Wann kommt ein Prinz nach Unterwellenborn?

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In der "Krummen Gasse" steht - ziemlich am Ende - ein Kulturpalast, wie ihn Fremde einem kleinen Ort wie diesem wohl niemals zutrauen würden. Der neoklassizistische Bau taucht plötzlich inmitten von Bäumen auf. Ihn unverstellt zu fotografieren ist unmöglich. Er kuschelt sich in seinen Park, als schäme er sich seiner Altersflecken. Dabei war er - am 1. Mai 1955 an die Belegschaft des VEB Maxhütte Unterwellenborn übergeben - der wichtigste Kulturbau der Fünfzigerjahre in der DDR.

Gigantische Raumdimensionen und opulente Ausstattung war man vom Arbeiter- und Bauernstaat kaum gewöhnt: Säle, Auditorium, Theateraufgang mit rotem Teppich, Kinosaal, Bibliothek, Parkettfußboden, französische Fenster. Wertvolles Material hochwertig verarbeitet. Kunstprofessor Achim Preiß kennt die Gründe der Giganterie: "Das Stahlwerk war nach dem Zweiten Weltkrieg das einzige erhaltene und funktionstüchtige Werk der DDR. Es brauchte Energie, ein Pumpspeicherwerk wurde gebaut. Alles musste superschnell gehen, deshalb gab es in der Region einen enormen Zuzug. Und diese Menschen brauchten neben der Arbeit kulturelle Betätigung."

Prinzenküsse


Nach der Wende war Schluss mit Bauerntheater und Zirkeln schreibender Arbeiter. Aus Angst vor Kostenexplosionen wollte den Riesenbau niemand haben. Schließlich fand sich eine Unternehmerfamilie aus Franken, die auch investierte. Doch allein für die Sanierung des Daches müssten 70.000 Euro auf den Tisch des Hauses geblättert werden. Den Vereinsmitgliedern von "Kulturpalast Unterwellenborn" bleibt zurzeit nur, die Säle mit Plastikeimerm auszustatten, damit der Regen, der bereits das Dach durchweichte, nicht noch den Fußboden runiert. Und die Hoffnung, dass ein Prinz kommt und die Schöne von ihrem Fluch befreit. Denn das Haus schläft seit gut 20 Jahren.

In eigentümlicher Weise zeitlos


Die Künstlergruppe von Professor Preiß aus der Kulturfabrik Apolda will das Gebäude wieder in den öffentlichen Fokus rücken und zeigt eine Ausstellung unter dem Titel "Prinzenküsse" - in Anlehnung an das Märchen von Dornröschen. Bis 28. September sind über 100 Werke in Sälen und Foyer zu sehen. Der künstlerische Leiter findet das Gebäude anziehend. "Es steht in keinem baulichen Zusammenhang zum Stahlwerk und ist deshalb auf eigentümliche Weise zeitlos." Preiß ist kein ewig Gestriger, der sich in nostalgischer Wehmut ergeht. Für ihn hat die Erhaltung der Kulturstätte ideelle Gründe: "Menschen brauchen Orte der persönlichen Erinnerung, auch um zu ermessen, wie schnell wir uns entwickeln." Seine Ausstellung sieht er als einen Tropfen auf dem heißen Stein, aber "besser als nichts".


Der Verein "Kulturpalast Unterwellenborn e.V." gründete sich 2013, um das Haus wieder zu beleben.
Ausstellung der Kulturfabrik Apolda und der Freien Akademie Köln bis 28. September 2014. Öffnungszeiten: 20./21. und 27./28. September, jeweils 12 bis 18 Uhr.
Kontakt: 0160/8374397
Die Kulturfabrik Apolda ist Preisträgerin des Wettbewerbs "Deutschland - Land der Ideen" und will ländliche Regionen wieder attraktiver machen.

www.kulturfabrik-apolda.com
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3 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 17.09.2014 | 11:45  
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Katrin Treydte aus Erfurt | 17.09.2014 | 19:33  
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Renate Jung aus Erfurt | 18.09.2014 | 19:26  
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