Nischt über Rudelstadt: Grundschule "Anton Sommer" ehrt ihren Namensgeber mit Arbeitsgemeinschaft Mundart

Heike Fölzel mit ihrer AG "Mundart".
 
Zu Rudolstadt gehören auch Klöße und die Rostbratwurst.
Rudolstadt: ... |

Wenn äner ongern Haine stieht on guckt salthierden ronger, wenn su in Frihling alles blieht 'n ganzen Tage nonger. Das ös nur äne wahre Pracht.

Die Lehrerin wirkt sympathisch, als sie in Trainingssachen zügig auf den langen Schulflur einbiegt. "Entschuldigen Sie meine lässige Kleidung", bittet sie. "Aber ich komme vom Sportunterricht. Jetzt müssen wir unters Dach. Die Kinder warten bestimmt schon."
Heike Fölzer unterrichtet an der Grundschule "Anton Sommer" Sport, Mathe, Deutsch und Sachkunde. Jeden Dienstagnachmittag trifft sie sich mit Schülern in ihrem Klassenraum im obersten Stockwerk, um in der Arbeitsgemeinschaft "Mundart" sprachliche Wurzeln der Heimatstadt zu untersuchen.

Wuhön mer nur de Agen wendt, rondröm in ganzen Tale, salt wu d'r Wag in zwä sich trennt nach Volkschte on nach Schaale.

Im Klassenraum folgen sechs AG-Mitglieder ihrem Bewegungsdrang, doch als Heike Fölzer die heutige Lektion eröffnet, begibt sich jeder schnell an seinen Platz.

Sommers Liebeserklärung an Rudolstadt


In der AG wird nicht nur gesprochen, es gibt auch viele Informationen rund um den Namensgeber der Schule und seine Werke.
"Anton Bernhard Karl Sommer lebte von 1816 bis 1888 und war Mädchenschullehrer, Heimatdichter und Garnisonsprediger in Rudolstadt", berichtet Niels und ergänzt: "Er hatte vier ältere Schwestern, der Vater war Konzertmeister auf der Heidecksburg. Nach dem Abitur ging er zur Handelsschule nach Berlin..." - "Dort bekam er Heimweh und verfasste das Gedicht 'Mei Rudelstadt' - eine Liebeserklärung an seine Heimat", vollendet Heike Fölzer.

Die Saale flinkert wie ä Tressenband in hallen Sonnenscheine. D'r Himmel blank von Stutenrand bis röber nach 'n Haine.

Sommers Buch "Bilder und Klänge" bildet die Grundlage für die Arbeit in der AG. "Mundart funktioniert nur, wenn man sie versteht", weiß die Lehrerin. Deshalb steht neben jedem Gedicht die Übersetzung ins Hochdeutsche.
Niels ist noch etwas zum Mundartdichter eingefallen: "Anton Sommer hatte keine eigene Familie, aber viele Freunde. Und als er im Alter erblindete, gab er das Gedichteschreiben nicht auf, sondern diktierte, was er zu sagen hatte."
Die Lehrerin nickt anerkennend und man sieht ihr an, dass sie stolz auf ihre Schüler ist. "Wir treten in Altenheimen auf oder zu Lesewettbewerben in der Bibliothek", sagt sie. "Als ich wochenlang ein Gipsbein hatte, sind die Kinder ganz allein zu den Auftritten gegangen."

Amüsiert, aber nicht ausgelacht


Das Rudelstadt läht su schmuck, su friedlich salt, su göbt's doch off d'r ganzen Walt kä zwätes Flackchen merre.

Jedes Jahr zum Geburtstag Anton Sommers, am 11. Dezember, veranstaltet die Schule eine große Feier in der Turnhalle. Im Foyer des Schulhauses prangt ein Schriftzug aus seinem Gedicht "Mei Rudelstadt" und gleich daneben steht eine aufwändig sanierte Büste des Dichters. Sommer habe sich zwar über die Mundart der Rudolstädter amüsiert, sie aber nie ausgelacht, erzählt Peter, der die Arbeitsgemeinschaft sehr ernst nimmt und sich profundes Wissen angeeignet hat.
Heike Fölzer würde es als schmerzlichen Verlust empfinden, wenn die Mundart aus dem Sprachgebrauch gänzlich verschwinden würde. "Wenn die sprachlichen Wurzeln absterben, entfernen auch wir uns von unseren Wurzeln", befürchtet sie.
Manchmal fragen Eltern, ob das Sprachbewusstsein der Kinder durch die Mundart nicht negativ beeinflusst werde. Dem kann die Lehrerin nur widersprechen: "Durch Erforschung sprachlicher Wurzeln wird das Sprachbewusstsein nicht behindert, sondern gefördert."

Mei Rudelstadt, das lob ech mir on seine Barg' on Bäme.


Übersetzung der mundartlichen Teile

Wenn einer unterm Hain steht und schaut hier runter. Wenn so im Frühling alles blüht den ganzen Tag lang. Das ist nur eine wahre Pracht.
Wohin man nur die Augen wendet, rundherum im ganzen Tal. Dort, wo der Weg in zwei sich trennt - nach Volkstedt und nach Schaala.
Die Saale blitzt wie ein Goldband in hellem Sonnenschein. Der Himmel ist klar vom Stutenrand bis hinüber zum Hain.
Das Rudolstadt liegt so schmuck, so friedlich. So gibt es doch auf der ganzen Welt kein zweites Fleckchen mehr.
Mein Rudolstadt, das lob ich mir. Und seine Berge und Bäume.
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 20.01.2015 | 22:33  
5.678
Gunter Linke aus Saalfeld | 21.01.2015 | 10:20  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 21.01.2015 | 10:57  
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