Das Leben jenseits der 60 - Senioren, die vom Arbeiten nicht genug bekommen können

Fröhliche Runde: Gerhard Görlitz ist in der Proviz Ci-an von der Bürgermeisterin und ihrem Stab zum Essen eingeladen. (Foto: privat)
 
Gutes Einvernehmen: Entwicklungshelfer Gerhard Görlitz mit dem Verantwortlichen des größten - und nicht zerstörten - Daoisten- Klosters in der chinesischen Provinz Gansu. (Foto: privat)
In China war man begeistert von Gerhard Görlitz. Weil man sich aber an den Namen des sympathischen Einsatzhelfers aus Deutschland nicht erinnern konnte, wurde in der Bewerbung "der Mann mit der weißen Mähne" gesucht.

Der Senior Experten Service (SES) wusste sofort, auf welches seiner Mitglieder die Beschreibung passte: auf den 1937 im Sudetenland geborenen Arnstädter Gartenbauingenieur mit Spezialausrichtung Obstbau.

Seit 1983 gibt der Service mit Fachleuten im Ruhestand Hilfe zur Selbsthilfe. Gerhard Görlitz ist einer von 9000 SeniorexpertInnen, die "auch nach dem aktiven Berufsleben noch etwas bewegen möchten" und sich für ein Taschengeld in Entwicklungsund Schwellenländer Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas entsenden lassen.

In über zwanzig Jahren war Görlitz nicht einen Tag krank und auch im Ruhestand scheint er dazu schlichtweg keine Zeit zu haben. Neben Familie und Enkelkindern ist es die Züchtung der Wildalpenveilchen in seinem Kleingarten, die seine Zeit beanspruchen.

1963 kam Gerhard Görlitz nach Arnstadt, begann hier mit seiner Ausbildung in der örtlichen LPG. 1975 übertrug man dem nunmehrigen Diplom-Agraringenieur-Ökonom eine leitende Funktion im Kombinat Obst, Gemüse, Speisekartoffeln (OGS) in Erfurt. Nach der Wende war er in einem Fruchtgroßhandel im Landkreis Gotha für die Qualitätssicherung verantwortlich. 2002 nahm der Obstbau-Experte Abschied vom Berufsleben, ohne sich wirklich zur Ruhe setzen zu wollen. Vielmehr hatte er gedacht, seine Erfahrungen bei den Kleingärtnern und der Stadt einbringen zu können. "Ich sah aber bald ein, dass das keinen Sinn hatte, weil man auf meinen Rat offenkundig keinen Wert legte", erinnert sich Görlitz. Zufällig las der Rentner in der Zeitung einen Beitrag über SES und fuhr am nächsten Tag in das Erfurter Büro der Institution. Drei Monate später, im September 2002, saß der Pensionär im Flieger, der ihn zu seinem ersten Auslandseinsatz nach China brachte. Dort war sein Rat in Sachen Rindenkrankheiten bei Apfelbäumen gefragt. Später erklärte Görlitz den Chinesen, dass man für Nashi-Birnen andere Bedingungen benötige als für Birnensorten auf europäischen Plantagen.

Der Aufenthalt in Moldawien war für den Ingenieur wie eine Zeitreise in die Vergangenheit: "Im Obstbau ist man dort auf dem Stand von 1960. Die Technik kannte ich noch aus meiner Ausbildung." Weil sie sich mit dieser Technik meist noch auskennen und überhaupt eine "wahnsinnig breite Ausbildung haben", schickt der SES in diese Gebiete vornehmlich Seniorexperten aus Ostdeutschland. Doch reizt Gerhard Görlitz im Ausland nicht nur die Möglichkeit, sein Wissen weiterzugeben. "Man lernt Land und Leute kennen", sagt er. "Und zwar anders als ein Tourist." Von seinen Reisen kann er viel erzählen. In China stand er auf der berühmten Mauer, blickte der Terrakotta-Armee ins Auge. Der Agraringenieur hat aber auch Geschichten zum Schmunzeln im Gepäck. Zum Beispiel die vom sächsischen Tierarzt, den Sicherheitskräfte bei der Handgepäckkontrolle am chinesischen Flughafen plötzlich ohne ein Wort der Erklärung abführten. "Der Mann war Genetiker", lacht Gerhard Görlitz. "Und sein Besamungsbesteck war beim Durchleuchten des Gepäcks als Schusswaffe identifiziert worden."
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1 Kommentar
Helke Floeckner aus Erfurt | 16.06.2011 | 09:28  
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