Zum Wohl! - Baby KISS wird 20!

„KISS ist mein Kind und ich liebe es immer noch“, sagt Undine Engel. Am 2. Februar wird die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen-Unterstützung 20 Jahre alt.
Arnstadt: ... | Am 2. Februar 1992 gründete Undine Engel die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen-Unterstützung in Arnstadt.

Als Undine Engel im Jahr 1990 erfährt, wie es um ihre Gesundheit bestellt ist, ist sie schockiert. Beinahe noch schlimmer aber empfindet die ehemalige Konsum-Verkaufsstellenleiterin die Worte ihres Arztes: „Operiert habe ich, für‘s Soziale bin ich nicht zuständig.“ 42 Jahre alt ist die Verkäuferin mit Leib und Seele zu diesem Zeitpunkt. Und sie beschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Niemand sollte mit seiner Krankheit oder Einschränkung allein dastehen. Dass es im Westen Deutschlands schon viele Jahre Selbsthilfegruppen (SHG) gab, hatte Undine Engel gehört. „Also fuhr ich nach
Unna, wo ich eine Tante hatte, um mich zu erkundigen“. In der dortigen
Kontaktstelle erfährt sie, dass sie keineswegs die einzige Betroffene ist.
Heute kann Undine Engel darüber lächeln. „Damals war die Wut mein Motor“,
erinnert sie sich.
Die Geburtsstunde der Selbsthilfegruppenbewegung datiert auf den 10. Juli
1935. Ein Chirurg und ein Börsenmakler aus dem US-Bundesstaat Ohio – beide
Alkoholiker – begegneten sich und bemerkten während des Gesprächs über ihre Alkoholkrankheit gegenseitiges Verständnis, Offenheit und Erleichterung,
darüber reden zu können. Sie suchten weitere Betroffene und riefen die erste
Gruppe der Anonymen Alkoholiker ins Leben. Heute gibt es diese Gruppen weltweit. 1968 kam diese Bewegung nach Deutschland.
Mit dem Rüstzeug aus dem Westen geht Undine Engel 1991 ans Werk. Im Frauen- und Familienzentrum (FFZ) gründet sie die erste Selbsthilfegruppe
„Menschen mit Depressionen“. Die Aufbauarbeit findet im Wesentlichen im heimischen Wohnzimmer statt. Ihre Fortbildungskurse finanziert Engel zum Teil
selbst. „Das war wie ein Hausbau“, vergleicht sie. „Doch ich wusste, dass ich
nicht mit dem Dach, sondern mit dem Fundament beginnen musste.“
Endlich – am 2. Februar 1992 zunächst unter dem Dach des Landratsamtes – hat Engel ihren ersten offiziellen Arbeitstag und gründet KISS – die Kontakt- und
Informationsstelle für Selbsthilfegruppen-Unterstützung, die heute mit Dutzenden SHG von A wie arbeitslos bis Z wie zuckerkrank im Ilm-Kreis sehr
erfolgreich arbeitet. Seit 1993 steht KISS unter Trägerschaft des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO).
1990 ist für Undine Engel eine Zeit des Aufbruchs: „Es war so spannend, so anstrengend und so schön“. Wenn die Mutter der KISS heute über „ihr Kind“ spricht, schwingen spürbar Emotionen mit. Leider ist für Undine Engel im Juli 1997 Schluss, weil die Förderung ausläuft. Doch mit vielen Wegbereitern
und -begleitern hat sie heute noch Kontakt.
Abgeschlossen hat Undine Engel mit ihrem Lebenswerk deshalb nicht. „Ich bin froh, dass KISS sich so entwickelt hat. Selbsthilfegruppen sind keine kaffeetrinkenden Zusammenkünfte. Statistische Erhebungen aus den USA belegen, dass Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen treffen, seltener zum Arzt gehen.“
Wie dem auch sei: Für ihr Lebenswerk erhält die Gründerin der KISS im Jahr ihres Abschieds auf der Wartburg die „Thüringer Rose“ – für besonderes Engagement im sozialen Bereich.
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Hannelore Grünler aus Artern | 31.01.2012 | 19:46  
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