Eine kleine Höllenfahrt: Die Hünnigers aus Meuselwitz betreiben eine Geisterbahn und sind damit in Arnstadt auf Tour

 

Himmlisch, diese Ruhe. Allein über den Wollmarkt zu laufen, das hat was. Bald wird hier die Hölle los sein. Wo sonst in aller Stille Autos parken, stehen riesige bunte Fahrgeschäfte, Kinderkarussells, Buden. Der 166. Wollmarkt gastiert in Arnstadt. Noch ist alles geschlossen. Hier und da wird leise gewerkelt, vereinzelt sind Stimmen zu hören.

Auf André Hünnigers Geisterbahn ist niemand zu sehen. Hinter der grellbunt lackierten Fassade mit Fratzen und Geistern ertönen Hammerschläge, ein Handy klingelt und stört die Arbeit. Hünniger und seine Söhne, beide ebenfalls Schausteller mit eigenen Betrieben, haben nicht mehr viel Zeit bis zur bautechnischen Abnahme. „Dann muss der Betrieb reibungslos laufen. Alle zwei Jahre prüft der TÜV, ob alles in Ordnung ist“, erklärt Hünniger senior. Das Fahrgeschäft - 26 Meter lang und 14 Meter tief - steht auf dem staubigen Wollmarktsplatz, in Nähe des Schwimmbades. 150 Meter Schienen sind verlegt. Die bunten Wagen stehen hintereinander und scheinen zu grinsen, als könnten sie es kaum erwarten, ihre Passagiere mit auf die anderthalb Minuten dauernde Höllenfahrt zu nehmen.
Zwölf bis vierzehn Mal im Jahr montieren die Hünnigers ihre Geisterbahn auf den Jahrmärkten - Saison ist von März bis Oktober. Meist sind sie in Ostdeutschland unterwegs, doch am liebsten touren sie durch ihre Wahlheimat Thüringen.
“1968 kauften meine Großeltern das Fahrgeschäft“, erzählt der gebürtige Leipziger, der sich 1993 in Meuselwitz niederließ. „Heute ist es in fünfter Generation im Familienbesitz.“ Zwei bis drei Tage dauert der Aufbau. Ob sich im Inneren Skelette aus Särgen aufrichten oder Riesenspinnen mit glühenden Augen durch die Dunkelheit geistern, will André Hünniger nicht verraten. „Als Horror möchte ich das Innenleben nicht bezeichnen - manche Nachrichten sind schlimmer. Aber gruselig ist es schon“, verrät er. Wenn im Hochbetrieb Schreie durch die Dunkelheit gellen, ist Hünniger zufrieden. Und wenn die jüngsten Fans jeden Tag mit einem anderen Familienmitglied auftauchen, weiß er, dass er alles richtig macht. „Wir sind zu 80 Prozent Familienbetrieb“, sagt er.
Es gibt Frauen, die halten sich lieber außerhalb der Geisterbahn auf, weil ihnen das Ganze angeblich zu albern ist. Tatsächlich haben sie Angst, dass ihnen in der Dunkelheit plötzlich eine Hand im Genick sitzt oder über die Augen fährt. Das wird ihnen in Hünnigers Bahn nicht passieren. „Es gibt bei uns keine lebenden Akteure“, versichert er. „Man kann auch mit elektromechanischen Impulsen wunderbar Leute erschrecken.“


Hintergrund:
Der dieses Jahr 166. Wollmarkt in Arnstadt ist der größte Jahrmarkt Thüringens.
Dauer: 20. bis 28. Juni, täglich ab 14 Uhr auf Wollmarkt und Hammerwiese. Eröffnung: 16 Uhr am Fischtor mit Fass-Anploppen.
Attraktionen: Der Burner, Devil Rock, Geisterbahn, Break Dancer, Magic, Planet Star.
Mittwoch ist Familientag; Donnerstag 12.30 bis 14 Uhr für Menschenmit Behinderungen, Freitag Freiverlosung, Samstag (27. Juni) Höhenfeuerwerk.
Thüringer Verbände: Schaustellerfachverband Thüringen und Thüringer Verband reisender Schausteller.
Der Freistaat verzeichnet eine steigende Anzahl an Schaustellern (etwa 80 bis 90). Die Zahl der Fahrgeschäfte hingegen (zurzeit etwa 40) nimmt ab.
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2 Kommentare
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Constanze Fuchs aus Gotha | 21.06.2015 | 00:15  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 23.06.2015 | 12:25  
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