Luther machte Deutsch erst schick: Wie der Reformator unsere Sprache bereicherte

Dr. Bettina Bock, Lehrstuhl für Indogermanistik an der Philosophischen Fakultät der Universität Jena, aufgenommen am 09.01.2013. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Unsere Sprache war vulgär, bevor der Reformator sie vor einem halben Jahrtausend aufwertete. In Saalfelds Johanneskirche ist derzeit eine Ausstellung mit einigen seiner Sprachbilder zu sehen.

Was haben Gewissensbisse, Feuertaufen und Machtworte gemeinsam? Die Begriffe werden Martin Luther zugeschrieben, der die seinerzeit gewöhnliche deutsche Volkssprache mit neuen Sprachbildern bereicherte. Metaphern wie „im Dunkeln tappen“ oder „ein Herz und eine Seele sein“ finden sich noch heute in der Bibel. Für das Volk ein „Buch mit sieben Siegeln“ - deshalb übersetzte Luther auf der Wartburg die heilige Schrift aus griechischen und lateinischen Vorlagen. Die promovierte Indogermanistin Dr. Bettina Bock von der Universität Jena hält Luther für einen großartigen Rhetoriker und konzipierte mit ihrem Team eine 18 Tafeln umfassende Ausstellung unter dem Titel „Machtworte – Wortgewalt und Bilderwelten bei Luther“, die bis 10. Juni in der Johanneskirche Saalfeld zu sehen ist. AA-Redakteurin Jana Scheiding führte mit Dr. Bettina Bock ein Interview im Sinne von Luthers Sprachbildern.

Sprechen Sie ab und an ein Machtwort?
Ich sehe darin eher etwas Negatives. Ein Verhalten, das überholt ist. Heute wird mehr diskutiert, die Menschen finden Kompromisse. Das halte ich für zweckmäßiger.

Haben Sie Gewissensbisse?
Ja. Als Studentin erhielt ich viel Unterstützung von einer Frau, bei der ich mich dann nie wieder meldete. Ich denke oft daran und nehme mir für meine Jungstudenten besonders viel Zeit. Auch, um etwas wieder gutzumachen.

Wann mussten Sie eine Feuertaufe bestehen?
Als junge Studentin sollte ich zum ersten Mal einen Vortrag vor einer größeren Versammlung halten. Das lief katastrophal. Und dann erklärte mir auch noch ein Dozent vor allen Leuten, was ich falsch gemacht hatte. Trotzdem habe ich aus dieser Situation viel gelernt und mit der Zeit lief es immer besser.

Ist die Bibel für Sie ein Buch mit sieben Siegeln?
Manche Passagen sind sicherlich nicht einfach zu interpretieren. Und ich gestehe, dass ich es bisher nicht geschafft habe, die Bibel durchzulesen.

Wann beißen Sie die Zähne zusammen – beim Zahnarzt?
(Lacht). Gerade dort sollte man es nicht tun. Aber im Berufsleben kommt es vor, dass die eigenen Vorstellungen nicht passen und ich Kompromisse eingehen muss. Da heißt es eben, die Zähne zusammenzubeißen – wie Martin Luther sagen würde.

Wann tappen Sie im Dunkeln?
Wortwörtlich tat ich das in Gera, als ich die Höhler besuchte. Das sind künstlich angelegte Hohlräume unter den Wirtschaftskellern der Altstadthäuser. Im übertragenen Sinn passierte mir das gerade bei Texten aus dem Rap. Meine Nichte brachte mich auf diese mir völlig fremde Welt. Obwohl mir Homer und die altgriechische Sprache näher sind, finde ich diese neue Sprach-Welt überraschend spannend.

Was nehmen Sie sich zu Herzen?
Kritik, wenn sie konstruktiv ist. Da höre ich hin, versuche, Dinge zu verbessern. Denn niemand ist vollkommen. Das nehme ich auch für mich nicht in Anspruch.

Mit wem sind Sie ein Herz und eine Seele?
Mit niemandem. Ich habe viele Freunde, mit denen es aber keine 100-prozentige Überschneidung gibt. Das ist auch gut so, denn diese Tatsache eröffnet mir ständig neue Welten. Was andere mitbringen, erweitert meinen Horizont. Mein Mann, zum Beispiel, sieht sich leidenschaftlich gern Fußballspiele an. Früher hätte ich nicht im Traum daran gedacht, jetzt leiste ich ihm dabei Gesellschaft. Und er freut sich, wenn ich mich beim nächsten Spiel noch an die Namen der Fußballer erinnere.


Zur Sache:
Dr. Bettina Bock, Jahrgang 1965, ist Sprachwissenschaftlerin und auf Indogermanistik spezialisiert. Sie rekonstruiert Sprachen, betreibt quasi Spracharchäologie. Bocks Steckenpferd sind Sprichwörter und Redewendungen, weshalb sie von Luthers Sprache fasziniert ist. Im Seminar für Indogermanistik an der Philosophischen Fakultät der Uni Jena konzipierte sie die Ausstellung „Machtworte – Wortgewalt und Bilderwelten bei Luther“. Die Tafeln sind bis 10. Juni in der Johanneskirche Saalfeld zu sehen. Dann wandert die Ausstellung weiter durch deutsche Städte, Südtirol und Brasilien.
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2 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 20.05.2017 | 08:11  
5.855
Gunter Linke aus Saalfeld | 21.05.2017 | 15:39  
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