Der Dieter muss an die Luft - Historiker Dieter Scheidig aus Rudolstadt tauscht Bücher gegen zartes Tannengrün

Durch diese hohle Gasse muss er kommen. - Der Baum. Dieter Scheidig wollte sich leider nicht vernetzen lassen.
 
Da erklärt er lieber dem Ehepaar Weidner die Vorzüge der Nordmanntanne.
Rudolstadt: ... |

Baumschmuck ist eine Frage der Lebenseinstellung, meint Weihnachtsbaumverkäufer Dieter Scheidig aus Rudolstadt:
Intellektuelle schmücken mit Strohsternen, die konventionelle Kundschaft bevorzugt klassische Kugeln und Christbaumspitze.

Einen Weihnachtsbaumverkäufer mit abgeschlossenem Geschichtsstudium trifft man nicht alle Tage. Dieter Scheidig aus Rudolstadt gehört zu dieser überaus seltenen Spezies. Und weil ihm seine Bücher derzeit offenbar zu staubig sind, verdingt er sich lieber als Saisonverkäufer in der Schwarzburger Chaussee 31, um an der frischen Luft zu sein. Zum ersten Mal werden dort Weihnachtsbäume verkauft.
Scheidig steht glücklich in seinem Wald - die Bäume sind in Spezialständern befestigt - und gestikuliert mit Händen und Füßen. Die Leute hören ihm zu, bleiben trotz des Regens stehen. Der Historiker ist ein äußerst liebenswerter Hektiker, der manchmal gar nicht so schnell sprechen kann wie er erzählen möchte.

Einst stand hier ein Gasthof, in dem der Fürst saunierte


Der Platz direkt an der Straße hat eine interessante Geschichte. "Bis vor 15 Jahren stand hier ein leider nicht denkmalgeschützter Gasthof aus dem 19. Jahrhundert. Dort konnte man Fichtennadel-Dampfbäder nehmen. Der damals regierende Fürst, Friedrich Günther von Schwarzburg-Rudolstadt, saunierte hier regelmäßig. In DDR-Zeiten kümmerte sich niemand um den dreiflügeligen Gasthof. Zur Jahrtausendwende wurde er schließlich abgerissen. Übrig blieb nur diese Sommerlinde." Dieter Scheidig zeigt auf einen Baum inmitten des Platzes, der zwischen den vielen Tannen und dem Acht-Meter-Weihnachtsmann gerade so zur Geltung kommt.
Ein Paar ist auf der Suche nach dem Traumbaum. Welche Voraussetzungen muss der eigentlich erfüllen? "Eine wohlgewachsene Spitze muss er haben und nach unten ausladende Äste", zählt Conni Weidner auf. Und Ehemann Eberhard ergänzt: "Nordmanntannen sind uns am liebsten. Die nadeln nicht so schnell." Dem Paar kann geholfen werden. Dieter Scheidig ist gleichermaßen ein Fan der Nordmanntanne und bietet deshalb gar nichts anderes an. Schon naht er mit hochgeschlagenem Mantelkragen, um die halblange Frisur vor dem Regen zu schützen. "Dieser Baum ist für trockene, warme Wohnungen geeignet, weil er sein Nadelkleid relativ spät verliert."

Die Nordmanntanne behält ihr Nadelkleid sehr lange an


Und schon sprudelt der studierte Saisonverkäufer los. Ursprünglich stamme die Nordmanntanne aus dem Kaukasus, erzählt er. In den 1970er Jahren entdeckte man sie als Weihnachtsbaum, kultivierte sie in Dänemark und Schleswig-Holstein. "In Meeresnähe baut man sie an wie Roggen oder Weizen, weil es dort keine Maifröste gibt, die die zarten Knospen schädigen“, weiß Scheidig. Ihre Keilform verdanken die Bäume einem geschickten Beschnitt.
Das Ehepaar Weidner hat inzwischen seinen Favoriten gewählt. Wie er geschmückt wird? – „Wir wissen es nicht“, verrät Conni Weidner. „Vielleicht in klassischem Gold, in Weiß oder Lila. Vielleicht auch mit Cupcakes. Es ist eine Überraschung. Unsere Tochter kommt am 21. Dezember nach Hause und schmückt den Baum. Das ist bei uns Tradition.“
Dieter Scheidig selbst hängt an seinen Baum, was er finden kann, und sein Weihnachtszauber funktioniert niemals ohne echte Kerzen. Wer seinen Baum wie schmückt, ist für ihn eine Frage der Lebenseinstellung: „Die konventionelle Kundschaft bevorzugt Glaskugeln und Glasspitze, Intellektuelle und Ökobewusste ziehen Strohschmuck vor.“


Zur Sache:
Der Weihnachtsbaumverkauf, Schwarzburger Chaussee 31, Rudolstadt, ist bis 23. Dezember, Montag bis Sonntag, 8 bis 19 Uhr, geöffnet.
Weihnachtstrends 2015: Kombinationen in Rosa-Silber, Kupfer oder Weiß; Dinge, die vergammelt oder ererbt aussehen: Omas weiße Spitze oder Mutters Silberleuchter; Gold, Luxus, Glitzer, Pailletten und Glamour á la Glööckler; verrückte Ideen wie Kaviardose, Miniatur-Fön oder Packpapier, kombiniert mit feinem weißen Porzellan; selbstgebastelte Papiersterne, flotte Sprüche auf klassischen Kugeln.
Beliebteste Weihnachtsbäume: Nordmanntanne, Blaufichte, Edeltanne, Fichte, Serbische Fichte, Rotfichte, Douglasie, Kiefer, Coloradotanne, Kork-, Küsten- und Koreatanne.


Weihnachten ist reine Nervensache:
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