Die Sprache der Hände. Im November findet in Arnstadt das 1. Kinder-Gebärden-Festival Thüringens statt

Manuel Löffelholz und sein Verein Biling e.V. veranstalten das 1. Kinder-Gebärden-Festival in Thüringen. Seine Hände zeigen einige Worte aus diesem Begriff.
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Hören und sehen ist für die meisten Menschen selbstverständlich, wir steuern unsere tägliche Kommunikation über diese Sinne. Gehörlose Menschen kommunizieren anders - zum Beispiel in Laut- oder Gebärdensprache. Für sie gibt es zu wenig Informations- und Bildungsangebote, findet Manuel Löffelholz und gründete deshalb einen Verein in Arnstadt. Dieser richtet im November das 1. Kinder-Gebärden-Festival aus.

Manuel Löffelholz und seine Frau Kathrin waren zunächst irritiert, als ihre kleine Tochter auf Versuche, lautsprachlich zu kommunizieren, nicht reagierte, wie es Kinder von sechs Monaten normalerweise tun. Wenig später diagnostizierten die Ärzte eine auditorische Neuropathie. Diese Hörstörung ist wenig verbreitet. „Manchmal hört unsere Anna sekundenlang Töne und hält sich dann die Ohren zu - das Gefühl ist für sie ungewohnt. Ihr Gehirn lernt nicht, mit diesen Höreindrücken umzugehen, weil sie zu selten und zu kurz kommen. Die Ursache für diese Hörstörung ist nicht genau zu ermitteln: Am Hörnerv oder der Hörbahn können die Hörinformationen unterbrochen sein“, erklärt Annas Vater.
Er und seine Frau kommunizieren mit ihren Kindern - beide sind gehörlos - anders als andere Familien. „Wir leiden nicht unter dieser Situation, wir haben mit der Gebärdensprache unsere eigene, tolle Sprache gefunden“, sagt Manuel Löffelholz. Dass das Leben mit dieser Einschränkung dennoch nicht ganz einfach ist, hat die Familie mehr als einmal gespürt. „Für gehörlose Menschen gibt es zu wenig Informations- und Bildungsangebote in ihrer Muttersprache“, fasst Manuel Löffelholz Erfahrungen der letzten fünf Jahre zusammen. Weil sie diesen Zustand unerträglich fanden, gründeten er und seine Frau mit Gleichgesinnten im April dieses Jahres den „Verein für bilinguale Bildung in Deutscher Gebärdensprache und Deutscher Lautsprache“, kurz Biling e.V.

Viele Gehörlose fühlen sich zu Recht ausgegrenzt

“Vielen gehörlosen Menschen ist der Zugang zu diesen Angeboten verwehrt. Sie fühlen sich zu Recht ausgegrenzt“, bedauert Löffelholz, der den Verein als Anlaufstelle für Gehörlose, Schwerhörige und Hörende verstanden wissen will. Am 19. November findet im Arnstädter Rathaus das 1. Kinder-Gebärden-Festival Thüringens statt, das der junge Verein in Kooperation mit der Stadtverwaltung ausrichtet. Förderung, ist man im Verein überzeugt, sollte so früh wie möglich beginnen. „Die Gebärdensprache ist die erste Muttersprache gehörloser Menschen. Für ihre Akzeptanz und den Ausbau von Angeboten setzen wir uns ein“, erklärt Vereinschef Löffelholz.
“Gehörlose brauchen den Kontakt untereinander“, findet er. „Kinder müssen lernen, wie Konflikte entstehen und wie sie gelöst werden. Niemand darf sich ausgeschlossen fühlen.“
Viel Aufwand bedeute für Eltern gehörloser Kinder die Wahl der Schule, weiß Manuel Löffelholz aus seiner bisherigen Arbeit im Verein. „Die wohnortnahe Schule funktioniert nur mit Dolmetscher, das ist aber der persönlichen Entwicklung der Kinder nicht dienlich, weil kein direkter Kontakt zu Lehrern und Mitschülern zustande kommt. Hier muss es andere Lösungen der Kommunikation geben.“ Bei Löffelholz' erfolgt die Verständigung mittels Gebärdensprache. Zweimal in der Woche kommt eine Frühförderin aus dem Frühförder- und Beratungszentrum Erfurt zu Besuch, um mit der Familie zu lernen, denn die Gebärdensprache ist eine sehr umfangreiche Sprache mit eigener Grammatik.

Viel persönliche Erfahrung kann Manuel Löffelholz mit in die Vereinsarbeit nehmen


Viel von dieser Erfahrung können Kathrin und Manuel Löffelholz mit in die Vereinsarbeit nehmen. Die erste große Initiative von Biling ist nun das Kinder-Gebärden-Festival in Arnstadt, wo sie die beiden Kulturen der Laut- und Gebärdensprachler einander näherbringen wollen. Manuel Löffelholz freut sich auf diesen inklusiven Tag. Und er ist stolz darauf, dass sein Verein in Erfurt Gehör fand: Zum Festakt überbringt Joachim Leibinger, Behindertenbeauftragter des Freistaates Thüringen, einen Fördermittelbescheid.


Zur Sache:
Die Lautsprache wird von Stimmbändern, Zunge, Lippen und so weiter produziert und akustisch wahrgenommen. Die Gebärdensprache wird von Händen, Armen, Kopf und Oberkörper im dreidimensionalen Raum produziert und visuell aufgenommen. Bei der Lautsprache müssen die Wörter nacheinander zu Sätzen geformt werden, in der Gebärdensprache können mehrere Informationen gleichzeitig durch Mimik, Mundgestik, Körperbewegung und Kopfhaltung ausgedrückt werden. Blickkontakt ist hier unumgänglich.
Gebärdensprache ist die Muttersprache von gehörlosen Menschen und von hörenden Personen mit gehörlosen Eltern. Seit 2002 ist sie als Sprache anerkannt. Man unterscheidet die Deutsche Gebärdensprache (DGS) mit eigener Grammatik und die - sowohl geschriebene als auch gesprochene - Lautsprache. Sprechen und dabei gebärden bezeichnen die Fachleute als „lautsprachbegleitendes Gebärden“ (LBG).
1. Kinder-Gebärden-Festival Thüringens, veranstaltet vom Biling e.V:
19. November, 14.30 Uhr, Rathaussaal Arnstadt. Programm: Workshops, Geschichten, Witze der teilnehmenden Kinder mit anschließender Aufführung; Informationen zur Gehörlosenkultur, Schnupperkurs Deutsche Gebärdensprache (DGS); Stadtführung für Erwachsene während der Kinderworkshops; Kaffee und Abendessen; Siegerehrung; 19.30 Uhr Gastspiel des Theaterprojektes „Streng vertraulich“. Der Eintritt ist frei.
Interessierte können sich als Gäste oder Teilnehmer anmelden unter www.biling-ev.de/kgf
Weitere Informationen:
www.fruehfoerderung.de
www.lvglth.de
www.visuelles-denken.de
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