Plötzlich war der Markt offen - Nadelwerk Ichtershausen ist 150 Jahre alt

Stichhaltige Argumente: Wenn Zulieferbetriebe in Verzug gerieten, besuchte Joachim Kreckow die Sekretärin mit einem Musterkasten.
Ichtershausen: ... | „Mit der Verwirklichung von zwölf anspruchsvollen wissenschaftlich-
technischen Aufgaben sichern die Nadelproduzenten aus Ichtershausen den
Leistungsanstieg bis in die 90er-Jahre. Ab 1. April kann der Bevölkerungsbedarf so in allen Sortimenten abgedeckt werden.” – So stolz schrieb „Das Volk” am 21. Januar 1989 über den volkseigenen Betrieb.
Sieben Jahre später waren 1000 Arbeitsplätze abgebaut, der langjährige Betriebsdirektor Günther Koslowsky entlassen und der Betrieb pleite. 1996
gingen im Nadelwerk die Lichter aus. Was blieb, ist die Chirurgische Nadel GmbH mit etwa 40 Angestellten, die heute noch Nadeln für die Medizintechnik
herstellt.
Joachim Kreckow gehörte zu jenen Mitarbeitern, die den VEB 1990 in eine GmbH überführten. Er besorgte bis dahin die Rechtsgeschäfte für das Unternehmen, das sich bis zu seiner Schließung Thüringische Nadelfabrik Ichtershausen (TNI) nannte.
In den Betrieb eingetreten war Kreckow 1986. Damals hatte das Nadelwerk etwa 1000 Beschäftigte. Ganze Familien verbrachten ihr Arbeitsleben in dem Betrieb. Kreckow war juristischer Mitarbeiter. An der Humboldt-Universität Berlin hatte er ein entsprechendes Zusatzstudium absolviert. Was er damals in Ichtershausen bearbeitete, weiß er noch heute: „Wenn unsere Kooperationspartner nicht pünktlich lieferten, gerieten auch wir in Verzug”. Das bedeutete für die Volkswirtschaft Vertragsstrafen in Millionenhöhe. Wenn ganz arge Schwierigkeiten drohten, begab sich Kreckow mit einem
Musterkasten auf die Reise und „bestach” so manche Sekretärin. Die raren Rolladennadeln vor Augen, setzte sie sich dann meist bei ihrem Chef dafür ein, dass wenigstens einer der drei georderten Elektromotoren für den
Ichtershäuser Maschinenpark auf den Weg gebracht wurde.
Interessant sei auch der Kampf um die Bilanzanteile gewesen, erinnert sich der Humboldt-Absolvent. „Die Staatliche Plankommission teilte das Material auf die
Betriebe auf. Weil wir aber zur Leichtindustrie gehörten, waren wir ständig im Nachteil.” Wenn dann am Jahresende die Zahlen nicht stimmten, wurde der Plan präzisiert – die Zahlen an das tatsächlich Erwirtschaftete angepasst.
Mit der Wende brachen langjährige Abnehmer weg, der Markt war plötzlich offen. Während früher 80 Prozent für das Inland und 20 Prozent für den Export produziert wurden, waren es nun noch 5 für Inland und 15 für Export. Eine
Situation, die das Nadelwerk nicht lange durchhielt. 1996 schloss die Bank dessen Pforten.
Die Ichtershäuser indessen haben ihr Nadelwerk nicht abgeschrieben. Heute sind dort unter anderem Standesamt, Bibliothek und Teile der Verwaltung untergebracht. Ausgebaut wird das Areal nun zur "Neuen Mitte" - mit Orten der Begegnungen, Wohnungen und Infrastruktur.


Geschichtliches
• Gegründet wurde die Nadelfabrik 1862 von dem Kaufmann
Wilhelm Wolff aus Gotha und dem Ingenieur August
Knippenberg aus Iserlohn.
• Es gehörte zu den ersten Betrieben der Welt, die bereits
1869 mit der fabrikmäßigen Herstellung von Nähmaschinennadeln
begannen.
• Der VEB Nadelwerk Ichtershausen war Kombinatsteil von
Solidor Heiligenstadt mit Betriebsteilen in Plaue, Martinroda
und Döbeln. 1990 wurde der einzige Nadelhersteller der
DDR in eine GmbH überführt und gehörte der Treuhand.
• 1993 arbeiteten von ehemals rund 1000 Beschäftigten
noch 265 im Betrieb. 1996 kam das Aus.
• Heute gehört die Fabrik der Gemeinde und beherbergt
unter anderem Verwaltung, Jugendclub, Standesamt und
Archiv. Geplant ist die Umgestaltung zur „Neuen Mitte” mit
Infrastruktur, Spielplätzen und Grünanlagen.
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9 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 14.05.2012 | 14:18  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 14.05.2012 | 15:39  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 14.05.2012 | 15:54  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 14.05.2012 | 15:55  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 14.05.2012 | 16:01  
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Renate Jung aus Erfurt | 14.05.2012 | 23:07  
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Hannelore Grünler aus Artern | 15.05.2012 | 01:34  
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Dieter Pemsel aus Weimar | 15.05.2012 | 08:14  
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Petra Seidel aus Weimar | 18.05.2012 | 15:01  
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