausgenommen und durch aktuelle ersetzt. Die Klassiker waren übrigens gar nicht so brav wie oft behauptet, sondern deftig und derb. Damals wurde Theater nur von Männern gespielt. In "Lysistrata" hatten sie zum Beispiel riesige Geschlechtsteile umgebunden. Wir haben überlegt, ob man das heute noch so inszenieren kann.

Und, haben Sie?
Ja.

Wie bekommen Sie junge Menschen in die antiken Stücke?
Wir sind ein junges Team, alle unter 30. Es gibt viele Lieder, viel Improvisation, Pantomime. Ich schreibe den Akteuren nichts vor, arbeite lieber mit dem Potenzial, das sie mitbringen. Das gibt den Stücken eine Lockerheit, die junge Menschen anspricht.

Im Gegensatz zu den Vorjahren ist Ihr Tourneeplan ziemlich geschrumpft...
Ja, leider. Für die Produktion erhielten wir über 50 Prozent weniger Geld als in den vergangenen Jahren. Das liegt zum einen an der Kulturstiftung, zum anderen an den fehlenden Etats der Gemeinden. Für uns aber kein Grund, den Mut zu verlieren. Unser Team ist zwar geschrumpft, aber die Qualität hat darunter nicht gelitten.

Worauf darf sich Ihr Publikum freuen?
Auf einen unterhaltsamen Abend mit tiefgehender politischer Komponente.


Hintergrund:
Der Verein "reaktionsraum" ist eine in Rudolstadt ansässige Vernetzung von Schauspielern in verschiedenen Projekten. Zurzeit hat er zehn Mitglieder.
Das Sommertheater 2015 zeigt das 2500 alte Stück "Lysistrata", eine der bekanntesten Komödien des griechischen Dichters Aristophanes.
Termine: 11. Juli Schloss Wespenstein, Gräfenthal; 12. Juli Oberschloss, Kranichfeld; 15. Juli Burg Ranis; 16. Juli Klosterruine Paulinzella; 17. Juli Hoher Schwarm, Saalfeld (alle Termine 19 Uhr); 18. Juli Rudolstadt, Schloss Heidecksburg; 19. Juli St. Jakob, Leutenberg (17 Uhr). Änderungen vorbehalten.
Tickets: Reservierung unter 01520/7623022 oder reaktionsraum@gmail.com, Ticketshop Thüringen.
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