Schlammschlacht! Wenn sich Frauen auf der Piste schubsen

Damenrunde: Jede will die Erste sein und schubsen ist ausdrücklich erlaubt.
 
Josephine Ludwig (links) und Loreen Meurer sind Stockcar-Pilotinnen.
 
Für die Pilotin dieses Stock Cars war die Partie schneller zuende als erwartet.
Königsee: ... |

"Wenn Sie Fotos machen wollen, kommen Sie zum Turnier lieber am Samstag. Am Sonntag könnte mein Auto schon geschrottet sein", sagt Josephine Ludwig bei der Terminabsprache am Telefon. Mit Handtasche und Highheels haben sie und ihre beste Freundin Loreen Meurer nichts am Hut. Sie setzen sich lieber in ihre Karre und jagen durch den Schlamm.

Nur wenige hundert Meter ist der ramponierte blaue Wagen gefahren, dann gibt er den Geist auf. Ein rotes Auto mit der Startnummer 35 schlittert durch die Schlammfurchen und schafft beinahe den Anstieg nicht. Es ruckelt kurz, dann ist er wieder in der Spur. Nummer 89 düst vorbei und versucht, den vorderen Wagen an der Stoßstange herumzureißen. Dann ist plötzlich Pause. Der Gabelstapler muss erst den liegengebliebenen Pkw entfernen.
Dieses spannende Autorennen findet natürlich nicht auf der Straße statt. Engagierte Motorbegeisterte aus Königsee haben für das Stockcar-Rennen drei Tage lang die Strecke präpariert. In den tiefen Schlammfurchen fahren sonst nur Kettenfahrzeuge.

Zwei Frauen sehen Rot

Was hier durch den Schlamm tobt, ist die Damenrunde der Thüringer Stockcar-Szene. Zehn Minuten und einen Kilometer später steigen Josephine Ludwig (Startnummer 35) und Loreen Meurer (89) aus ihren roten Autos, die einmal ein schicker Daewoo und ein Opel Astra gewesen sind. Die jungen Frauen sind von oben bis unten mit Schlamm bespritzt und gönnen sich erst einmal eine Cola. "Als Stockcar-Pilotin muss man tough sein. Da kommt man mit Schicki-Micki-Mentalität nicht weit", sagt Loreen. Josephine ärgert sich über ihren ersten Gang, der ständig herausspringt und wertvolle Punkte kostet. "Den Wagen müssen sich die Jungs mal ansehen", meint sie. "Vielleicht kann man den Gang mit Spanngurt am Raushüpfen hindern."
Einer der Jungs vom Stockcar Racing Team Großbreitenbach ist der Konstruktionsmechaniker Stefan Löhl, der Josephine eines Tages fragte, ob sie nicht Beifahrerin sein wolle. Schnell wurde ihr bewusst, dass sie selbst hinter das Steuer gehört.

Autos müssen Power haben


Loreen kann sich noch gut an den Stress zu Hause erinnern. "Meine Mutter wollte es mir nicht erlauben, heute versäumt sie kaum ein Rennen."
Für den Sport ist jedes Auto geeinget, wenn es nicht zu langsam ist. Fast jeden Tag geht es in die Werkstatt. "Die Männer bauen, ich sorge für die Optik und schlachte die Fahrzeuge aus. Verkleidung, Sitze, Himmel, Scheiben - alles muss raus", erklärt Josephine, die in Ilmenau Angewandte Medienwissenschaften studiert.
"Wir fahren zwar zum Spaß, sind aber trotzdem ehrgeizig", sagt Loreen. "Ich möchte schon ganz vorn mitfahren." Aber nicht um jeden Preis. "Wenn ich jeden Hügel mit voller Kraft nehme, knicken schnell die Räder weg. Außerdem muss ich ständig den Rückspiegel im Auge behalten." Die Frauenklasse sei aggressiver geworden, findet die Kindergärtnerin. "Das liegt vielleicht daran, dass wir an den Autos nicht selbst herumschrauben und daher nicht so viele Gedanken an das Material verwenden."

Zu wenig Trainingsstrecken in Thüringen


Josephine bedauert, dass es nur wenige Trainingsstrecken für Stockcar-Rennen gibt. "Es ist wichtig, Strategie und Taktik zu üben. Zum Beispiel, wie ich die Stoßstange des Vordermannes touchiere, um ihn herumzudrehen."
Loreen weicht gern auf die Rennstrecke in Pößneck aus, die eigentlich eine Motorradstrecke ist. "Sie ist sehr anspruchsvoll. Wenn ich bergan fahre, blicke ich in den Himmel. Ich weiß nicht, was mich auf der anderen Seite des Hügels erwartet." "Das ist etwas für Verrückte", findet die 26-jährige Josephine und gesteht, dass sie die gleichaltige Freundin für ihren Mut bewundert.
Regeln für die Piloten gibt es beim Stockcar-Rennen kaum. Sie sollten einen Führerschein haben, ansonsten zählt die Sicherheit des Autos: Überrollbügel sind gefordert, alles was splittern und brennen kann, muss entfernt sein. "Ich fiebere vom Aufruf zum Start bis zum Ende des Rennens", sagt Josephine. "Wie ist die Strecke beschaffen, wo sind Löcher, wo komme ich nicht durch? Und das Auto muss auch mitmachen." Zwischen den Rennen prüft das Team Flüssigkeiten und Luftfilter der ausrangierten Gebrauchtwagen, weil sich die Filter durch Staub und Dreck schnell zusetzen.
Frauen unter sich? - "Wir verstehen uns prima, aber im Rennen rammen wir uns. Da sind wir Konkurrentinnen", erklärt Loreen.
Die Männer sind restlos begeistert von ihren weiblichen Konkurrentinnen und finden, dass es ruhig mehr sein könnten.


Hintergrund:
Der englische Begriff stock bedeutet Lager, so dass stockcar so viel wie Auto
aus dem Lager heißt. In Großbritannien ist der Sport sehr beliebt, in Deutschland eher unterrepräsentiert.
Stockcar (auch Stock-Car oder Stock Car) unterscheidet zwei Typen: In Amerika und Neuseeland ist es seit den 1930er Jahren ein Automobilrennsport. Seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Europa ein Kollisionssport. Drängeln und rammen mit älteren Gebrauchtwagen sind ausdrücklich erlaubt und erwünscht. In Heudorf im Hegau wurden Rennen erstmals ab 1973, in Bramsche bei Osnabrück seit 1976 ausgetragen.
Gestartet wird in unterschiedlichen Rennklassen, die sich nach Antriebsart und Motorleistung der Fahrzeuge unterscheiden. Außerdem wird in Männer- und Frauenklassen unterteilt.
Wegen der Kollisionen müssen die Fahrzeuge sicher sein. So ist ein Überrollkäfig gefordert, da sich die Autos überschlagen und drehen. Hierfür werden nicht mehr straßentaugliche Fahrzeuge umgebaut. Am und im Fahrzeug muss alles entfernt werden, was Splitter- oder Feuergefahr besitzt, daher wird im Innenraum alles bis auf einen zulässigen Sportsitz ausgebaut. Die Fahrertür wird versteift, Anhängerkupplung und Originaltank entfernt. Er wird stattdessen zwischen den Achsen angebracht wird und darf höchstens 30 Liter Kraftstoff enthalten. Die Fensterscheiben werden im Fahrerbereich durch ein Gitter ersetzt.
Stockcar Rennen sind offen für alle Pkw- und Kombifahrzeuge auf Pkw-Basis ohne Allradantrieb. Durch Angriffe auf gegnerische Fahrzeuge erhalten die Fahrer Punkte. Sieger ist der Fahrer mit der höchsten Punktzahl. Die Rennen sind zeitlich begrenzt, gefahren wird im Uhrzeigersinn.
Verboten sind Angriffe auf die Fahrertür, Auffahren auf stehende oder ausgefallene Fahrzeuge und Rückwärtsfahren.
Josephine Ludwig schreibt als BürgerReporterin auf unserem Mitmachportal www.meinanzeiger.de
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3 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 18.10.2015 | 14:38  
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Josephine Ludwig aus Saalfeld | 19.10.2015 | 19:24  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 21.10.2015 | 11:13  
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