Zeit schenken: Um Angehörige zu entlasten, baut das Awo-Pflegeheim in Königsee eine Betreuungsgruppe auf

Zum Gruppentreffen gehört, dass die ehrenamtlichen Helfer den Kranken Zeitungen vorlesen. (Foto: Imago)
Antonia Altmann schaut ihre Mutter entgeistert an. Was ist bloß mit der alten Dame los? Schlimm genug, dass sie den allmonatlichen Scrabble-Nachmittag einfach vergessen und wohl auch schon einige Tage die Wohnung nicht
aufgeräumt hat. Jetzt sitzt sie vor den Buchstabenwürfeln, als hätte sie dieses Spiel zum ersten Mal vor Augen.
Was Antonia Altmann nicht weiß: Ihre Mutter leidet an Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Zu den Symptomen gehören nicht nur der schleichende Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, sondern Rechen-, Wortfindungs- und Wahrnehmungsstörungen. Im weiteren Verlauf nehmen Erkrankte ihre engsten Angehörigen nicht mehr wahr, werden apathisch, bettlägerig und inkontinent. Es stellen sich Ängste, Ess- und Schlafstörungen
sowie Wahnvorstellungen ein. Umstände, mit denen viele Familien nicht umgehen können. Wenn sich der Erkrankte unsinnig verhält, unterstellen sie Bösartigkeit und fehlenden guten Willen. Ein großer Fehler.
„Schimpfen und wettern macht es nur schlimmer. Hier hilft nur Geduld“, weiß
Claudia Höhlig. Die Bachelor-Studentin und angehende Sozialpädagogin absolviert ihren praktischen Teil im Awo-Pflegeheim Königsee, das gleichzeitig Mehrgenerationenhaus ist. „In unserer alternden Gesellschaft nimmt die Pflegebedürftigkeit rasant zu. Zeit für die Erkrankten außerhalb der Pflege wird dadurch ein immer wertvolleres Gut“, sagt Höhlig.
Das Pflegeteam des Hauses hat in Anbetracht dessen ein neues Angebot mit dem vielsagenden Namen „Zeitgeschenk“ erarbeitet. Das am 1. April startende niedrigschwellige Projekt soll Angehörige entlasten, indem es Demenzkranke
stundenweise in die Tagespflege übernimmt. „Das hat nichts mit Abschieben zu
tun“, betont Höhlig. „Es geht um Freizeitbetreuung.“
Für die Betreuungsgruppe werden ehrenamtliche Helfer gesucht. Studenten, Senioren, die sich für diese Aufgabe fit fühlen, Menschen mit viel sozialer Kompetenz. „Wir wollen Berührungsängste abbauen“, sagt Claudia Höhlig.
„Wenn man auf die kranken Menschen eingeht, macht es Spaß, mit ihnen zu arbeiten.“
Jeden Mittwoch wird sich die Gruppe im Pflegeheim treffen. Bei Obstsalat und Tee lesen die ehrenamtlichen Helfer Zeitungen vor, es gibt Gedächtnistraining, Bewegungsangebote oder Spaziergänge im Kräutergarten, der zum Haus gehört. Für das entsprechende Rüstzeug sorgt das Pflegeheim mit Schulungen
über Krankheitsbild, Kommunikation, Beschäftigung, rechtliche Grundlagen. Im
Alltag sollen die Ehrenamtlichen dann auf Wünsche und Ideen der alten Menschen eingehen. Mit Geduld – und Zeit.

KONTAKT:
Dennis Christopher Muus,  03 67 38 / 6 50 48, d.muus@awo-rudolstadt.de
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3 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 20.02.2014 | 23:51  
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Hannelore Grünler aus Artern | 21.02.2014 | 01:43  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.02.2014 | 01:01  
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