Eine Axt ersetzt keinen Zimmermann. Aber eine Frau mit gutem Willen eventuell den Fliesenleger. Zumindest in Ilmenau

Was ihr Männer könnt, können wir auch!, könnte man diesen beiden hoch motivierten Frauen in den Mund legen.
 
Helge Habel erklärt erst einmal die Theorie.
Ilmenau: ... |

Frauen wissen, was sie wollen und schaffen das auch, sagt Helge Habel im Brustton der Überzeugung. Heute will der Handwerksprofi 18 Frauen beibringen, wie sie Fliesen so verlegen, dass es auch vom Toilettensitz aus gut aussieht.

Mit dem Verlegen von Fliesen ist es ein bisschen wie mit dem Journalismus - es kommt auf die W-Fragen an. Bevor man die Zutaten anrührt, sollte man also Klarheit darüber haben: Was und wie soll es werden? Und vor allem: Wo soll es hin? Eine Terrasse fliest man anders als ein Badezimmer.
Donnerstagabend im Globus-Baumarkt Ilmenau. 18 Frauen steigen in lilafarbene Anzüge, um sich hier gleich im Fliesenverlegen zu üben. Der Heimwerkerinnenkurs - initiiert von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Ilmenau, Katrin Hoh, und dem Baumarkt - ist kostenlos. Im Mai lernten Frauen, wie man mit Werkzeug umgeht, im Januar ist das Thema Wandgestaltung an der Reihe.
Die einzigen Herren im Bunde sind heute der Mann am Bufett - es gibt Sekt und Häppchen - und Kursleiter Helge Habel. Er nimmt die Damen ernst. "Wenn Frauen etwas wollen, schaffen sie das", sagt er und es klingt aufrichtig.
Dann beginnt auch schon der theoretische Teil. "Man kann vieles fliesen", beginnt Habel: "Bad, Pool, Küche, Terrasse, Wohnraum - und dort Fußböden, Wände, sogar Decken."

Unebenheiten bearbeiten, sonst hält der Kleber nicht

Am Anfang ist der Untergrund. Ist er geputzt, glatt oder rauh? Unebener Untergrund sollte bearbeitet werden, da der Kleber sonst keine Verbindung mit ihm eingeht. "Nasszellen müssen besonders gut abgedichtet werden, damit die Feuchtigkeit nicht ins Mauerwerk eindringt", erklärt Habel, der für eine Baufirma arbeitet. Vorstreichen, Dichtband verlegen, überstreichen - Fliesen sei nicht schwer, wenn man einige grundlegende Dinge beachtet.
Die Frauen hören aufmerksam zu. Ihre Motivation, hier drei bis vier Stunden zu verbringen, ist unterschiedlich. Einige bauen ein Haus und wollen ihre Männer unterstützen, andere sind alleinstehend oder nicht gern auf männliche Hilfe angewiesen. Zwei junge Frauen kichern und bitten darum, in den Anzügen fotografiert zu werden. "Das glauben uns unsere Männer nie."
Aus dem linken Flügel kommen derweil Fragen nach Grundierung bei Ölfarbe und Abätzungen. Offenbar gibt es hier Frauen mit Erfahrung.

Je größer die Fliese, umso größer der Zahnabstand


Endlich kommt der Praxisteil und die Damen dürfen ihre Kellen schwingen. Vorher noch rasch ein Tipp von Helge Habel: "Je größer die Fliese, umso größer die Zahnung." Schnell Fugenmörtel auftragen und Fliese anpappen - geht nicht. Wichtig ist, den Mörtel vorher zu kämmen und dann die Fliese anzudrücken, was ziemliche Kraft erfordert. Die Frauen wollen es wissen und machen ihre Arbeit akribisch. Damit Höhe und Abstand stimmen, nehmen sie Fliesenschiene und -kreuze zu Hilfe.
Unterdessen erklärt der Profi-Fliesenleger, dass es wichtig sei, die Dusche trocknen zu lassen und das Fugensilikon alle fünf bis sieben Jahre zu wechseln. Bei den Nasszellen kann eine junge Häuslebauerin mithalten: "Man verwendet grünen Gipskarton, weil dieser nasszellentauglich ist." Dass dieser wegen der schweren Fliesen doppelt beplankt sein sollte, versteht sich von selbst.
Irgendwann taucht die Frage auf, was man als erstes fliest: Die Wand oder den Fußboden? "Zuerst nimmt man sich die Wand vor und lässt Platz für Bodenfliesen und Silikon", erklärt Habel. Im Ernstfall fliest man im Übrigen von der Mitte nach außen. "Vorher die Fliesen- inklusive Fugenbreite messen, damit rechts und links mindestens eine halbe Fliesenbreite übrig sind", erläutert Habel und fügt hinzu, dass in Augenhöhe alles stimmen sollte. Die Begründung ist einfach: "Wenn man auf der Toilette sitzt, hat man viel Zeit, die Arbeit zu betrachten..."

Geputzt wird diagonal


Zum guten Schluss dürfen sich die Frauen gratulieren. Eine sauber geflieste Wand haben sie da hinbekommen. Warum in aller Welt beschmiert Helge Habel dieses Meisterwerk jetzt mit blauer Farbe? Doch der Fliesentrainer will nur etwas demonstrieren. Mit einem großen Schwamm wischt er von oben nach unten und wäscht dabei vorbildlich das Fugendichtungsmittel wieder aus. Gott sei Dank erklärt er gleich darauf, dass dies die falsche Putzmethode sei. "Man geht nicht mit der Fuge, sondern putzt diagonal." Ganz einfach. Schade, dass dieses Chagallblau nur Demofarbe ist. Das sieht verdammt gut aus.


Zur Sache:
Flächen, die regelmäßig mit Wasser in Kontakt kommen (Dusche, Waschbecken, Badewanne, Wände, Böden) müssen dicht sein - man braucht also einen festen, sauberen, trockenen, öl-, fett- und trennmittelfreien Untergrund. Staub, Lack- und Mörtelreste durch Bürsten, Sand- oder Kugelstrahlverfahren restlos entfernen, Risse und Fugen schließen.
Bei Fliesen gibt es fünf Abriebklassen, die je nach kratzender Verschmutzung der Fläche eingesetzt werden. Man unterscheidet Steingutfliesen, Steinzeugfliesen und das besonders belastbare Feinsteinzeug.
Untergrund: fest, tragfähig, trocken, rostfrei. Prüfung auf Risse, Schmutz, Schimmel, Saugfähigkeit. Mit einem Klebeband die Tragfähigkeit prüfen. Wenn beim schnellen Abziehen keine Farbe haften bleibt, ist der Anstrich tragfähig.
Verlegung: Am einfachsten im Dünnbett. Dafür Mörtel bis maximal 10 Millimeter gleichmäßig auf dem Untergrund verteilen.
Wichtig: Zahnspachtel mit unterschiedlicher Zahnungsstärke. Faustregel: Je größer die Fliese, umso größer die Zahnung.
Fliesen auf Holzfußboden: Dielen fest verschrauben, der Boden darf nicht schwingen.
Trend: glasiertes und bedrucktes Feinsteinzeug.
Informationen: www.fachberater24.de; www.diy-academy.eu
Termin: Der nächste Kurs für Heimwerkerinnen findet Ende Januar 2016 zum Thema Wandgestaltung statt.
Informationen: www.ilmenau.de
Kontakt: Stadtverwaltung Ilmenau, Gleichstellungsbeauftragte Katrin Hoh
E-Mail: GBA@ilmenau.de
Telefon: 03677/600347
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 18.11.2015 | 19:48  
1.536
Constanze Fuchs aus Gotha | 18.11.2015 | 23:41  
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