Heute hier, morgen dort und spinnen tut sie auch: Sandra Kaiser aus Pottiga führt ein bewegtes Leben

Nicht ohne meinen Hut - Modistin Sandra Kaiser aus Pottiga.
 
Sie hat eine Truhe voller Rohlinge ins Tourismuszentrum gebracht.
Pottiga: ... |

Sandra Kaiser ist Tontechnikerin, Handarbeiterin, Naturliebhaberin und allzeit gut behütet. Wie das alles zusammenpasst? Ich traf die sympathische Ostthüringerin in Pottiga.

Sandra Kaiser steht am Tor zu ihrem Grundstück im ostthüringischen Pottiga und winkt. Sie beugt sich ins Auto und bittet: "Unser Haus ist eine Baustelle, lassen Sie uns ins Tourismuszentrum fahren." Kaum auf dem Beifahrersitz lächelt sie herzlich und streckt die Hand zur Begrüßung aus.
Sandra Kaiser ist eine Erscheinung. Braune Augen unter rotblondem Haar, ebenmäßige Zähne, die sie gern zeigt. Die Kleidung geschmackvoll - ganz in Braun. Auf dem Kopf einen Zylinder, dezent geschmückt mit Hutnadel und einem Notenschlüssel. "Ich bin keine Garniererin", sagt sie, als hätte sie den Gedanken erraten. "Es sei denn, es wird ausdrücklich gewünscht."
Seit 20 Jahren fertigt Kaiser Hüte. Früher hieß dieser Beruf Putzmacher, heute nennt man jene, die ihn ausüben, Modisten. "Ich bin sonnenempfindlich und lebte einige Jahre in Spanien und Portugal. Seitdem gehören Hüte zu meiner täglichen Ausstattung. Doch ich fand nie etwas, das mir wirklich gefiel. Ich beschloss, eigene Kreationen herzustellen und lernte das Handwerk."

Um Kunst zu schaffen, muss man das Handwerk verstehen


Die freischaffende Künstlerin sieht ihre Sache stets im Ganzen. "Um Kunst zu schaffen, muss man das Handwerk beherrschen", findet sie. "Was nützt es, wenn eine Sache schön aussieht, aber keinen praktischen Nutzen hat?"
Im Tourismuszentrum, das im kleinen Ort Pottiga auch als Bürgerhaus dient, hat Kaiser bereits eine Truhe, mehrere Hutschachteln mit Rohlingen und Werkzeug für Demonstrationszwecke deponiert. Über ihre Tätigkeit weiß sie viel zu erzählen. Kennt sich mit Materialien und Techniken sehr gut aus.
Und nicht nur damit. Wenig später steht fest: Sandra Kaiser ist nicht nur eine Frau für Hüte, sondern für alle Fälle. Ihren Mann, der als Musiker Unterricht gibt und in mehreren Bands spielt, begleitet sie als Technikerin. "Heute ein Hippiekonzert, morgen eine Hochzeit des Hochadels, heute in Stuttgart und Ulm, morgen in Berlin - es ist ein aufregendes Leben", erzählt sie. Doch sie kehrt immer wieder gern an den heimischen Herd zurück. In ihren Garten mit den selbstgezogenen Kartoffeln und den Kräutern. Kann die vierköpfige Familie von Einnahmen und Gagen leben? - "Emotional sehr gut", erwidert Sandra Kaiser und zeigt wieder ihre ebenmäßigen Zähne.

Sehr emotional


Sie ist eine sehr emotionale Frau. Kein Verständnis für Menschen, die Tiere allein für ihre Zwecke töten. "Nehmen Sie nur die Biber. Sie werden ausschließlich für die Fellgewinnung gezüchtet." Da hält sie es lieber mit Alpakas. Kaiser präsentiert fein gearbeitete Wollstulpen an den Handgelenken. "Die werden geschoren und leben danach munter weiter."
Wolle ist ein weiteres großes Thema für die Künstlerin. Mit Spinnrad, Webstuhl und jeder Menge Tipps - beispielsweise zum Anbau von Färbepflanzen - besucht sie Märkte und zeigt dort das alte, fast vergessene Handwerk. "Die Menschen sind fasziniert und ihr Interesse steigt wieder", stellt Kaiser erfreut fest. Anfängern zeigt sie, wie man mit einer Spindel Wolle spinnt. Ein weiteres Handwerk, das kaum noch jemand kennt, ist das Nadelbinden. "Der Vorteil gegenüber Strickware ist, dass nadelgebundene Gewirke beim Reißen eines Fadens keine Laufmaschen bilden und sich nicht auflösen."
Auch Wolle hat für Sandra Kaiser etwas sehr Emotionales. Mit selbstgemachten Fadenspielen besucht sie demente Menschen. "Fadenspiele helfen, das körpereigene Gedächtnis zu aktivieren. Nach zehn Minuten sind die Menschen in ihrer Kindheit angelangt - das ist sehr bewegend."

Loch an Loch - das muss sie erforschen


Sandra Kaisers Wissensdurst ist noch lange nicht gestillt. Weben, spinnen, filzen, stricken, häkeln sind keine Herausforderungen mehr. Wohl aber Fingerschlingentechnik und Lochstickerei. "Ich liebe die Dachbodenfunde, die die Leute mir manchmal bringen", schwärmt sie. Besonders Wäschestücke, die auf beiden Seiten unterschiedliche Muster zeigen, haben es ihr angetan. "Das möchte ich auch können, aber es gibt niemanden mehr, der es mir beibringen könnte", bedauert die Handwerkerin. Doch sie wäre nicht Sandra Kaiser, wenn sie deshalb den Mut sinken ließe. "Das Geheimnis der Lochstickerei werde ich wohl selbst entschlüsseln müssen", sagt sie und kann es kaum erwarten.

Zur Sache:
Sandra Kaiser fertigt Hüte, zeigt seltene Handarbeiten und gibt entsprechende Kurse.
Zum 2. Handarbeitstag am 19. März im Vereinshaus "Handarbeitskorb" Zoppoten können Anfänger und Fortgeschrittene mit Kaisers Handspindel spinnen, außerdem mit der Künstlerin filzen und Fadenspiele spielen.
Information: www.hexperiments.de
Kontakt: message@hexperiments.de oder 0174/9056634
Programm zum 2. Handarbeitstag: 10 bis 13 Uhr Kursangebote, 14 bis 17 Uhr Erfahrungsaustausch und Ausstellung.
Angebote: Handstickerei, Patchwork, Schmuckknöpfe, irische Häkelei, Papierblüten falten, Quillingtechnik, Doppelstricken, Recyclingtaschen, spinnen, Fadenspiele spinnen.
Anmeldung unter grafzoppoten@synovae.de
20. März: Osterausstellung im "Handarbeitskorb"
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 02.03.2016 | 17:51  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 03.03.2016 | 09:53  
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