Weder schräg noch intellektuell: Junge Menschen entdecken den Jazz für sich - 41. Jazzfestival in Ilmenau setzt inhaltlich auf die Jugend

A.Spell gehört zu den Geheimtipps der diesjährigen Jazztage. Die Band eröffnet das Festival in der Jakobuskirche. (Foto: Agentur)
Ilmenau: ... |

Seit den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts wird in Ilmenau gejazzt. Beginnend mit einer Initiative des Kulturbundes gründeten Studenten der TU Ilmenau 1970 die AG Jazz. 1993 wurde daraus der Jazzclub Ilmenau. Er ist heute ein gemeinnütziger Verein, in dem etwa zehn Aktive einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in der Universitätsstadt leisten.

Schwerpunkt seit 1972 sind die Internationalen Jazztage Ilmenau - ein etabliertes Festival für zeitgenössischen Jazz. Morgen beginnt dessen 41. Auflage. Jana Scheiding traf sich mit Vereinschef Michael Möller. www.jazzclub-ilmenau.de

Wie lange bereiten Sie ein Festival vor? Ein gutes Jahr. Die Sache hat ja immer zwei Seiten - das Programm und die Finanzen. (lacht) Mit einem vollen Topf kann man träumen, mit weniger Mitteln wird man kreativer.

"Hildegard lernt fliegen" wird begeistern


Welche Träume haben Sie sich zu den diesjährigen Jazztagen erfüllt?
Ich denke, dass die Besucher von „Hildegard lernt fliegen“ begeistert sein werden. Man erwartet ein Konzert, doch man bekommt einen theatralischen Anschlag auf das Musikverständnis. Eine einzige Aufregung. Die Band hat zurzeit die volle Aufmerksamkeit in der Szene und wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Ein weiterer Tipp: „a.spell“. Das Trio gehört zu den spannendsten Entdeckungen der letzten Jahre. Urban, exotisch und filigran verzaubern die drei aus Europa und Südafrika ihr Publikum.

Gibt's zum Festival nur was auf die Ohren?
Nein, es darf auch getanzt werden. Und zwar am Samstag im Parkcafé. Im vergangenen Jahr, zum 40. Geburtstag, beschlossen wir, die Party wieder aufleben zu lassen und landeten damit einen Treffer.

Manebacher Jazzbrunch läuft super


Weshalb ließen Sie den Partygedanken zwischendurch fallen?
Es ergab sich. In den ersten Jahren organisierten wir die Mensafete. Das war ein unglaublicher Aufwand und irgendwann personell nicht mehr zu stemmen. Nun kehrt die Party ja zurück. Etabliert hat sich inzwischen der Manebacher Jazzbrunch an der Bahnsteigkante. Eine Möglichkeit für jene, die die Szene kennenlernen möchten. www.bahnhof-manebach.de

Apropos erste Jahre. Ihre Rechnung geht nicht auf: 1972 bis 2014 macht 42…
Das stimmt, zur Wendezeit haben wir ein Jahr pausiert. Wir mussten uns ja völlig neu finden. Plötzlich waren wir ein Verein, mussten Spendengelder und Fördermittel auftreiben. Das war zu DDR-Zeiten kein Thema. Früher waren wir 30, 35 Leute, plötzlich orientierte sich ein großer Teil von ihnen neu. Früher hatten wir volle Häuser, nach der Wende waren manchmal mehr Musiker als Gäste da. Das war schon eine wilde Zeit.

Wie passte das eigentlich zusammen - Jazz und die DDR?
Nun, der Jazz bediente eine Nische. Und er war wortlos. Es gab also kaum Texte, die von den Funktionären abgenommen werden mussten. Zudem kam er aus der amerikanischen Arbeiterbewegung, was man den Funktionären gut erklären konnte. Ich kann mich erinnern, dass viele Bands vom Wechsel zwischen West und Ost fasziniert waren. Im Westen hatten sie fast ausschließlich intellektuelles Publikum vor sich. Spielten in Hörsälen mit 50, 60 Gästen. In der DDR ging das quer durch die Bevölkerungsschichten. Tausende Menschen traten mit der Band in Interaktion.

Was können Sie zur Entwicklung des Jazz einschließlich der Ilmenauer Szene sagen?
Jazz gibt es seit Beginn des letzten Jahrhunderts, er hatte also viel Zeit, sich zu entwickeln. Früher stammten Jazzmusiker aus der Klassik, heute werden sie ausgebildet. Ursprünglich kam der Jazz in den USA von der Straße. Europa ist sehr viel verkopfter. Hier muss man erst auf die Schulbank. In den Siebzigern gab es in der DDR eine qualitativ hochwertige Szene von Musikern, die sich dem experimentellen, freien Jazz verschrieben hatten. Später orientierten wir uns um, sind aber nie im Mainstream untergegangen. Auch heute kann man im Jazzclub Überraschungen erleben. Manchmal finden sich Jazzmusiker unterschiedlicher Couleur für ein Einzelprojekt zusammen und kreieren völlig Neues. Im Gegensatz zu früher spielt auch Inspiration eine große Rolle, weil die Musiker durch Rock, Elektro und andere Stilrichtungen quer beeinflusst sind. Vieles überschneidet sich, weil die Musiker ihre Wurzeln in die Musik einbringen- vom Balkan bis Südafrika. Das macht den Jazz so interessant.

Ilmenau strahlt überregional aus


Wo steht Ilmenau heute?
Ilmenau war einer der Hauptveranstalter in der DDR, heute ist der Rahmen etwas kleiner geworden. Festivals haben deutlich zugenommen, aber wir sind immer noch eine Begrifflichkeit, die überregional ausstrahlt.

Wie hoch ist der Altersdurchschnitt Ihres Publikums?
Wir haben alles - vom Gymnasiasten bis zum Professor. Auf der anderen Seite steigt die Kurve der jungen Musiker im Vergleich zu den Neunzigerjahren leicht an. Viele erkennen: Jazz ist weder schräg noch intellektuell. Ich finde, dass wir dieses Jahr ein extrem junges Programm haben.

Was wünschen Sie sich für Ihren Verein, Ihre Initiative?
In einer Kleinstadt muss es viele kulturelle Angebote geben, die die Stadt lebenswert machen. Wir wollen ein Teil davon sein. Die kulturelle Vielfalt Ilmenaus ist uns wichtig. Heute und in Zukunft.


Programm:
24. April, 20 Uhr, a.spell, St. Jakobuskirche Ilmenau; 22.30 Uhr M.E.A.N. , Café Bohne 25. April, 20 Uhr Bruckner's Unlimited, Hildegard lernt fliegen, TU, Helmholtz-Hörsaal; 23.30 Uhr C+A Elektroduo, Barake 5 26. April, 20 Uhr, Jan Prax Quartett, Podiumsbühne Festhalle Ilmenau; 22 Uhr Party mit Gato Loco, Parkcafé 27. April, 11 Uhr, Jazzbrunch mit dem Andi-Geyer-Trio, Bahnhof Manebach
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 22.04.2014 | 17:56  
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Hannelore Grünler aus Artern | 23.04.2014 | 06:54  
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