Günter Cieciorra aus Arnstadt ist der Herr der Steine

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Wenn Günter Cieciorra an der Ostsee oder irgendwo in Sachsen von wildfremden Menschen angesprochen wird, findet er das nicht weiter verwunderlich. Meist dauert es nur einen Augenblick, bis er einen ehemaligen Schüler oder Kollegen wiedererkennt.

Mehr als vier Jahrzehnte verbinden Cieciorra mit der Goldschmiedeausbildung in Arnstadt. Und weil die Thüringer Kleinstadt einzige Ausbildungsstätte in der DDR war, sind gut 4000 Schüler aus der Zeit von 1954 bis dato in ganz Deutschland verstreut.
"Diese Ära war mein Leben", sagt Cieciorra und blickt versonnen auf das Tafelbild in dem Klassenraum, in dem er bis 2003 Gold- und Silberschmiede in Edelsteinkunde unterrichtete. Bis heute hat es niemand ausgewischt. Nur ein paar Konturen sind im Lauf der Jahre verblasst.

"Goldschmied werden - das wollte ich auch!"


Seit elf Jahren ist der gebürtige Gothaer Rentner, aber er entsinnt sich an fast jeden Tag seiner beruflichen Laufbahn. Auch an die Anfänge.
Cieciorras Vater ist Graveurmeister, selbstredend lernt auch der Sohn diesen Beruf. "In Arnstadt besuchte ich in den Fünfzigern gemeinsam mit den Goldschmieden die Berufsschule und wusste bald, dass ich das auch lernen wollte." Der Wahlarnstädter wird ärgerlich, wenn Unwissende Goldschmiede mit Juwelieren verwechseln. "Der Juwelier handelt mit Schmuck, während der Goldschmied das Handwerk beherrscht", erklärt er den Unterschied.
Nach bestandener Prüfung heuert Cieciorra in den Sechzigern in Riebnitz-Dammgarten beim VEB Ostseeschmuck an. Als er auf Heimaturlaub in Arnstadt ist, will ihn die hiesige Berufsschule als Lehrer gewinnen.
"Ich hatte kein Studium. Binnen 14 Tagen sollte ich von der Werkbank in den Klassenraum", erklärt Cieciorra sein Dilemma von damals. Doch er boxt sich durch. Sein Meisterstück, ein 21 Gramm schwerer Herrenring aus Gold, hat zuhause einen Ehrenplatz.

Gold auf Zuteilung


Goldschmied in der DDR zu sein, war nicht einfach. „Das Material erhielten die Betriebe nach Mitarbeiterzahl zugeteilt. Auch der Feingoldanteil spielte eine Rolle“, erzählt Günter Cieciorra. „Sie mussten sich entscheiden, ob Sie etwas mehr 333er oder viel weniger 755er Gold orderten.“ Für Neuanfertigungen gaben die Kunden Altgold ab. „Mein Ehering besteht aus 150 Einzelteilen.“ Ansonsten lebten die Goldschmiede von Reparaturen. „Die Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung stand an erster Stelle“, zitiert Cieciorra aus damaligen internen Anweisungen. „Natürlich blieb dabei die Kreativität auf der Strecke.“
Nach der Wende – Gold und Edelsteine gibt es nun im Überfluss – vermittelt der Lehrer seinen Schülern andere Inhalte. „Ich sagte ihnen, dass sie finanzkräftige und vor allem schmuckbewusste Kunden gewinnen müssten, um im Wettbewerb zu bestehen.“

Neue Zeit mit Wermutstropfen


Die neuen politischen Verhältnisse vergießen aber auch Wermutstropfen. Das Mitte der Neunziger eingeführte Berufsgrundbildungsjahr entfällt nach elf Jahren ersatzlos. Günter Cieciorra versteht das bis heute nicht: „Das war eine gute Gelegenheit für junge Leute, zu testen, ob sie für den Beruf überhaupt geeignet sind. Denn Goldschmied - das sind nicht nur weißer Kittel, Gold und Edelsteine. Das ist auch Schmutzarbeit.“
Als die Handwerkskammer Erfurt in Alach ein Berufsbildungszentrum (BBZ) einrichtet, steht die Ausbildung in Arnstadt auf der Kippe. Das Ende wird aber abgewendet.
Günter Cieciorra ist unzufrieden, weil auch andere Ausbildungsinhalte gestrichen und Kooperationsmöglichkeiten blockiert werden: „Leider sieht es gegenwärtig so aus, dass die Goldschmiedeausbildung in Arnstadt auf sehr schmaler Schiene fährt. Hoffentlich verliert sie nicht an Bedeutung.“


Geschichte:
Der Arnstädter Goldschmied Ernst Brepohl gründet 1945 eine Klasse für Splitterberufe auf Kreisebene. Hans Kister aus Gotha unterstützt die theoretische Ausbildung.
Brepohls Sohn Erhard bringt Jahre später das Buch "Theorie und Praxis des Goldschmiedes" heraus, das die Branche für die Ausbildung nutzt.
Am 25. Oktober 1954 beginnt die Geschichte der zentralen Ausbildung im Arnstädter Bierweg (heute DRK-Verwaltungssitz) für Lehrlinge aus Erfurt, Gera und Suhl.
1955 stellt die Stadt das ehemalige Waisenhaus am "Hopfengrund" zur Verfügung. An der Splitterberufsschule "Tilman Riemenschneider" lernen jetzt Gold- und Silberschmiede, Schmuckgürtler, Fasser und Graveure aus den 15 DDR-Bezirken.
1977 zieht die Schule in den Neubau in der Karl-Liebknecht-Straße um. Der Hopfengrund wird weiterhin als Internat genutzt.
1990 wird aus der Kommunalen Berufsschule die Staatliche Berufsbildende Schule. Mit Unterstützung der Innung aus der Partnerstadt Kassel entstehen hochwertig ausgestattete Werkstätten.
2014 feiert die Schule 60 Jahre Goldschmiedeausbildung in Arnstadt.


Die Zeit in Zahlen:
60 Jahre lang währt bereits die Gold- und Silberschmiedeausbildung in Arnstadt.
4 namhafte Goldschmiede gab es in den Fünfzigerjahren in Arnstadt: Echterling, Wey, Brepohl, Mayer.
15 und somit alle DDR-Bezirke nutzten Arnstadt als zentralen Punkt der theoretischen Goldschmiedeausbildung.
2,5 Jahre betrug die Ausbildung. Pro Jahr gab es 3 Klassen mit 25 bis 30 Lehrlingen.
560.000 Euro für Werkstatt und Geräte stellten die Handwerkskammern Kassel und Erfurt Anfang der Neunzigerjahre als Aufbauhilfe Ost zur Verfügung.
47 Mitgliedsbetriebe hatte die Landesinnung Thüringen 2001, heute sind es 18. Sitz ist Rudolstadt.
4000 Lehrlinge und Auszubildende lernten bis dato ihr Handwerk in Arnstadt.

Die untenstehende Bildergalerie zeigt Impressionen vom 60-jährigen Jubiläum in der Berufsschule.
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