Wie Ärzte des Marienstifts in Arnstadt ein kleines Mädchen aus Angola wieder glücklich machten

Violeta fühlt sich im fremden Land mit ihrer Sonnenbrille sicher.
 
Der Spitzfuß hinderte das Mädchen am Laufen. (Foto: Marienstift Arnstadt)
Arnstadt: ... |

Es ist heiß in Luanda, der Hauptstadt des afrikanischen Staates Angola. Keine Wolke am Himmel, die einen reinigenden Regen ankündigt. Kein Lüftchen, das Staub und Hitze wegträgt. Violeta und ihre Mutter sitzen im überfüllten Wartezimmer eines Arztes. Die Achtjährige hat links einen Spitzfuß mit steifem Sprunggelenk, den sie jahrelang falsch belastete. Schlimmer ist aber die Knochenentzündung, die nicht heilen will. Das passiert, wenn sich Keime über die Blutbahn im Körper verteilen und am Knochen festsetzen. Ein schwaches Immunsystem, schmutziges Wasser und Mangelernährung haben Bakterien wenig entgegenzusetzen.

Der Arzt wiegt bedenklich den Kopf. Antibiotika sind unbezahlbar, ein Klinikaufenthalt für die Familie unerschwinglich. Im schlimmsten Fall müsste man den Unterschenkel amputieren. Doch vielleicht gibt es eine Möglichkeit.
Viele Anrufe später steht fest: Violeta kann in Deutschland operiert werden. Eine renommierte Klinik, das Marienstift im thüringischen Arnstadt, stellt einen Platz zur Verfügung und übernimmt die Kosten für die Operation. Für Violeta bedeutet das einerseits die Chance auf Heilung, andererseits die Trennung von Heimat und Familie. Unterkommen wird das Mädchen im Friedensdorf Oberhausen im Bundesland Nordrhein-Westfalen, das auf Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten spezialisiert ist.

Friedensdorf ist ein Kinderheim auf Zeit

"Wenn die Kinder aus den Kliniken zurückkehren, ist das Friedensdorf ein Kinderheim auf Zeit", erklärt dessen Sprecherin Jasmin Peters. "Der Aufenthalt dauert ein halbes bis ganzes Jahr. Leider können wir die Kinder zwischendurch nicht nach Hause bringen, das würde unseren Kostenrahmen sprengen."
Violeta will gesund werden und nimmt die Trennung auf sich. Auf der Kinderstation im Arnstädter Marienstift wird die Patientin aus Westafrika freundlich aufgenommen. Die schüchterne Violeta spricht wenig, doch ihr Lächeln ist entwaffnend. Am sichersten fühlt sie sich mit ihrer lustigen Sonnenbrille.
Binnen einer Dreiviertelstunde ist der Spitzfuß verschwunden, der Violeta daran hinderte, mit dem ganzen Fuß aufzutreten. "Wir haben die Achillessehne verlängert und wie ein 'z' eingeschnitten. Außerdem die Gelenkkapseln von den Sprunggelenken eröffnet", erklärt Dr. Christine Bollmann, Chefärztin der Kinderorthopädie des Marienstiftes. Sie und ihr Team konnten schon einigen Kindern ein neues Leben schenken: "Einmal im Jahr gibt unsere Verwaltung grünes Licht für eine derartige Hilfsaktion."

Bald geht's nach Hause


Die Gefahr aus der Knochenentzündung haben die Arnstädter gleich mit gebannt. Irgendwann wird Violeta wieder laufen können - mit minimalen Bewegungseinschränkungen. "Ein halbes Jahr muss sie eine Schiene und Spezialschuhe tragen. Diese Hilfsmittel fertigte und spendet eine orthopädische Werkstatt aus Erfurt", sagt Chefärztin Bollmann.
Violeta aus dem fernen Luanda ist wieder glücklich. Die Fäden aus der Operationsnarbe sind inzwischen gezogen, so dass sie ihre Zeit mit Freunden im Friedensdorf genießen kann.
"Violeta hat hier regelmäßig Krankengymnastik erhalten und Gehen geübt", erzählt Jasmin Peters. "Nun freut sie sich auf zu Hause."


Hintergrund:
Die Geschichte des Friedensdorfes beginnt 1967, als Kinder in Kriegen unermessliches Leid erfahren und Bürger in Oberhausen Möglichkeiten suchen, zu helfen. Die erste große Bewährungsprobe ist der Vietnamkrieg.
Menschen und große Unternehmen schließen sich der Aktion Friedensdorf e.V. an.
Der Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge und Förderer, in erster Linie durch Spenden. Mit der Gründung der Friedensdorf Gemeinschaftsstiftung, 2001, soll die Arbeit langfristig auf sicherere Füße gestellt werden.
Das Friedensdorf holt Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten zur medizinischen Versorgung nach Deutschland. Nach der Rehabilitation kehren die Kinder zu ihren Familien zurück.
Die größten Kindergruppen stammen zurzeit aus Angola und Afghanistan.
Bevor die Kinder in Deutschland behandelt werden, prüfen Partnerorganisationen in deren Heimat bestimmte Voraussetzungen: 1. Eine Behandlung ist zu Hause nicht möglich. 2. Es gibt in Deutschland einen Klinikplatz zur kostenlosen Behandlung. 3. Das Kind kann nach der Behandlung nach Hause zurückkehren. 4. Die Familie kann sich diese Behandlung nicht leisten.
Rund 1000 Kindern wird jährlich diese Art der Hilfe zuteil.
Nach der Behandlung kommen sie zur Reha ins Friedensdorf: Wunden werden versorgt; sie lernen den Umgang mit Medikamenten und Prothesen.
Neben der Einzelfallhilfe sind Projekte in den Heimatländern der Kinder ein zweites wichtiges Standbein des Friedensdorfes. Ziel ist, dass sie nahe ihrer Familien medizinisch betreut werden.
Violeta ist seit November 2014 im Friedensdorf und wird im Mai nach Hause zurückkehren.
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 19.05.2015 | 23:03  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 20.05.2015 | 11:36  
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 21.05.2015 | 22:20  
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