Arnstadt aktuell: Jörg Kaps gibt steinernen Namen wieder Gesichter

Jörg Kaps mit seinen Recherche-Unterlagen. Links das Foto aus glücklichen Tagen. Rechts die Deportationsliste ins Vernichtungslager. Foto: Andreas Abendroth
 
Jörg Kaps aus Arnstadt hat den „German Jewish History Award 2015" bekommen. Diesen Preis erhalten Deutsche dafür, dass sie sich für die Erforschung der Geschichte von ehemaligen jüdischen Mitbürgern und den Erhalt von jüdischen Stätten in ihrer Heimatgemeinde engagieren. Foto: Andreas Abendroth
Arnstadt: Friedhof | Der Brückenbauer

Hohe jüdische Auszeichnung für Arnstädter Jörg Kaps

Von Andreas Abendroth

Nachdenklich steht Jörg Kaps zwischen den Grabsteinen auf dem Arnstädter Friedhof. Ein besonderer, abgetrennter und doch öffentlich zugänglicher Bereich. Die Grab- und Gedenksteine ziert ein ganz besonderes Symbol. Der Davidstern. Das Symbol, mit dem das Volk Israel und das Judentum verbunden ist. „Und ein Symbol, welches von dem nationalsozialistischen Regime als eingeführtes Zwangskennzeichen missbraucht wurde“, betont Jörg Kaps. Damit ist auch die Brücke zu unserem Treffen am Ort der Stille, des Gedenkens geschaffen. Der Stadtjugendpfleger beschäftigt sich seit 2007 mit den hier ruhenden Arnstädter Bürgern. Jüdischen Mitbürger. „Eine ehrenamtliche Arbeit, ein Engagement, welches mir nicht nur Freunde bescherte“, betont er.

Mitgebracht hat er einen Aktenordner. Voller Fotos, sortiert nach Familiennamen. So erhalten die in Stein gemeißelten Namen auf den Gräbern ein Gesicht, eine Identität. Kehren aus dem damals ins heute zurück. Jörg zeigt mir Familienfotos. Glückliche Menschen in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld, mit Kindern spielend. Etwas ganz Besonderes ist ein Gruppenbild, auf dem die damals in Arnstadt lebenden Familien festgehalten wurden. Es wurde 1927 zum jüdischen Purimball – einem Fest bei dem man sich verkleidet – aufgenommen. Doch die Ernüchterung - und bei mir Gänsehaut erzeugend - folgt wenige Ordnerseiten später. Fotos von Deportationslisten und Todesbescheinigungen. Mit den Namen, welche ich auf dem Friedhof lese. Von den Menschen, deren Porträts ich gerade gesehen habe. Mit Ortsbezeichnungen wie Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald.

„Von den 121 jüdischen Einwohnern von Arnstadt im Jahre 1933 haben nur 12 Personen die Deportation, beziehungsweise den Aufenthalt in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager überlebt“, berichtet Jörg Kaps. Dabei geht es ihm nicht allein um die Geschichtsaufarbeitung und die Dokumentation. Es geht um das Vergessen um die Mitbürger und um das unter den Teppich kehren der Gräueltaten im Dritten Reich. „Aufklärung in der heutigen Zeit bedeutet Zeichen zu setzen, die Öffentlichkeit zu suchen“, so Kaps. Er koordinierte die Verlegung der goldglänzenden Stolpersteine im Stadtbereich, macht zu dieser Thematik Schulprojekte, setzt sich mit den Nachfahren in Verbindung. „Viele der jüdischen Familien waren sehr erstaunt, als ich sie kontaktierte. Heute halte ich Kontakte zu 17 Familien, welche mit Arnstadt in Verbindung gebracht werden können. Die Nachfahren leben in den USA, in Argentinien, Chile, Uruguay, England und Israel.“ Ein weiteres Ergebnis der jahrelangen Forschung: Jörg Kaps wurde in diesem Jahr mit einer hohen jüdischen Auszeichnung, dem „Arthur Obermayer German Jewish History Award“ geehrt. Fünfzehn ehemalige Arnstädter Familien hatten ihn dafür nominiert.

„Die Auszeichnung ist für mich ein Ansporn. Ich werde weiter machen. Ein Traum wäre die Veröffentlichung eines Buches und eine dauerhafte Ausstellung. Sowie ein Treffen der Nachfahren in Arnstadt“, so Kaps. Letztendlich anzufügen bleibt nur: Keine der ehemals in Arnstadt beheimateten jüdischen Familien, hat sich in Arnstadt wieder angesiedelt, nach dem Krieg hier wieder eine Heimat gefunden.

INFORMATIONEN:
German Jewish History Award
Auszeichnung der Obermayer Foundation aus Massachusetts / USA für deutsche Bürger die sich dafür einsetzen, jüdische Geschichte und Kultur zu erhalten und das deutsch-jüdische Zusammenleben der Vergangenheit in Erinnerung zu halten und für die Zukunft wiederherzustellen.

Aus der Laudatio von Stefan Goldschmidt anlässlich der Award-Verleihung an Jörg Kaps:
„Danke, dass Du uns tagtäglich beweist dass man uns nicht vergessen hat und dass wir sowohl in Arnstadt, wie auch allgemein im heutigen Deutschland, gute Freunde haben. Danke, dass Du die Geschichte unserer Arnstädter Vorfahren aus dem Vergessen gerettet hast und, ganz speziell, dass sie für die Leute die um Dich herum leben verständlich machst, und sie ihnen nahelegst. Endlich haben die ehemaligen Jüdischen Arnstädter Bürger wieder eine Identität und einen Ort wo Sie hingehören!“
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