Die Sonntags-Ritter: Familie Behrendt aus Rudolstadt liebt das Mittelalter. Vier, fünfmal im Jahr fährt sie hinaus, um über offenem Feuer zu kochen und in die Schlacht zu ziehen

Auf in den Kampf. Gott sei Dank ist schon vorher klar, dass es keine Toten geben wird. (Foto: privat)
 
Marco Behrendt (rechts) liebt es authentisch. Deshalb gibt es weder Uhr noch Handy. (Foto: privat)
Rudolstadt: ... |

"Rittermahl mit deftiger Kartoffelsuppe“, wirbt der Aufsteller vor der Mittelaltergaststätte. Die Rudolstädterin Josefine Behrendt schüttelt den Kopf. „Im frühen Mittelalter gab es hier noch gar keine Kartoffeln“, sagt sie.

Auch das vielzitierte Burgfräulein ist ihrer Ansicht nach nichts weiter als eine Mär. „Die einzigen Frauen auf Mittelalterburgen waren die Burgherrin und ihre Mägde. Die Töchter bereiteten sich im Kloster auf die Ehe vor.“ Nein, Josefine Behrendt ist keine Besserwisserin. Manches weiß sie eben einfach besser. Gemeinsam mit Ehemann Marco und den beiden Söhnen, 1 und 3 Jahre alt, betreibt die Sozialmanagerin ein Hobby, das zu 80 Prozent aus Recherche besteht. Am Wochenende sind die Behrendts nämlich Ritter. Genauer gesagt: Living-History-Darsteller. Living History bedeutet, Geschichte sinnlich zu erleben. Vier- bis fünfmal im Jahr besucht die Familie Veranstaltungen wie den Heerbann oder Märkte, um dort über offenem Feuer zu kochen und ihre Kleider per Hand zu nähen. Oder - als Mann - in den Kampf zu ziehen. Mit Schwert, Schild und Lanze. Das Nachstellen von Kampfszenen nennt man in Fachkreisen Reenactment.

Marco Behrendt ist als Fußkämpfer unterwegs. Seinen drei Kilo schweren Schild hat er selbst gebaut. Sein Gambeson - eine wattierte Tunika und Teil der Rüstung - ist handgenäht. An den Füßen trägt er Schuhe aus Rindsleder.

“Die Menschen liefen damals nicht alle barfuß herum“, erklärt Josefine Behrendt. Was sie über das Mittelalter weiß, stammt aus Büchern, Museums- und Archivbesuchen. „Die Zeit zwischen Antike und Hochmittelalter war sehr quellenarm, die geistige Entwicklung fand in Klöstern statt. Man ging zur Drei-Felder-Wirtschaft über - angebaut wurden Dinkel, Roggen oder Einkorn.“

Warum verzichten gestandene Menschen in ihrer Freizeit auf die Annehmlichkeiten, die beispielsweise ein Kühlschrank zu bieten hat und sehnen sich zurück in ein Zeitalter voller Grausamkeiten? „Das frühe Mittelalter war eine überschaubare Welt, in der es Helden gab und wo man ausziehen konnte, um das große Abenteuer zu erleben“, schwärmt Sozialarbeiter Marco Behrendt. Und seine Frau ergänzt: „Es geht nicht darum, dass wir im Mittelalter leben wollen. Ich finde meine Waschmaschine toll. Vielmehr betrachten wir diese Ausflüge als Urlaub in der eigenen kulturellen Vergangenheit.“

Und dieser Urlaub soll so authentisch wie möglich ablaufen. Im Wohnzimmerschrank stehen Töpfe und Schüsseln aus Ton neben Schälchen aus Birkenholz. „Wenn wir verreisen, dann mit komplettem Hausstand“, verrät Josefine Behrendt. „Kleidung, Spielzeug, Geschirr, Handarbeitszeug, Nähsachen und verschiedene Kessel gehören dazu.“ Den einzigen Anachronismus erlaubt sich das Paar mit dem Fünf-mal-Sieben-Meter-Familienzelt als Weiterentwicklung des Systems Strick-zwischen-zwei-Bäume-spannen-und-Decke-drüber. „Unsere Kinder sollen nicht unter unserem Hobby leiden. Ansonsten achten wir sehr auf Authentizität.“ Das bedeutet: Handy und Laptop bleiben zu Hause. Aus dem Hobby ist für die Behrendts eine Lebenseinstellung geworden. Josefine wurde als Zwölfjährige auf einem Mittelaltermarkt mit dem Virus infiziert. Ihren Mann lernte sie auf einem ebensolchen bei einer Partie Hnefatafl kennen. „Das ist - wie Schach - ein strategisches Spiel, bei dem der König erobert werden muss.“

Wenn Behrendts und andere Anhänger des Mittelalters sich heute in diese Zeit zurückversetzen, so hat - wie damals - jeder seinen Platz in der Gemeinschaft. Die Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder, die Männer dürfen im Kampf wieder echte Männer sein. „Abends am Lagerfeuer zählt nicht, ob man ein guter Neurochirurg oder ein passabler Fliesenleger ist“, sagt Josefine Behrendt. „Wichtig ist, dass man ein Auge dafür hat, ob noch genügend Holz da ist. Dieses Leben vermittelt viele praktische Fähigkeiten - ich habe dadurch Kochen und Nähen gelernt. Man lernt auch, in der Gemeinschaft zu leben, sich miteinander zu beschäftigen. Diese Werte möchte ich weitergeben.“
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5 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 14.08.2015 | 10:56  
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Hannelore Grünler aus Artern | 17.08.2015 | 17:29  
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Renate Jung aus Erfurt | 18.08.2015 | 08:35  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 18.08.2015 | 11:07  
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Renate Jung aus Erfurt | 18.08.2015 | 23:49  
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