Mehr Raum für Sinnlichkeit: Bildhauerin Sylvia Bohlen hat es mit Köpfen

Die Bildhauerin Sylvia Bohlen hat ihren schöpferischen Schwerpunkt auf Köpfe gelegt.
  Weischwitz.

Wer Sylvia Bohlen in ihrem Atelier besuchen will, muss die Städte Rudolstadt und Saalfeld hinter sich lassen und Kurs auf Weischwitz nehmen. Das hübsche Fachwerkhaus der Bildhauerin ist schnell gefunden, es kuschelt sich förmlich an die Dorfstraße, wo sich Hausnummer an Hausnummer reiht.

Dann steht die Künstlerin im Türrahmen. Sympathisch, freundlich lächelnd, die blonden Haare zu einem langen Zopf geflochten. Augenblicke später gibt es Tee aus Keramiktassen von Martin Möhwald, den Sylvia Bohlen für einen der Besten aus der Branche hält. Das Wohnzimmer ist gemütlich. Ein Ofen, der wohlige Wärme abstrahlt, daneben ein abgestorbener Baum als Chillplatz für die Katze, die in diesem Moment beim Fliegenjagen einen Blumentopf vom Fensterbrett stößt. Bohlen nimmt es locker. Die Erde kann sie später wegsaugen.
Dann beginnt sie zu erzählen, wie es vor über 20 Jahren mit der Kunst angefangen hat. „Ein Freund und ich wollten zunächst Tierärzte werden. Doch die Anforderungen waren sehr hoch und Studienplätze rar. Wir waren aber beide künstlerisch ambitioniert und bewarben uns an der Kunsthochschule in Dresden.“ Das gibt Ärger, denn die Bewerbung ist mit der Schulobrigkeit nicht abgesprochen. Zu DDR-Zeiten hat man für Eigenmächtigkeiten der Schüler wenig übrig. Was diese zu tun und zu lassen haben, entscheiden andere.
Das Schicksal will es, dass die jungen Leute zur dreitägigen Eignungsprüfung eingeladen werden und wenig später einen positiven Bescheid erhalten. 1984 beginnt für Sylvia Bohlen die Zeit in der Fremde. „In der Kunsthochschule war ich mit 18 das Küken“, erzählt sie. „Meine Kommilitonen hatten zum Teil schon zwei bis drei Anläufe hinter sich, die meisten eine abgeschlossene Berufsausbildung.“
1989 unternimmt Sylvia Bohlen mit einer Handvoll Pionierleiterinnen eine Studienreise nach Leningrad. „Die Truppe war nicht mein Fall, und so seilte ich mich mit zwei russischen Studenten der Leningrader Kunstakademie ab, die mir die Stadt zeigten. Da wusste ich, dass ich mich richtig entschieden hatte.“
Wieder zu Hause, bekommt die frischgebackene Hochschulabsolventin die Zusage für eine Wohnung mit Atelier in Jena, die 1991 bezugsfertig sein soll. Sie hatte in der Zwischenzeit ihren späteren Ehemann kennengelernt und zieht mit ihm für eine Übergangszeit von zwei Jahren in das Gärtnerhäuschen in Saalfelds Schwarmgasse „Der Mann von der Wohnraumlenkung meinte, diese 25 Quadratmeter Übergangslösung sollten eigentlich abgerissen werden und nicht noch mal vermietet“, erzählt die Künstlerin und lacht. „Aus zwei Jahren wurden schließlich sieben, weil die Ateliers in Jena nicht fertig gebaut wurden.“ 1990 beschließt das Paar, aufs Dorf zu ziehen, baut ein Haus zum Wohnen und Arbeiten aus.
Bis zur Geburt der Kinder zieht Bohlen in der Welt herum. Als Bildhauerin, Restauratorin, Fassadengestalterin, Theaterplastikerin. Ihre erste Arbeit, eine Muse, ziert das Krankenhaus in Saalfeld.
Heute muss Sylvia Bohlen nicht mehr reisen, um glücklich zu sein. In der heimischen Werkstatt gibt es genug zu tun. Im Sommer gibt sie Keramikkurse, im Winter widmet sie sich der freien Arbeit. Sie organisiert Ausstellungen und leitet Projekte an Schulen. „Allerdings habe ich mehr Ideen als Zeit“, bedauert Bohlen, deren künstlerischer Schwerpunkt auf Figuren und Köpfen liegt.
„Ich bin sehr glücklich mit meinem Beruf. Wenn mir etwas einfällt, schreibe ich es auf und setze es später um. Das ist unheimlich kreativ, ich möchte nichts anderes machen. Natur, Menschen und Situationen inspirieren mich“, sagt sie und berichtet von einem alten Mann, den sie beim Trommeln beobachtete. „Ich war fasziniert von der Zufriedenheit, die er ausstrahlte, als er mit der Musik mitschwang.“ Spontan drückt sie auf den Auslöser ihres Fotoapparates und fertigt nach dem Foto den Kopf des Mannes an. „Es ist schwierig, nach fotografischer Vorlage zu arbeiten, weil man dann geneigt ist, die Stimmung des Bildes einzufangen. Schöner ist es, mit dem Menschen direkt zu arbeiten.“
Die nächsten Projekte hat Sylvia Bohlen bereits geplant: Ausstellungen --- in Leipzig und Potsdam – und Kinderköpfe. „Die sind besonders schwierig, weil sich bei der Arbeit das Erwachsenendenken aufdrängt.“
Ihre Lebensphilosophie? – „Nutze den Tag, denn das Leben ist relativ kurz. Das wird mir umso bewusster, je mehr Menschen ich verliere. Da wird klar, dass auch die eigene Lebenszeit begrenzt ist. Ich sauge jeden Sonnenstrahl auf, versuche, Sinn und Sinnlichkeit mehr Raum zu geben. Und nehme mir vor, mich nicht über Dinge zu ärgern, die es nicht wert sind.“
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 06.03.2014 | 22:59  
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Hannelore Grünler aus Artern | 07.03.2014 | 07:28  
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