Die Jugendstrafanstalt zieht im Juli um - Ichtershausen hat Pläne für die Nachnutzung des ehemaligen Klosters

Kirche hinter Stacheldraht. Im Juli wechselt die Jugendstrafanstalt Ichtershausen ihren Standort.
Ichtershausen: ... |

Wenn Dirk Sterzik von seinem Leben im Knast erzählt, blitzt Schalk in seinen Augen auf. "Ich hatte lebenslänglich und durfte 2007 ohne vorzeitige Entlassung meiner Wege gehen".

Keine falschen Schlussfolgerungen bitte: Dirk Sterzik arbeitete fünfzehn Jahre lang als Gefängnisseelsorger in der Jugendstrafanstalt (JSA) Ichtershausen. In der DDR lernte der aus Unterwellenborn bei Saalfeld Stammende Baufacharbeiter mit Abitur - wegen seines religiösen Hintergrundes wurde er nicht zum Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) zugelassen. Als Kind war er Mitglied der Thüringer Sängerknaben und festigte dort seine Leidenschaft für die Kirche. "Ein Leben lang Häuser zu bauen, danach stand mir nicht der Sinn. Als Pfarrer kommt man mit Menschen aller Altersklassen in Kontakt." Jetzt ist er Militärpfarrer bei der Bundeswehr. "Eine komplett andere Welt", sagt Sterzik und lächelt.

Nachhaltig nutzen


Mit dem Knast im alten Kloster hat er noch lange nicht abgeschlossen. Im Juli zieht die JSA in einen Neubau nahe der Autobahn. Was wird aus dem Areal, wo der Blick auf Kirchtürme von Stacheldraht gestört wird? Dirk Sterzik bringt sich in die Planung der nachhaltigen Nutzung der Klosteranlage mit Kräften ein, das schlechte Beispiel von Gräfentonnas altem Gefängnis stets vor Augen. "Vor Jahren fuhr ein Laster in eine Mauer des Gebäudes. Seitdem flattert dort rot-weißes Absperrband im Winde. Die Tatsache, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht, hemmt wohl privaten Aktionismus."
Die JSA Ichtershausen indes gehört zurzeit zum Sondervermögen der Justiz des Freistaates Thüringen und soll demnächst an das Thüringer Liegenschaftsmanagement (Thülima) übertragen werden.

Beten und entschleunigen


Als Dirk Sterzik als Pfarrer nach Ichtershausen kam, sah er die Kirche und es war um ihn geschehen. "Die Klosteranlage ist nicht nur eine Ansammlung von Gebäuden, sondern ein historischer Ort aus dem 12. Jahrhundert", erläutert der Seelsorger. Im Hochmittelalter galt er nicht nur als vorbildlich geführtes und öffentlich gelobtes Zisterzienserinnenkloster, er war auch politischer Dreh- und Angelpunkt. Dirk Sterzik: "1198 wurde hier deutsche Kaisergeschichte geschrieben. Nach dem Tod Kaiser Barbarossas und der kurzen Regentschaft durch seinen ältesten Sohn, König Heinrich, suchten Mitglieder der staufischen Partei in Ichtershausen nach einem geeigneten Mann, unter dessen Führung der Machterhalt gesichert werden konnte." Im März 1198 wurde schließlich der jüngste Sohn Friedrich Barbarossas, Philipp von Schwaben, in Ichtershausen zum König bestimmt.

Wohnungen für 70 Familien

Zwar ist das ehemalige Kloster endlich im modernen Zeitalter angekommen, dennoch soll es seine christlichen Grundwerte nicht verlieren. Seit drei Jahren beschäftigt sich eine vom Gemeinderat Ichtershausen gewählte Arbeitsgemeinschaft mit der Nachnutzung der JSA und hat ein vielversprechendes Konzept entwickelt. Dank des Gewerbegebietes "Erfurter Kreuz" erfreut sich die Gemeinde Ichtershausen einer starken Wohnungsnachfrage. Ein Hektar Fläche der Anlage soll deshalb dem Wohnungsbau für etwa 70 Familien zur Verfügung stehen. Im alten Schloss soll zukünftig gefastet, gebetet und entschleunigt werden. "Wir denken dabei an eine Collegiatsgemeinschaft für ältere und allein lebende Menschen. Mit Lebensmittelladen und Suppenküche", erklärt Dirk Sterzik. Außerdem soll eine Lutherherberge mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten für Wanderer, Pilger oder Radwanderer entstehen. Kosten würde das Projekt zwischen 22 und 24 Millionen Euro. "Es gibt viel zu tun", weiß Dirk Sterzik. "Doch wir in Ichtershausen wollen es anpacken."


Geschichts-Splitter:
948 erste urkundliche Erwähnung Ichtershausens durch Kaiser Otto I.
1147 Gründung des Zisterzienserinnenklosters St. Georg & Marien
1198 Bestimmung Philipp von Schwabens zum König
1525 Bauern beschädigen die Klosteranlagen, Nonnen fliehen nach Erfurt
1539 Das Kammergut "Altes Schloss" wird errichtet
1832 Superintendent, Übersetzer, Fabel- und Liederdichter Wilhelm Hey ("Weißt du, wieviel Sternlein stehen...", "Alle Jahre wieder...") wird Pfarrer in Ichtershausen
1877 Kloster und Schlossanlage werden Landesgefängnis
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