Thüringen und seine Glocken: Inspirationen für sein "Lied von der Glocke" holte Schiller sich in Rudolstadt

Nagelneu sind die vier Bronzeglocken, die die Katholiken in der St.-Vitus-Gemeinde in Breitenworbis zum Gebet rufen. "Im Advent vergangenen Jahres erklangen sie das allererste Mal", berichtet Günter Kohl, der sich für die Neuanschaffung engagierte. Ein 220 000-Euro-Projekt, für das die Eichsfelder Kirchgemeinde fünf Jahre lang Geld sammelte. In der Eiffel gegossen und in Breitenworbis feierlich geweiht, wurde der ganze Stolz der Gemeinde per Autokran hinauf zum ebenfalls erneuerten Glockenstuhl gehoben... (Foto: Sibylle Klepzig)
 
... Dort entfalten sie nun ihr gewaltiges Klangvolumen: die Vitus-, Antonius-, Elisabeth- und Marienglocke. Letztere ist mit 1,58 Metern Durchmesser und gut 2,4 Tonnen Gewicht die größte des Quartetts. Komplettiert wird das Geläut von zwei kleineren Uhrschlagglocken. (Foto: Sibylle Klepzig)
Thüringen: ... |

Ein Schrecken erfasst den Schriftsteller Friedrich Schiller, als an jenem 17. Juli 1788 ein Blitz in den Turm der Stadtkirche „St. Andreas“ in Rudolstadt fährt und die Glocken zum Schweigen bringt. Tags darauf eilt Schiller in das Gotteshaus, um sich den Schaden zu besehen. Die Glocken faszinieren ihn, insbesondere die letzte geweihte Glocke "Osanna". Es heißt, sie habe den Dichter zu seinem berühmten „Lied von der Glocke“ inspiriert.

„So könnte es gewesen sein", zieht Pfarrer Gisbert Stecher von der Stadtkirche sein Resümee aus den Überlieferungen. „Fakt ist, dass Schiller nach dem Blitzeinschlag in der Kirche war, aber es ist nicht erwiesen, dass er auch in den Glockenturm stieg.“ Allerdings enthält das "Lied von der Glocke", das Schiller 1799 vollendete, als zweite Überschrift: "Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango" - das verkürzte Motto der „Osanna“.
So ranken sich manch ungelüftete Geheimnisse um Thüringens Glocken. Es gibt aber auch eine Menge Besonderheiten. Marcus Schmidt kennt sich damit aus. Der diplomierte Ingenieur ist als Glockensachverständiger der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für rund 1500 Kirchen im Freistaat verantwortlich und hat schon einige Glockenprojekte betreut. "Sie entfalten eine stark integrative Wirkung und binden Menschen ein, die sonst Schwellenängste beim Betreten einer Kirche verspüren", zeigt seine Erfahrung.

Dynamit, Porzellan und nun auch noch die Glocken - Made in China


"Glocken rühren an der Seele, sie sind die verkündenden Stimmen der Kirchenarchitektur", beschreibt Schmidt seine Leidenschaft für die liturgischen Musikinstrumente. Wie vieles ist die Glocke ein Werk "Made In China", vor 3000 Jahren beherrschten die Chinesen schon diverse Gusstechniken und Formgebungen. Über Afrika und antike Völker kamen Glocken nach Westeuropa und Ende des 8. Jahrhunderts nach Thüringen. "Wandermönche wie Bonifatius verbreiteten sie hier, wo sie alsbald Teil der Kirchenarchitektur wurden", hat Schmidt recherchiert.
Glockengeläute unterliegen Läuteordnungen. "Jede Kirche bestimmt selbst, wann sie welche Glocke läutet", erklärt Pfarrer Gisbert Stecher. Das gilt natürlich auch für das Osterfest. In vielen Gemeinden schweigen die Glocken am Karfreitag, zum Zeichen des stillen Feiertages. "Auch am Karsamstag wird kaum geläutet, um am Ostersonntag besondere Freude zu empfinden", erzählt der Gottesmann. Viele Gemeinden begehen Osternacht-Gottesdienste am späten Samstag oder - wie Cumbach bei Rudolstadt - Sonntagmorgen 6 Uhr.

Am Karfreitag schweigen die Glocken, Ostersonntag herrscht Fröhlichkeit

Ähnlich handhabt es die Katholische Kirche. "Die Glocken läuten zum letzten Mal am Gründonnerstag und erst wieder in der Osternacht, wenn sich die Christen gegenseitig gesegnete Ostern wünschen", sagt Pfarrer Andreas Tober von der Pfarrei Maria Verkündigung aus Eisenberg.
Am Karfreitag schweigen die Glocken ebenfalls. Eine Zeitlang erzählte man den Kindern, dass die Glockenklöppel nach Rom flögen, um beim Heiligen Vater die Beichte abzulegen und den Segen zu erbitten. "Das ist eine Allegorie aus dem Mittelalter, heute ist man durchaus realistischer", kommentiert Pfarrer Tober die Sage. Am Karfreitag beginnen 15 Uhr - zur überlieferten Todeszeit - die Gottesdienste, bei denen weder Orgel noch Glocken, weder Kerzen noch Blumenschmuck zum Einsatz kommen. "Dort rückt das Kreuz in den Mittelpunkt, als Symbol für den Ort des Heils."



Hintergrund:
Die EKM registriert etwa 2000 denkmalgeschützte Kirchen mit rund 4000 Glocken.
Glocken rufen Christen zum Gebet und zum Gottesdienst, sie läuten zu liturgischen Handlungen, wie zum Beispiel einer Taufe.
Glockengeläut ist geschützte Religionsausübung nach Artikel 4 Abs. II Grundgesetz.
Glocken sind Gegenstand des Kirchenrechts, ihr Gebrauch unterliegt Läuteordnungen.
Im 20. Jahrhundert wurden etwa 80 Prozent des gesamtdeutschen Glockenbestands katholischer und evangelischer Kirchengemeinden zerstört.
Man rechnet mit fast 90.000 verloren gegangenen Glocken, darunter viele historisch wertvolle Stücke.
Leitthese: Eine Glocke ohne Inschrift und Dekor entspricht nicht der Würde eines liturgischen Musikinstruments.


Mithilfe des Glockensachverständigen der EKM, Marcus Schmidt, und einigen Thüringer Kirchenämtern haben wir eine kleine Übersicht besonderer Glocken des Freistaates zusammengestellt.
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3 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 14.04.2017 | 13:20  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 19.04.2017 | 09:06  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 19.04.2017 | 12:23  
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