Ruhe sanft. Friedhöfe sind nicht nur ein Ort der Trauer

Spaziergänge auf Friedhöfen dienen nicht nur dem Seelenheil, sie tragen auch zur Bildung bei. Dies ist unverkennbar der Grabstein eines Juristen.
 
Schönheit auf dem Friedhof beginnt beim Blumenschmuck.
 
Diese hübsche Blüte kann man auch in geöffnetem Zustand bewundern.
 
Auch sehr hübsch anzusehen.
Ilmenau: ... |

"Kultur beginnt dort, wo Menschen ihre Toten begraben", sagt Stadtführerin Andrea Kubowicz aus Ilmenau. Und Friedhöfe sind nicht allein für die Grabpflege da. Man kann dort spazieren gehen, die Ruhe genießen und viel lernen. Zum Thema bietet Ilmenau seit diesem Sommer eine Führung an.

Es ist ein schöner Tag. Die Sonne bricht sich Bahn durch Blätterdächer, es duftet nach Wald und die Vögel zwitschern, als stünden sie im Leistungslohn. Nur die vorbeifahrenden Autos auf der Hauptstraße stören die Ruhe.
Auf dem Hauptfriedhof, neben der Kreuzkirche, inmitten von Menschen steht Stadtführerin Andrea Kubowicz in dezenter Kleidung: schwarze Jacke, beiger Rock, schwarze Lackschuhe. Heute ist Premiere für die neue Führung der Stadt Ilmenau. Kubowicz, obwohl versiert, fiebert ihr entgegen. "Das ist wie eine Prüfung. Ein ganz neues Thema, mit dem ich mich lange auseinandergesetzt habe", verrät sie und wirft einen letzten Blick auf Zahlen und Fakten in ihren Unterlagen.

Kulturgeschichte aus Jahrhunderten


Endlich setzt sich die Gruppe in Bewegung. Auf dem Weg zu den ersten Gräbern erklärt Kubowicz, dass es sich lohne, auf Friedhöfen spazierenzugehen. "An diesen stillen Orten trifft man auf Kunst- und Kulturgeschichte aus Jahrhunderten, denn Kultur beginnt dort, wo Menschen ihre Toten begraben.“ Schnörkel, pompöse Verzierungen oder der Sensenmann kennzeichneten den Barock. Rokoko und Klassizismus bedienten sich der Engelsdarstellungen. Auch Antike, Renaissance und Bauhausstil seien auf Friedhöfen zu finden.
Einen modernen und historischen Teil gibt es auf dem Ilmenauer Friedhof zu sehen. Goethe ist hier all gegenwärtig. Zu Lebzeiten war er in der Region für den Bergbau verantwortlich. Gemeinsam mit Bergrat Johann Carl Wilhelm Voigt, einem Wissenschaftler im Dienste des Weimarer Hofes. Dessen Grab ist noch gut erhalten und wert, gezeigt zu werden. Auf dem Grabstein liegt eine steinerne Decke. Andrea Kubowicz erklärt: „Diese Bahr- oder Sargtücher wurden bei der Aufbewahrung der Toten oder im Trauerzug über die Totenbahre gebreitet.“

Tote wurden nachts begraben - wegen der unerwünschten Gaffer


Eines der bekanntesten Gräber in Ilmenau ist jenes von Corona Schröter. Goethe entdeckte die Sängerin in Leipzig und holte sie an den Weimarer Hof. „Sie galt als Traumfrau – marmorschön, aber auch marmorkalt“, hat Andrea Kubowicz recherchiert. „Sie war immer auf Distanz und für damalige Verhältnisse in der glücklichen Lage, sich selbst versorgen zu können.“ Schröter litt an Tuberkulose und wurde deshalb nach Ilmenau an die gute Luft geschickt. Das half aber nichts, die Schöne starb 1802 an Auszehrung und wurde nachts begraben. „Das war zu jener Zeit üblich“, erklärt die Friedhofsführerin. „Man schätzte keine Gaffer auf Beerdigungen. Ihr guter Freund Goethe war nicht dabei – für ihn war der Tod ein schlechter Porträtmaler, eine Arbeitsstörung.“
In enger Verbindung zu Goethe stand auch Gottlieb Michael Häcker, sein Grab ist das nächste in der Reihe. Der Bergmeister unterrichtete den Dichter in Silberkunde. Auf Häckers Grab sind die Probierstube mit einem Bergknappen in Arschleder und mit Werkzeugen zu sehen, darunter Fabrikzeichen, Häckers trauernde Witwe sowie Tintenfass und Feder. Angeblich das einzige Grab dieser Art in Deutschland, wo Arbeitsszenen so ausführlich dargestellt werden.

Goethebrunnen eines der schönsten Bauhausdenkmäler


Interessant ist auch die Geschichte des Goethebrunnens. „Im Welt-Goethejahr 1932 sollte ein Denkmal entstehen, doch es mangelte an Geld. Also wurde der Laufbrunnen auf dem Friedhof mit einem Relief aufgewertet. Die Steine transportierten die Arbeiter mit Handwagen aus dem Steinbruch.“ Verantwortlich war Architekt Wilhelm Löber, Bauhausschüler und Bildhauer aus Ilmenau, der meinte, dass ein Relief mehr vom Geist des Dichters wiedergebe als ein Bildnis dessen. Und so entstand das Bild einer sterbenden Mutter mit ihrem Kind, über ihnen der Geist des geläuterten Menschen. Die Nazis sahen darin entartete Kunst und ließen das Bildnis mit Brettern vernageln, um es später abzureißen. "Das wurde aber vergessen und auf diese Weise eines der schönsten Bauhausdenkmäler erhalten“, schließt Andrea Kubowicz.

Zu Zeiten der Katalepsie (Scheintod) war man schwer auf Draht


Als die Medizin noch nicht weit fortgeschritten war, kam es vor, dass Menschen für tot erklärt wurden, obwohl sie es nicht waren. Dieser Problematik wegen sollen die Leichenhallen eingeführt worden sein, wo ein bis zwei Tage Totenwache gehalten wurde. Johann Nestroy, Edgar Allan Poe, Hans Christian Andersen und Alfred Nobel gehörten zu jenen, die Angst vor dem Scheintod hatten. So auch der Hofchirurg Schnepf, der in Ilmenau begraben ist. „Zu seiner Zeit ließ man die Gräber offen und stellte eine Leiter hinein, damit der ‚Tote‘ im besten Fall wieder heraussteigen konnte“, weiß Andrea Kubowicz, die nach etwas über einer Stunde noch keinen ihrer Begleiter verloren hat. „Oder es wurde ein Draht am Finger der Leiche befestigt, der mit einem Glöckchen verbunden war.“
Scheintod – das soll es in Ilmenau gegeben haben. Dessen ist sich ein Führungsteilnehmer sicher: „In den 1970er Jahren saß die Familie schon beim Leichenschmaus, als sich herausstellte, dass die Oma noch lebte und schon wieder im Pflegeheim war. Auf die Tatsache, dass das schöne Essen nun vorbei war, reagierten sie allerdings äußerst ungnädig.“

Zur Sache:
Der Begriff Bestattung (17. Jahrhundert) bedeutet „den sterblichen Überresten eine Statt gebend“.
Bestattet haben Menschen ihre Angehörigen schon in der Steinzeit.
Im Mittelhalter geschah das in der Kirche oder auf dem Kirchhof, wegen der Nähe zum Altar. Um die Kirche legte man Paradieswiesen an, Bäume symbolisierten den Lebensrhythmus.
Wegen der Pest und Platzmangels entstanden erste Friedhöfe außerhalb der Städte.
Bekannte Friedhofstypen sind Alleequartierfriedhöfe - wegen der als Alleen gestalteten Hauptwege: rechteckige Grabfelder mit klarer Wegführung.
Ferner: Stadtteil-, Soldaten- oder Ehren-, Rasen-, Park-, Wald-, Dorffriedhöfe (ältester Friedhofstyp) und neuerdings Bestattungswälder.
Ein historisch bedeutsamer Kirchfriedhof ist der Jacobsfriedhof in Weimar, im 12. Jahrhundert angelegt. Dort ruhen unter anderem Schiller und Cranach. Er gehört zu den am meisten besuchten Friedhöfen Deutschlands.
Das erste Krematorium im deutschsprachigen Raum wurde 1878 auf dem Hauptfriedhof in Gotha erbaut.
Die erste Leichenhalle entstand in Weimar, wo es ab dem 19. Jahrhundert Pflicht war, Tote dorthin zu überführen.
Auf einigen Thüringer Friedhöfen gibt es Kolumbarien. Das war ursprünglich die Bezeichnung für einen Taubenschlag, wegen der Ähnlichkeit mit den reihenweise übereinander angebrachten altrömischen Nischen zur Aufnahme von Urnen. Heute sind es meist oberirdische Bauwerke, wo Urnen und Särge aufbewahrt werden.
1934 wurde die Feuer- der Erdbestattung gleichgestellt.
95 Prozent der Ilmenauer wünschen eine Feuerbestattung, der Trend geht zum Grabfeld.
Der Ilmenauer Friedhof mit parkähnlichen Bedingungen und knapp 500 Bäumen ist etwa 5 Hektar groß und beherbergt 3500 Grabstätten. Ein Teil des Goethewanderweges führt durch den historischen Teil.

Grabstein-Symbole:
Kranz: Kraft, Unendlichkeit
Brennende Kerze: das ewige Licht
Bäume: ewiges Leben
Efeu: Treue
Grüne Blätter: Wachstum, Erneuerung
Welke Blätter: Vergänglichkeit, Trauer
Abgeschnittene Rose: würdige Geste
Alpha & Omega: Christus als Wort
Betende Hände: gelebte Frömmigkeit
Brunnen: Wasser des Lebens
Engel: Sinnbild der Wegbegleitung
Vogel: freier Geist verlässt den Körper
Totenkopf: Vergänglichkeit
Taube: heiliger Geist
Pentagramm: Gestalt des Menschen aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft
Kreuz: Hoffnung, Auferstehung
Kranz, Herz, Anker: Glaube, Liebe, Hoffnung

Friedhofs-Blumenkunde:
Akelei als Abbildung im Kirchenfenster: Dreieinigkeit, Heiliger Geist, Jesus Christus
Anemone: Hoffnung, Liebe, Vergänglichkeit
Narzisse, Apfel: Überwindung des Todes
Wermut: Tod, Trauersymbol
Primel, Lilie, Birke: Leben, Licht, Hoffnung
Myrte, Birne, Zypresse: Lebensbaum, Paradies
Buchsbaum als Grabschmuck: Unsterblichkeit, Jenseits, Liebe
Chrysantheme: Totengedenken, tabu für Trauernde
Esche, Efeu: Leben
Eibe: Tod, auch Unsterblichkeit
Eiche: Unsterblichkeit, Symbol für Kraft
Eisenhut: Tod (möglicherweise gewaltsam herbeigeführt)
Lavendel, Gänseblümchen, Erdbeere: Liebe, Reinheit
Mandelbaum, Krokus, Granatapfel, Ginkgo, Fichte: Hoffnung
Getreide: Symbol für Lebenskreislauf
Holunder: Symbol für Wiedergeburt
Kornblume, Hyazinthe: Jenseits
Klee: Dreifaltigkeit
Kürbis: Segen
Lattich: Buße, Totengedenken, Trauer
Palme, Lorbeer: Frieden
Zeder, Weinrebe, Wacholder, Lotos: Unsterblichkeit
Maiglöckchen: Ende allen Kummers
Mimose: Tod und Leben
Mohn: Schlaf (klassische Grabbeigabe in Ägypten)
Zitrone, Olivenbaum: Kraft für Erneuerung
Pappel: klagende Trauer (ständiges Blätterrascheln)
Pfingstrose: Mariensymbol
Weide, Vergissmeinnicht, Veilchen, Rose: Liebe, Hoffnung
Stiefmütterchen: Erinnerung
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Petra Seidel aus Weimar | 08.08.2016 | 18:54  
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