Tony Siegmund liebt jede Stunde

  Herschdorf: ... |

Was auch immer die Stunde schlägt - Tony Siegmund aus Herschdorf weiß es. Als Uhrmachermeister ist der 25-Jährige Herr über die Zeit. An seinem Arbeitsplatz tickt es - und zwar richtig. Fast auf die Sekunde genau gehen die Stand-, Tisch- und Kaminuhren, die sein Büro schmücken und zugleich Zeugnis seiner Fertigkeit sind. Und das, obwohl einige von ihnen gut 200 Jahre auf dem Pendel haben.

Der junge Mann mag es stilvoll. Wer sein Büro betritt, merkt schnell, dass das Uhrmacherhandwerk nicht allein im Hinterzimmer stattfindet. Wer auf Siegmunds gesteppter Ledercouch Platz nimmt und auf den Kaffee wartet, der in Tassen mit geschwungenem Henkel und schwarzem Rosendekor gereicht wird, darf in aller Ruhe die Uhren bewundern. In der Ecke am Fenster steht Siegmunds Lieblingsuhr: Pfeifferl-Barock aus der Gründerzeit um 1870. Alle 15 Minuten ertönt ein zartes Glockenspiel als Kontrast zum eindringlichen Westminsterschlag von gegenüber.
"Im Hinterzimmer", nimmt Tony Siegmund den Ball auf, "wäre gar kein Platz für mich. Dort lagere ich meine Fachliteratur, mehr als tausend Bücher. Ich habe es ja nicht nur mit der Technik zu tun. Ich muss auch die Kunstgeschichte kennen, um die Uhren einzuordnen."

Tausche Modelleisenbahn gegen Regulator

Dazu muss man wissen: Siegmunds Schwerpunkt liegt auf Groß-, Tisch- und historischen Taschenuhren des 17. bis 19. Jahrhunderts. Für diese Leidenschaft hat er vor Jahren seine Modelleisenbahn versetzt. "Auf der Suche nach Ersatzteilen entdeckte ich im Internet einen Regulator und es war um mich geschehen", erzählt der junge Mann. "Ich bin ein Mechanikfan. Jede dieser Uhren ist ein Kunstwerk, mit fein gefrästen, hauchdünnen Rädchen. Das hat mich nie mehr losgelassen."
Nach Abitur und abgebrochenem Werkstoffwissenschaftsstudium beginnt Tony Siegmund in der Uhrmacherschule Glashütte eine Ausbildung, die er als Jahrgangsbester um ein Jahr verkürzen darf. Bei beruflichen Vergleichen wird er sächsischer Landessieger und landet beim Bundesausscheid der Uhrmacher knapp auf dem zweiten Platz. Tony Siegmund liebt solche Herausforderungen: "Man hat nichts als eine Uhrmacherdrehbank, technische Zeichnungen, eine Dose mit Material und acht Stunden Zeit. Unter strenger Aufsicht muss man eine komplette Baugruppe entwickeln. Jede Frage, jede Materialnachbestellung kostet Punkte."
An den historischen Uhren bewundert Siegmund die Präzision, mit der die Meister damals zu Werke gingen. "Viele Ersatzteile muss man selbst fertigen. Die Uhr soll ja möglichst genau gehen. Diese Präzision fasziniert mich, treibt mich aber manchmal auch in den Wahnsinn."

Tony Siegmund vertraut dem Pariser Chique


Mit den ihm anvertrauten Schätzchen zieht sich der Meister in seine geräumige Werkstatt zurück, wo er sie in aller Ruhe untersuchen kann. Seit April dieses Jahres ist er sein eigener Herr. "Eigentlich wollte ich damit noch warten, doch die Odyssee durch Unternehmen war erniedrigend."
Seine Uhren ersteht Tony Siegmund vorzugsweise auf Auktionen und bei Haushaltsauflösungen in Paris. "Da gibt es manche Überraschung", erzählt er. "In einem Uhrenkasten stand noch das Datum der letzten Durchsicht: 1810. Meist sind die alten Uhren nicht kaputt, nur verschmutzt. Es geht hundert Jahre gut, doch wo es schleift und reibt, entsteht eben auch Verschleiß."
Uhrenliebhaber gibt es auf der ganzen Welt. Mit vielen hält Siegmund Kontakt: Belgien, Luxembourg, Brasilien, Russland, Thailand. Auch Thüringer besinnen sich wieder ihrer Uhren im Keller und auf dem Dachboden. "Viele lassen die Uhr zwar überholen, legen aber Wert darauf, dass man ihr das Alter ansieht", hat Siegmund festgestellt.
Vom Werkstattausflug zurück, erklärt er noch, wie die Schweiz zu ihrem Uhren-Weltruf kam: "Im 16. Jahrhundert war Deutschland führend in der Uhrentechnologie, abgelöst von England und später von Frankreich. Die Hugenotten, begabte Handwerker, brachten die Uhrentechnologie schließlich in die Schweiz und bauten dort die Industrie auf."


Zur Sache:
Eine Standuhr zu reparieren, dauert etwa 30 bis 40 Stunden, manchmal auch mehr.
Früher war eine Uhr das Ergebnis einer Wertschöpfungskette. Mehr als 20 Menschen waren daran beteiligt (zum Beispiel Formgießer, Ziseleur, Vergolder, Polierer, Uhrmacher).
Die industrielle Fertigung begann Mitte des 18. Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte entstanden Manufakturen. 1810 setzte sich die Industrie endgültig durch.
Viele Uhren sind kein Opfer von Staub und Verschleiß, sondern von unsachgemäßer Behandlung. Das Verhältnis von verwendeten Ölen und Fetten muss genau stimmen. Niemals sollte man den Stundenzeiger drehen. Man soll das Schlagwerk ausschlagen lassen und die Zeiger nicht rückwärts drehen.
Wertvolle Uhren werden mit Steinen versehen, um die Reibung im Inneren gering zu halten. Meist werden Rubine verwendet. Nach dem Diamanten ist der Rubin der härteste Edelstein.
In seiner Fachwerkstatt für historische Uhren restauriert Tony Siegmund unter anderem Pendulen, Kaminuhren, Regulatoren, Standuhren.
Laut Handwerkskammer (HWK) Erfurt waren im Jahr 2004 im Kammerbezirk Erfurt 63 Uhrmacher eingetragen, im Jahr 2015 sind es 44.

www.uhren-siegmund.de
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