Rebecca Schnelle aus Siegelbach ist eine Frau mit Pferdeverstand

Rebecca Schnelle setzt sich dafür ein, dass sich Pferde frei bewegen dürfen.
 
Aber ihre anderen Tiere...
Arnstadt: ... |

Pferde können 30 Jahre alt werden – in Deutschland erreichen sie kaum die Hälfte. Oft liegt die Ursache in der Haltung, sagt Pferdekennerin Rebecca Schnelle aus Arnstadt.

Die Vorstellung, dass sich ihr Pferd in einer vier mal vier Meter großen Box stundenlang die Beine in den Bauch steht, war Rebecca Schnelle immer ein Gräuel. Von einem eigenen Pferdehof konnte die junge Frau nur träumen, außerdem sah ihre Lebensplanung vor, Betriebswirtschaft zu studieren. Doch der Fakt von der unpassenden Unterstellmöglichkeit blieb und so fasste die heute 27-Jährige einen Entschluss, der ihr Leben veränderte. Den Triglishof gibt es nun seit 2014 - im kleinen Dörfchen Siegelbach bei Arnstadt. Rebecca Schnelle ist eine von sehr wenigen Thüringern, die Pensionspferde im "Paddock Trail"-Stil halten. AA-Redakteurin Jana Scheiding hat die bekennende Pferdenärrin im Ilm-Kreis besucht.


Was bedeutet "Paddock Trail"?
Dieses der Natur nachempfundene Rundwegenetz haben wir auf dem Hof künstlich angelegt. Die Idee dazu hatte ein amerikanischer Hufschmied, der das Verhalten von Wildpferden studierte. Die Herdentiere sind in freier Wildbahn ständig unterwegs, wandern, grasen, knabbern an Bäumen, schlafen, spielen, betreiben Fellpflege, kümmern sich um die Fortpflanzung. Wir haben deshalb die Wege zwischen den Futterstellen, dem Wasser und den Unterständen verlängert und Umwege eingebaut.

Das klingt nach täglich neuen Herausforderungen...
Und nach Freiheit. Die Tiere können sich im Offenstall oder draußen frei bewegen. Stellen Sie sich vor, Ihr Leben würde sich auf fünf Quadratmetern abspielen - in Anbetracht der Größenverhältnisse entspricht das einer Pferdebox von 16 Quadratmetern. Ich schätze, das würde wenig Begeisterung hervorrufen.

In der Tat. Doch was bringt das den Tieren?
Sie sind an der frischen Luft, müssen nicht die stark ammoniakhaltige Luft eines geschlossenen Stalls einatmen. Der Freilauf tut dem Bewegungsapparat gut, während das lange Stehen problematisch ist. Wer rastet, der rostet – das gilt auch für Pferde. Es reicht nicht aus, das Tier ein oder zwei Stunden am Tag zu bewegen.

Sind auf dieser freiheitlichen Basis Mensch und Tier noch zusammenzubringen?
Natürlich. Das Pferd ist viel entspannter. Leider denken viele Pferdebesitzer, dass die Tiere auf Knopfdruck funktionieren und dankbar sein müssen, weil der Mensch ihren Unterhalt finanziert. Doch Pferde sind keine Fahrräder, sondern Lebewesen. Durch ihre Neugierde und soziale Intelligenz lassen sich die Tiere für unsere Zwecke begeistern. Wenn wir bereit sind, uns auf sie einzulassen.

Birgt der freie Zugang zu den Futterstellen nicht die Gefahr, dass sich die Tiere überfressen?
Zwei- bis dreimal täglich mit viel Kraftfutter und wenig Heu füttern – das entspricht nicht der Pferdenatur. Diese Tiere bevorzugen Gräser, harte Hölzer, brauchen wenig Energiefutter, dafür viel Rohfasermaterial. Das Magen-Darm-System ist nicht auf Mahlzeiten eingestellt. Der kleine Magen produziert ununterbrochen Magensäure. Wenn nichts zugeführt wird, zersetzt diese die Magenschleimhäute. In Deutschland passieren noch zu viele Fehler in der Pferdehaltung. Die Tiere können 30 Jahre alt werden – hier werden sie oft nur 8. Trotz meiner Worte über die Verdauung bitte ich Spaziergänger, unsere Pferde nicht zu füttern. Sie können nicht wissen, wie die Tiere reagieren, ob sie krank sind und wie viele Spaziergänger es vorher schon "gut gemeint" haben.

Apropos krank. Sind Hufeisen auf Dauer schädlich?
Wie immer im Leben hat alles Vor- und Nachteile. Hufeisen wurden nicht ohne Grund erfunden, sind heute allerdings oftmals unnötig. Metall unter dem Fuß schadet den Gelenken, dafür wird die Reichweite erhöht und der Huf nicht endlos abgenutzt. Unsere Pferde sind im Alltag barhuf und tragen bei Bedarf Hufschuhe. Durch verschiedene Untergründe wie Schotter, Sand, Kies und Erde im Trail werden die Hufe an das Gelände gewöhnt. Früher hatten Pferde schwere Arbeiten zu verrichten, wurden beim Militär eingesetzt. Heute muss niemand mehr nach Russland reiten. Pferde sind in unserer Gesellschaft meist reine Freizeittiere, mit denen der Mensch die Welt neu entdeckt.

Kann man jederzeit mit dem Reiten beginnen?
Das kann man, wenn man ein Grundverständnis für andere Lebewesen mitbringt. Anfängern empfehle ich, erst zu lernen, wie man mit 500 Kilo plus X richtig umgeht. Es gibt da kein vorinstalliertes Programm - man muss dem Pferd erst begreiflich machen, was man von ihm erwartet.


Zur Sache:
"Paddock Trail" basiert auf "Paddock Paradiese" als Ergebnis einer über zwanzigjährigen Analyse des ehemaligen amerikanischen Hufschmiedes Jaime Jackson in den Reservaten der Wildpferde Nordamerikas. Sein 2006 dazu erschienenes Buch "A Guide for Natural Horse Boarding" liegt in deutscher Übersetzung von Gudrun Buchhofer vor.
www.paddock-trail.de
Rebecca Schnelle, Jahrgang 1989, ist Geschäftsführerin, Reitlehrerin und Trainerin auf dem Triglishof. Der Name entstammt der Triglismühle - Triglis: 3 Esel.
Zurzeit betreut sie 20 Pferde, deren Exkremente gern an Gartenbesitzer abgegeben werden.

Reiten in Thüringens Wäldern

Der Freistaat verfügt über insgesamt 11.300 Kilometer Wegenetz in Staats- und privaten Wäldern. Davon sind 5500 Kilometer als Reitwege freigegeben.
Im Ilm-Kreis stehen 400 Kilometer Reitweg zur Verfügung.
Das Reiten im Wald regelt das Thüringer Waldgesetz, § 6 Betretungsrecht, wobei zwischen Reiten und Führen ein Unterschied besteht. Dazu urteilte das Oberlandesgericht (OLG) Dresden 2015: Zum Führen eines Pferdes dürfen Reiter jeden Waldweg nutzen, zum Reiten nur die ausgeschilderten Wege.
7 bis 8 Millionen Euro investiert ThüringenForst jährlich in Wegebau und -unterhaltung.
Kleine Verhaltenskunde für Spaziergänger bei Begegnung mit Pferden: Nicht hinter Bäumen verstecken und plötzlich auftauchen, Hunde grundsätzlich anleinen, ruhig und besonnen bleiben und normal verhalten.
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