Verteidigen mit Köpfchen: Geraer Verein tourt mit Kindergewalt-Präventionsprojekt durch Deutschland

Grundschullehrerin Iris Nestler aus Saalfeld hält Aufklärung für wichtig.
 
Mike Wolf leitet das Projekt und ist mit seinem Verein deutschlandweit an Schulen unterwegs. (Foto: Click Fabrik)
Saalfeld/Gera.

Auf der Straße, beim Spielen, auf dem Heimweg - an vielen Orten besteht die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche anzusprechen und zum Mitkommen zu nötigen. 333 Einträge von „Verdächtigem Ansprechen von Kindern“ (VAKI) dokumentiert die Thüringer Polizeistatistik für das vergangene Jahr.

2012 waren es 235, ein Jahr zuvor 308 Einträge. Polizeisprecher Jens Heidenfeldt schließt allerdings ein „nicht zu definierendes Dunkelfeld“ nicht aus. Mittels Schreien, Treten, Beißen und Kratzen können Kinder den Täter mitunter in die Flucht schlagen. Das gelingt aber nicht immer.
Mike Wolf hält den Kampf zwischen Kind und Erwachsenem ohnehin für keine gute Lösung. Er schult Kinder im Umgang mit solchen Situationen. Iris Nestler, Grundschullehrerin in Saalfeld, ist von dem „Sabaki“-Projekt begeistert und verteilt sogenannte „SafePoints“ in der Stadt. Jana Scheiding hat mit beiden gesprochen.

Herr Wolf, was sollten Kinder tun, wenn sie von Fremden angesprochen werden?

Sich möglichst laut artikulieren und so Erwachsene auf sich aufmerksam machen. Kinder werden anderswo in Selbstverteidigung geschult. Ich als aktiver Kampfsportler sehe darin wenig Sinn, weil ein Kind körperlich meist unterlegen ist. Die Kinder sollen erst gar nicht in so eine bedrängte Situation geraten, sondern gelernte Verhaltensmuster anwenden. So können sie die Anbahnungssituationen bewusst oder unbewusst unterbrechen. Deshalb rief ich das Projekt „Sabaki“ ins Leben. Der japanische Begriff stammt aus der Kampfkunst und bedeutet Ausweichen. Darum auch unsere Maxime „Schutz durch Ausweichen“.

Sie sind damit an Schulen unterwegs. Wie läuft solch eine Unterrichtsstunde ab?

Jede Tat hat eine - meist ungeplante - Verlaufsgeschichte. Das Kind kann diesen Ablauf beeinflussen. Bei der sogenannten außerhäuslichen Ansprache bleibt es kaum beim Wortwechsel. Sie schließt Berührungen und Konfrontationen mit ein. Wir spielen mit den Kindern konkrete Situationen durch. Zum Beispiel, wenn der Nachbar plötzlich kleine Hasen zeigen will oder ein Autofahrer mit Süßigkeiten lockt. Die Schüler schlüpfen dabei in die Rolle des Erwachsenen, spielen sich aber auch selbst. Unsere Philosophie orientiert sich an den Lehren Konfuzius': „Was du mir sagst, vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich“. Rollenspiele sind also immens wichtig.

Zuviel Aufklärung kann aber auch negative Folgen haben…

Natürlich. Wenn ich ein Kind mit möglichen Situationen einfach nur konfrontiere, führt das womöglich zu Angst oder übersteigertem Selbstbewusstsein. Die Kinder sollen lernen, ihre Umgebung wahrzunehmen und Konflikte zu kontrollieren. Das bieten wir in professionellen Schulungen an. Mit dem Sabaki-Projekt sind wir seit 2008 deutschlandweit unterwegs.


Frau Nestler, seit 2011 wird Sabaki an der Grundschule „Marco Polo“ in Saalfeld angeboten. Gibt es Eltern, die das Projekt ablehnen?

Ja. Das sind aber Einzelfälle.

Wie nehmen Ihre Schüler den ungewöhnlichen Unterricht auf?

Sie sind sehr interessiert und finden es natürlich toll, mitten im Unterricht schreien zu dürfen. Ich selbst staune immer wieder, wie viel die Kinder wissen und wie gut sie die szenischen Darstellungen umsetzen.

Sie haben sich für das Projekt stark gemacht. Was versprechen Sie sich davon?

Ein Stück Sicherheit für unsere Kinder. Sie müssen wissen, dass sie nicht mit Fremden - aber auch nicht ohne weiteres mit Bekannten - gehen sollen. Wir wollen sie für Gefahren sensibilisieren, ohne Angst zu machen. Kinder sollten Personen, von denen sie bedrängt werden, keinesfalls duzen. So entsteht nach außen eine scheinbare Vertrautheit. Wir wollen aber auch Erwachsene sensibilisieren, solche Zwischenfälle schneller zu erkennen und zu handeln.

Was tun Sie dafür?

Vierzig Busse und einigen Geschäfte in Saalfeld haben wir mit sogenannten Safepoints ausgestattet. Sie signalisieren: Hier gibt es Hilfe für Kinder in Notsituationen. Wir beschäftigen uns mit dem Thema, zum Beispiel indem Kinder das Personal in Bezug auf die Punkte testen. Mit dem Projekt „Sabaki“ möchten wir anderen Schulen ein Beispiel geben.


Hintergrund:
Sabaki ist ein deutschlandweit tätiges Kindergewaltpräventionsprojekt, welches vom Kindergewaltpräventionsprojekte e.V. getragen wird.
Vier Geschäftsstellen: Merkers im Wartburgkreis, Borna, Gera, Ludwigsburg
Das Sabaki-Projekt läuft während des gesamten Jahres, außer in den Schulferien Kontakt: Projektleiter Mike Wolf, 0162/5749303, E-Mail: info@projekt-sabaki.de Niederlassung Wartburgkreis: Merkers-Kieselbach, Herzstraße 7, 0162/2739194 Niederlassung Gera: Wiesestraße 21, 0162/5749303
Informationen: www.sabaki-projekt.de oder auf Facebook.

Weitere Infos zum Kinderschutz in Thüringen:
www.kinderschutz-thueringen.de
www.thueringen.de/th4/justiz/jugendseite/juregio
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7 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 02.04.2014 | 14:07  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 02.04.2014 | 21:16  
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Renate Jung aus Erfurt | 03.04.2014 | 17:53  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 03.04.2014 | 18:04  
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Renate Jung aus Erfurt | 04.04.2014 | 07:32  
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