Hundert Jahre und kein bisschen leise - Josef Hinke aus Saalfeld ist der 100-Jährige, der aus dem Fenster steigen könnte

Josef Hinke mit seiner 65 Jahre alten Praktica.
 
Josef Hinke inmitten seiner Damenrunde. Ab und an trifft man sich zu Kaffee und Kuchen.
 
Der rüstige Josef Hinke mit seiner Seniorenbegleiterin Sieglinde Weise. Seit fünf Jahren treffen sich die beiden jeweils mittwochs, um unter anderem über Gott und die Welt zu plaudern.
Saalfeld/Saale: ... |

"Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" ist ein Bestseller aus Schweden, an dem Literaturbegeisterte nicht vorbeikommen. Im Pflegeheim soll der 100. Geburtstag von Allan Karlsson gefeiert werden. Doch der hat keine Lust darauf und steigt einfach aus dem Fenster, um eine sagenhafte Weltreise zu erleben.

Genauso agil und gewitzt ist Josef Hinke. Nur hat der Saalfelder keine Veranlassung, auszureißen. Er lebt in einer schöne Wohnung im DRK-Projekt "Betreutes Wohnen". Bis auf einen Herzinfarkt und ein paar Verschleißerscheinungen hat er keine Erkrankungen. Bücher liest er ohne Brille, seine E-Mails schreibt er mit zehn Fingern. Beim sehr deutlichen Sprechen rollt der ehemalige Telefon- und Funktechniker ein wenig das "R" und erzählt von seinen Kabelkanälen, als wäre er erst gestern in den Ruhestand gegangen. Zu Hinkes 100. Geburtstag im Februar gaben sich die Gratulanten die Klinke in die Hand, der Kindergarten führte ein Programm in seinem Wohnzimmer auf. Im Postkasten steckten Glückwunschkarten vom Bundespräsidenten und der Thüringer Landesregierung.
AA-Korrespondentin Jana Scheiding besuchte den rüstigen Senior in der Hoffnung auf ein Rezept für langes Leben.


Wie fühlt man sich mit 100?
Lesen Sie das Gedicht, das ich geschrieben habe. Dann wissen Sie es.

Können Sie etwas daraus zitieren?
Es gibt Tage, da könnte was gelingen, da könnte ich tausend Dinge vollbringen. Es gibt Tage, da regt mich alles auf. Es klingelt jemand an der Tür - was will der denn schon wieder von mir? Aber wäre das Leben so glatt wie Papier, dann wäre es zu langweilig mir. Heute geht‘s mir wieder gut, heute hab ich neuen Mut. Ich kann lachen und die tollsten Sachen machen...

Was sind denn das für tolle Sachen?
Ich genieße zum Beispiel die Nachmittage mit Sieglinde Weise. Sie ist ausgebildete Seniorenbegleiterin im Projekt "Herbstzeitlose", das sich hier in Saalfeld um alte und kranke Menschen kümmert. Seit fünf Jahren besucht mich Frau Weise jeden Mittwoch. Wir sprechen über Probleme des Lebens und der Gesundheit. Manchmal spielen wir Halma oder Stadt - Land - Fluss. Wir gehen spazieren, politisieren oder sitzen am Computer. Gelegentlich fahren wir gemeinsam zur Kraftfahrerschulung.

Sie fahren noch Auto?
Nein, das habe ich mit 92 an den Nagel gehängt. Heute fahre ich nur noch mit meinem Elektromobil in die Stadt, um Wege zu besorgen oder einzukaufen. Aber es hat Straßenzulassung.

Nicht alle Senioren sind so vernünftig, rechtzeitig das Steuer aus der Hand zu geben.
Ach wissen Sie, für eine Person lohnt sich der ganze Aufwand nicht. Denken Sie nur an Steuern, Versicherungen und die Durchsichten in der Werkstatt.

Dann haben Sie das Autofahren nur aus wirtschaftlichen Erwägungen aufgegeben?
Ja, warum denn sonst? Früher, als meine Frau noch lebte, sind wir durch ganz Europa gereist. Meist waren wir in der Hohen Tatra, weil ich von dort stamme. Das war meine glücklichste Zeit. Wir sind gewandert und ich habe fotografiert. Das tue ich heute noch. Vor kurzem habe ich mir eine vollautomatische Kamera zugelegt. Ich habe auch meine Praktica noch. Sie leistete mir jahrzehntelang treue Dienste.

Wie kommt es, dass Sie so fit sind?
Ich habe mein ganzes Leben lang Sport getrieben. Als Kind war ich bei den Pfadfindern und später ganz gut im Skifahren. Bis vor drei Jahren bin ich ins Fitnessstudio gegangen, mittlerweile mache ich meine gymnastischen Übungen vor dem Fernseher. Wer rastet, der rostet. Dem will ich so lange wie möglich entgegenwirken. Natürlich wird das von Jahr zu Jahr schwieriger, weil der Alterungsprozess nun mal nicht aufzuhalten ist.

Wie ist Ihr Tagesablauf?
Ich stehe morgens 6.30 Uhr auf und brauche ungefähr eine Stunde, um in Gang zu kommen. Bin ja schließlich keine 80 mehr. Dann mache ich mir mein Frühstück und danach geht es meist an den Rechner. Oder ich fahre in die Stadt, um einzukaufen. Zum Beispiel gebratenen Lachs auf dem Wochenmarkt. Ich versuche, zweimal in der Woche Fisch zu essen.

Haben Sie noch mehr Tipps zur Gesunderhaltung?
Wissen Sie, das Bewusstsein, dass man auch im Alter aktiv sein muss, ist immens wichtig. Der Herzmuskel muss gefördert werden, damit er bis ins hohe Alter gut arbeitet. Die Lunge braucht frische Luft, die Muskeln ständige Belastung. Es ist verkehrt, sich auszuruhen, wenn es einem schlecht geht. Apropos: Könnten Sie mich in die Küche begleiten, ich muss noch das Kaffeegeschirr abtrocknen. Das soll nicht heißen, dass es mir jetzt schlecht geht. Im Gegenteil. Aber wenn ein Tag nicht so wunschgemäß verläuft, dann sage ich mir abends vor dem Einschlafen: du wirst das hier überstehen und morgen geht es wieder besser.

Das klingt wie eine Lebensphilosophie...
Stimmt genau. Lebe bewusst dein Leben, es wird dir nur einmal gegeben. Voriges Jahr habe ich zu diesem Thema einen Vortrag vor der Landesseniorenvertretung gehalten. Dieses Jahr bin ich auch wieder gebucht.

Haben Sie ein Vorbild?
(lacht). Nun, ich habe die Biografie von Johannes Heesters gelesen. Mir ist bewusst, dass jederzeit etwas passieren kann, aber ich gehe davon aus, dass ich noch ein paar schöne Jahre habe.


Hintergrund:
Josef Hinke wurde als Sohn einer gutsituierten, musikalischen Familie in Neustadt an der Tafelfichte, dem heutigen Nové Méstò pod Smrkem, geboren. Das zu dieser Zeit zur österreich-ungarischen Monarchie gehörende Gebiet fiel nach dem Ersten Weltkrieg an die Tschechoslowakei.
Hinke lernte Kunst- und Dekorationsmaler und bemalte große Bühnenbilder. 1938 heiratete er und bekam einen Sohn. Seine Frau und sein Sohn sind inzwischen verstorben.
Nach dem Krieg baute er in Saalfeld das Nachrichten- und Telefonwesen mit auf. Später bei der Feuerwehr das Alarmierungs- und Feuermeldesystem.
Josef Hinkes Tipps für ein langes Leben: gesunde Lebensweise, viel Bewegung, wenig Stress, Hobbys wie Tanzen oder Musizieren, positives Denken.
Zum Jahrgang 1915 zählen neben Josef Hinke Prominente wie Ingrid Bergmann, Franz Josef Strauß, Frank Sinatra, Edith Piaf, Arthur Miller und Helmut Schön.
Geschätzte 14 000 Menschen, die 100 Jahre und älter sind, leben derzeit in Deutschland. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl von 6000 mehr als verdoppelt.
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1 Kommentar
7.102
Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 18.03.2015 | 10:20  
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