Männer wollen nicht nur spielen - Der Freundeskreis Stadtilmer Spielzeugbahnen lässt Geschichte aufleben

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Eine Dampflok surrt über die Schienen. Vorbei am Bahnhof Stadtilm, über das Viadukt, das - der Betrachter möge es verzeihen - nicht ganz maßstabsgerecht ist. Auf den Bahnsteigen stehen Menschen mit Koffern, warmes Licht durchflutet ein Fachwerkhäuschen nahe der Bahnstation. Es herrscht abendliche Stimmung.

Dass Modelleisenbahnen nur Männer begeistern, ist, gelinde gesagt, Unsinn. Es ist faszinierend, den Zügen zuzusehen, wie sie sich bergan kämpfen, souverän die Hügelkette nehmen und wieder ins Tal brettern.
Den ehemaligen Jugendklub in der Andersen-Nexö-Straße in Stadtilm haben seit vergangenem Jahr die Älteren mit Beschlag belegt. Der zurückgesetzte Flachbau verrät auf den ersten Blick nichts von der Betriebsamkeit der Eisenbahner aus Leidenschaft. Drinnen haben die Männer alle Hände voll zu tun, denn sie bereiten ihre Anlagen für die Ausstellung am kommenden Wochenende vor, die an zwei Standorten gezeigt wird.
Betritt man den Hobbybahnhof, fällt der Blick sofort nach links, auf die Fahranlage der Spur 0. Die Brüder Stefan und Thomas Wittrodt haben 300 Stunden allein mit dem Aufbau zugebracht. Das Logbuch verzeichnet 700 Betriebsstunden.

Stadtilmer Industriegeschichte neu beleben


Gleich daneben steht eine wesentlich kleinere Eisenbahnanlage, an der sich Oliver Cämmerer, Bernd Richter und Jürgen Hettstedt zu schaffen machen. Zusammen mit über 30 weiteren Mitstreitern sind sie der "Freundeskreis Stadtilmer Spielzeugbahnen", deren Vorsitzender Cämmerer ist.
"Die Bahnen der Spur 0 und S-Spur wurden einst in Stadtilm hergestellt", erklärt der hochgewachsene Mann und deutet auf die Anlagen. "Wir wollen nicht nur spielen, sondern ein Stück hiesiger Industriegeschichte wiederbeleben."

Der Industrielle Carl Liebmann kommt aus der Rüstungsproduktion und muss nach dem Zweiten Weltkrieg sein Spektrum verändern. Zunächst produziert er Tischleuchten und Gardinenstangen. Dann fertigt er Spielzeugeisenbahnen der Spur 0 aus Aluminium, die er 1948 auf der Leipziger Messe ausstellt. Die Modelle sind robust und deshalb eher Spielzeug- als Modelleisenbahnen. Anfang der Fünfzigerjahre geht Liebmann in den Westen. Die Firma wird verstaatlicht und heißt fortan VEB Metallwarenfabrik Stadtilm.

Wohnungen für Spur 0 zu klein


"32 Millimeter Spurweite erwiesen sich als zu groß für die winzigen Nachkriegswohnungen. Deshalb stieg der Betrieb auf die Spur S im Maßstab 1:64 mit Spurweite 22,5 Millimeter um", hat Oliver Cämmerer recherchiert. Und, dass der VEB Metallwaren der einzige Betrieb in der DDR mit dieser Produktlinie war. "Die Spur S war eine Größe nach europäischer Modellnorm", erklärt Cämmerer. "Sie stammt wohl aus Amerika, wo sie heute noch verbreitet ist."

Die Waggons der Spur S sind für Kinderhände zwar geeignet, doch schon recht detailverliebt. Und auch sie sind zu groß für die damaligen Wohnungen. TT und H0 passen besser. Außerdem werden die Produktionskapazitäten für das Gelenkwellenwerk in Stadtilm benötigt. Und so ist 1964 Schluss mit der Spur S und Spielzeugeisenbahnen aus Stadtilm.

"Man muss Visionen haben"


Oliver Cämmerer will es nicht hinnehmen, dass die Modellbahnen aus Stadtilm für immer in der Versenkung verschwinden. "Als Kind habe ich mir an der Scheibe des Modellbahngeschäftes die Nase plattgedrückt und die Bahnen bewundert." Heute hat der Diplom-Ingenieur eine Bahn der Spur S zu Hause. Jährlich dreht sie ihre Runden um den Weihnachtsbaum.
Cämmerer und seine Mitstreiter wollen die Spur S wieder salonfähig machen und die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren. "Man muss Visionen haben und dafür einstehen, auch wenn sich manche Idee als Sackgasse erweist", blickt Cämmerer mutig in die Zukunft.
An mangelndem Wohnraum dürfte das Unterfangen heute kaum noch scheitern.


Zum Thema:
Der Unterschied zwischen Spur 0 und H0 liegt im Maßstab und damit in der Spurweite. H0 ist halb so groß wie Spur 0. Die Spur S ist eine Zwischengröße.
Der Freundeskreis Stadtilmer Spielzeugbahnen e.V. ist an Zeitzeugen und Zeugnissen interessiert. Wer Erzeugnisse, Fotos oder Dokumente wie Lohnabrechnungen oder Einträge in Brigadetagebücher aus dem bewussten Produktionszeitraum besitzt, wird gebeten, mit Oliver Cämmerer unter 0172/6119784 Kontakt aufzunehmen.
Termin: 6./7. Dezember, jeweils 10 bis 16 Uhr, Adventsausstellung im Gemeindehaus Niederwillingen (Schmiedegasse).
Parallel dazu: Fahranlage der Spur 0 in Stadtilm, Andersen-Nexö-Straße 6.
Information: www.stadtilmer-bahnen.de

Zur Person:
Oliver Cämmerer hat Schienenfahrzeugtechnik in Dresden studiert, war viele Jahre bei der Eisenbahn und ist seit 1996 beim Eisenbahn-Bundesamt beschäftigt. Seit Sommer dieses Jahres ist er der Vorsitzende des Freundeskreises Stadtilmer Spielzeugbahnen e.V.
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5 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 08.12.2014 | 06:24  
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Hannelore Grünler aus Artern | 08.12.2014 | 20:24  
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Renate Jung aus Erfurt | 08.12.2014 | 22:58  
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Hannelore Grünler aus Artern | 09.12.2014 | 17:14  
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Hannelore Grünler aus Artern | 09.12.2014 | 17:16  
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