Enkel vorhanden, Großeltern gesucht Von wegen, Familie kann man sich nicht aussuchen - ein AWO-Projekt beweist das Gegenteil

Hannah ist mit ihren Leihgroßeltern sehr glücklich. (Foto: privat)
Kerstin Bauer aus Bad Blankenburg ist beruflich viel unterwegs. Der sechsjährige Sohn Leander wird derweil von der Oma betreut. Einen männlichen Bezugspartner gibt es in der kleinen Familie nicht. Zufrieden ist Bauer mit dieser Situation nicht. 'Der Junge muss doch irgendwann lernen, wie man mit einer Werkzeugkiste umgeht', denkt sie zerknirscht.
Eines Tages verfolgt sie im Fernsehen eine Reportage über Leihgroßeltern. Ihre Recherchen führen die junge Frau zur AWO nach Saalfeld, wo dieses Projekt gerade aus der Taufe gehoben wird. Kurze Zeit später sitzen sie und ihr Sohn im Büro von Projektleiter Ingolf Reiher einem älteren Herrn gegenüber.
"Die ersten drei Sekunden haben entschieden", erinnert sich Kerstin Bauer, die glücklich ist, dass Leander seit einigen Monaten einen Opa Gerd hat. Mit ihm geht er ins Kino, spazieren, auf den Spielplatz. Und mit dem Inhalt einer Werkzeugkiste weiß der handwerkliche Rentner durchaus etwas anzufangen.
Auch Gerd Ballscheidt ist glücklich, obwohl er zwei eigene Enkel am Ort hat. Der 62-Jährige übt eine Reihe ehrenamtlicher Funktionen aus - doch diese "ist meine liebste", sagt er. Einmal in der Woche düst er zu seinem "Ziehenkel" nach Bad Blankenburg, das Fahrgeld übernimmt Leanders Mutter. Für sie ist das selbstverständlich. "Über finanzielle Dinge sollte man offen sprechen", empfiehlt Ballscheidt, der für dieses Ehrenamt weder eine Aufwandspauschale noch sonstige Entschädigungen erhält.
"Wir nennen unser Projekt nicht Großelterndienst, sondern Patenschaft", erklärt Ingolf Reiher. "Es gibt keine finanziellen Zuwendungen. Wir möchten, dass allein das Herz der Menschen spricht."
Anfang vergangenen Jahres initiierte die AWO dieses Projekt. Es ist das 17. dieser Art in Thüringen. Ingolf Reihers Aufgabe ist es, Jung und Alt zusammenzubringen. Das geschieht mittels Fragebögen, auf denen Wünsche und Befindlichkeiten notiert und dann aufeinander abgestimmt werden. Reihers Arbeit trug bereits nach kurzer Zeit Früchte. Heute hat er sechs Leihgroßeltern in seinem Register. "Bitte mehr davon", sagt er, der einen großen Bedarf ermittelt hat. Das traditionelle Familienmodell existiert kaum noch, Familien sind oft über die ganze Republik verstreut. Ergebnis: einsame Menschen, die nie richtig Großeltern sein dürfen und von Gewissensbissen geplagte Eltern, die den Familienunterhalt verdienen müssen und wenig Zeit haben. An solche Menschen richtet sich das AWO-Projekt. Gerd Ballscheidt mit eigenen Enkeln am Ort bildet da eine Ausnahme.
Auf Anhieb - wie im Fall von Leander und Opa Gerd klappt es nicht immer. "Manche Leihfamilien suchen sich mitunter ein halbes Jahr und unternehmen mehrere Anläufe", so die Erfahrung des Projektmanagers. "Wenn mich die Leute dann aber überglücklich anrufen, geht für mich im dicksten Nebel die Sonne auf", erzählt Reiher und strahlt.
Voraussetzung für die Leih-Großelternschaft ist nichts weiter als ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis und ein wenig körperliche Fitness.
"Man muss einen Draht zu Kindern haben. Es ist ein gegenseitiger Lernprozess", ergänzt Gerd Ballscheidt. "Die Beziehung sollte Schritt für Schritt aufgebaut werden und jederzeit auf Vertrauen basieren. Auf keiner Seite dürfen Zweifel entstehen."
Kerstin Bauer kann Menschen, die auf der Suche nach Leihgroßeltern oder Enkelkindern sind, nur Mut zusprechen, sich auf dieses Experiment einzulassen. "Wenn alles passt, profitieren drei Seiten: Großeltern, Eltern und Kinder."
Seinen Leih-Enkel Leander hat Opa Gerd inzwischen lieb gewonnen. Demnächst will er ihn seinen leiblichen Enkeln vorstellen.


Zur Sache
Kontakt und Info: Ingolf Reiher, 03671/459999, www.awo-saalfeld.de
Termin
Nächste Infoveranstaltung der AWO Saalfeld zum Thema Leihgroßeltern: 30. Januar, 17 Uhr, AWO-Begegnungsstätte Saalfeld-Gorndorf, Albert-Schweitzer-Straße 134/136
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4 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 29.01.2014 | 00:42  
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Renate Jung aus Erfurt | 29.01.2014 | 22:33  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.02.2014 | 14:28  
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Renate Jung aus Erfurt | 10.02.2014 | 11:26  
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