Mit Josefine ins Feld

Kanone Josefine bei einer Schlachtnachstellung im Einsatz. (Foto: Dr. Axel Hirmer)
 
Ja, wo laufen sie denn? Axel Hirmer auf Beobachtungsposten. (Foto: privat)
Bad Lobenstein: ... |

Dr. Axel Hirmer und seine Frau haben zwar kein Boot, um auf der Saale zu schippern. Aber sie haben eine Kanone. Und mit Josefine ziehen sie gern mal ins Feld.

Wer Dr. Axel Hirmer und seine Frau Gudrun zu Hause besuchen möchte, muss entweder ordentlich aufs Gas treten oder seine Lungenflügel bemühen. Es geht ziemlich steil bergan in Saaldorf bei Bad Lobenstein, doch ein Blick aus dem Fenster des hübschen Hauses auf die gestaute Saale und fast unberührte Natur entschädigt für alle Mühen.
"Wir gehören zu den wenigen im Dorf, die kein Boot besitzen", sagt Gudrun Hirmer und ihr Mann ergänzt: "Wenn Besuch kommt, leihen wir uns einfach eins aus." Das ist nicht weiter schlimm, denn Familie Hirmer zieht es mehr zum Felde als zum Wasser hin. Und mit Kanone Josefine - benannt nach der Ehefrau Napoleons - besitzen Hirmers etwas, was im Dorf einzigartig ist.
Wenn das Paar nicht unterwegs ist, um Schlachten an historischen Schauplätzen nachzustellen, ruht die 600 Kilo schwere Josefine im Anhänger unter einer Plane. Gleich daneben befindet sich die Tür zu Garage und Keller, wo Axel Hirmer seine Schätze aufbewahrt: Kanonenkugeln, Schießpulver, Zinnbecher, Bierkrüge, Melkschemel, Waschschüssel - was man braucht, um 200 Jahre in die Vergangenheit zu reisen und dort authentisch zu leben. Das schönste ist die Uniform - aus feiner Schurwolle mit blank polierten Messingknöpfen. Hose, Jacke, Weste, Hut, Schuhe, Gamaschen und Säbel spiegeln den Dienstgrad eines Capitains wider, zu welchem Hirmer im Juni anlässlich des 200. Jahrestages der Schlacht bei Waterloo befördert wurde. "Für uns, die vor neun Jahren mit drei Mann und einem Geschütz in Jena begannen und nun eine sächsische Artillerie mit 17 Mann und vier Geschützen darstellen, war das der Höhepunkt unseres Vereinslebens", erzählt der Pharmareferent, der von den Erlebnissen im belgischen Weltkulturerbe vermutlich noch lange zehren wird. "Das Gefühl, vor 80.000 Menschen aufzutreten, war unbeschreiblich, die Tribünen der reine Gigantismus. Die Stimmung erinnerte an den Einzug der Gladiatoren in eine römische Arena - laute, schwere Musik, Schlachtgeräusche und der Applaus der Zuschauer."

Kugeln ersetzen die Schützen mit einer Kartusche Mehl


Sein Verein, die Schützengesellschaft Neustadt/Orla 1453, zählt zu den ältesten Deutschlands. "Meine Frau und ich haben in Neustadt mal geböllert und waren zum Böllerschützentreffen in Bayern. Da hat es mich erwischt", erinnert sich Axel Hirmer. Im Jahr 2000 begann er, den Hausrat für das Familienhobby zusammenzutragen. Ist er auf dem Schlachtfeld, kümmert sich seine Frau als Marketenderin um die Verpflegung.
Geschossen wird natürlich nicht scharf: "Wir ersetzen die Kugel mit einer Kartusche Mehl. Das ergibt einen Feuerball und Rauch, ist aber ungefährlich", erklärt Hirmer.

Wenn Hirmers ihren Hänger packen, bringt der gut zwei Tonnen auf die Waage. Bei Lebensmitteln ist kluge Logistik gefragt. "Wir müssen zuerst Verderbliches verbrauchen, weil wir nichts kühlen können." Auch Gudrun Hirmer liebt diese Ausflüge in ein anderes Leben: "Es macht Spaß, Essen über dem Feuer zu kochen - Gasbrenner sind nicht erlaubt." Gleiches gilt für Uhren, Fernseher, Handys oder Schmuck. "Die Atmosphäre soll so authentisch wie möglich sein."
Auf dem Schlachtfeld ist alles straff organisiert. "Wichtig ist, dass jeder weiß, wo er steht. Jeder Handgriff muss sitzen. Wer säubert die Kanone nach dem Schuss? Wer bringt die Ladung? Sicherheit ist oberstes Gebot. Dafür gibt es Lagebesprechungen und Drill." Das Reglement mit seinen Befehlen ist von 1809. Verwendet werden auch international bekannte Säbelzeichen, da durch Geräuschkulisse und Gehörschutz Worte wenig nützen.

Die Szene der Böllerschützen ist größer, als man denkt


Die Szene der Böllerschützen ist größer als man denkt, sagt Axel Hirmer. Meisterschaften werden meist auf Übungsplätzen der Bundeswehr ausgetragen, zum Beispiel auf dem Raketenübungsplatz in Sondershausen. Die Ostthüringer holten drei Meistertitel, Triptis wurde 2015 gar Europameister.
Wenn auf dem Schlachtfeld der Ernst des Soldatenlebens beginnt, ziehen alle Nationen an einem Strang - fernab von Politik und Ideologie.
Brauchen Männer Krieg? "Wir spielen nicht Krieg, wir stellen Geschichte nach, sind fasziniert von historischer Technik, Präzision, Disziplin und Gemeinschaft", erklärt Axel Hirmer leidenschaftlich. "Nach drei Tagen im Feld spürt man, wie brutal das damals war. Den Soldaten ging es schlecht, es starben mehr an Infektionen als im Kampf. Es gab wenig Zelte, keine Zahnpasta, kaum zu essen. Die Schuhe waren über einen Leisten gezogen und somit gleich groß. Viele marschierten barfuß. Wir würden das heute nicht mehr überstehen."
Voller Bewunderung ist Hirmer für die damaligen Feldherren: "Die waren nahezu genial, mussten Stunden vorausdenken. Es gab weder Telefon noch Internet, die Depeschen überbrachten Boten zu Pferde. Wenn der Bote am Ziel anlangte, war der Inhalt der Botschaft meist schon veraltet."

Wer seine Geschichte nicht kennt, hat auch keine Zukunft, glaubt Hirmer. Bald wird er wieder Pulverdampf schnuppern, denn neue Schlachten stehen bevor: "Im Herbst fahren wir zur Völkerschlacht nach Leipzig und 2016 geht es zum 210. Jahrestag der Schlacht bei Jena-Auerstedt."


Zur Sache:
Der Verein sucht Menschen, die sich dieses abenteuerliche und interessante Hobby vorstellen können. Den Mitgliedern geht es nicht um Kriegsspiele, sondern um die Aufarbeitung historischer Ereignisse. Wer sich ein Training anschauen möchte, bekommt eine Gastuniform. Wer mit Pulver arbeiten will, benötigt einen Sprengstofferlaubnisschein.
Kontakt: drhirmer@freenet.de
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Renate Jung aus Erfurt | 02.10.2015 | 23:12  
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