Die Qual zur Wahl: Rhönort Frankenheim hat die niedrigste Wahlbeteiligung Thüringens

Angekommen. Frankenheim ist auf den ersten Blick ein schmuckes Dorf.
 
Blick auf die evangelische Peter- und Paul-Kirche.
 
In Frankenheim ist's nicht wie bei armen Leuten.
Frankenheim/Rhön: ... |

33, 24, 30, 27,5, 39,7 Prozent - Frankenheims Bürgermeister Alexander Schmitt sieht jeder Wahl mit Bauchschmerz entgegen. Es ist ihm peinlich, wenn seine Gemeinde mit diesen Zahlen in den Medien auftaucht. Laut Wahl-Statistik ist die Rhön-Gemeinde das Dorf mit der niedrigsten Wahlbeteiligung Thüringens.
Was ist das für ein Ort, wo weit weniger Bürger wählen gehen als anderswo in Thüringen? AA-Autorin Jana Scheiding schaute sich in Frankenheim um.

In Erfurt geht es auf die A71, Abfahrt Mellrichstadt, der Weg führt weiter durch malerische Dörfer und Fachwerkstädtchen. In 750 Meter Höhe liegt Frankenheim, knapp 140 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt, im Dreiländereck Bayern – Hessen - Thüringen. Jahrzehntelang war das Dorf hermetisch gegen das Hinterland abgeriegelt, gehörte zum sogenannten Sperrgebiet. Hier schaute die Staatsmacht genau hin. Frankenheim war an drei Seiten eingezäunt, ein Wachturm steht noch heute in Sichtweite. Die Dorfbewohner kamen nur mit Vermerk im Personalausweis in ihre Häuser, Besucher mussten für das Betreten der Sperrzone gute Gründe haben. Nach der Wende schrumpfte Frankenhain auf zwei Drittel seiner einstigen Größe: Bis 1990 hatte es etwa 1600 Einwohner.

Ehemaliger Höhenluftkurort


"Gesundes Dorf" steht auf dem Ortsschild. Bestimmt wegen der guten Luft - bis 1945 war Frankenheim Höhenluftkurort. Zwei Hinweisschilder später wird klar, dass die Ursache auf der Straße liegt. Respektive im Panorama-Wanderweg mit Teichanlage und dem 900 Meter langen Barfußpfad, der in den Wald führt. Wilde, unberührte Natur, so weit das Auge reicht. Unter azurblauem Himmel gurgelt ein Wildbach, Grillen zirpen, die Sonne wärmt das Gesicht. Der Blick übers Land: atemberaubend.
Die Fußreflexzonenmassage auf dem Barfußpfad tut den Füßen gut, wenngleich dieser ein wenig Pflege gebrauchen könnte. Gleiches gilt für den Heilkräutergarten, wo mehr Löwenzahn als Arnika wächst. Infotafeln mit der Aufschrift: "Wegen Vandalismus nicht belegt. Wir bitten um Verständnis." Ein krasser Gegensatz zu einigen Häusern hier, die vom Wohlstand ihrer Besitzer künden.
Um die Mittagszeit ist im Dorf nichts los. In die Fleecejacke zu schlüpfen, war eine gute Idee: es herrscht ein raues Klima in Frankenheim. "Hier ist ein halbes Jahr Winter und ein Vierteljahr ist es kalt", bestätigt die freundliche Blumenverkäuferin.

Post ist weg, ebenso der Geldautomat


Es gibt keinen Dorfmittelpunkt mit Bäcker, Fleischer, Apotheke. Was man zum Leben braucht, liegt verstreut. Die Post ist weg, ebenso der Geldautomat. Ein Geschäft mit der Aufschrift „Nahversorger aus Leidenschaft“ - verrammelt und verriegelt. Immerhin ist das Feuerwehrgebäude neu. Und die Peter- und Paul-Kirche mit ihrer mechanischen Schleifladenorgel ist ein Lichtblick zwischen geschlossenen Gaststätten und hochgeklappten Bürgersteigen. Ein Lebensmittelgeschäft? „Irgendwo da hinten“, sagt ein älterer Mann und zeigt in Richtung Osten. Ob er im September wählen gehe? – „Natürlich. Das ist doch Bürgerpflicht.“ Ein Foto für die Zeitung? – „Lieber nicht. Und meinen Namen müssen Sie auch nicht erwähnen.“

Zwischenzeitlich ist es Nachmittag geworden. Ein junger Mann, nach seinen Wahlgewohnheiten befragt, winkt ab: “Lasst mich damit in Ruhe“. Apropos Ruhe. Zu den schönsten Flecken Frankenheims gehört der Friedhof. Hier gleicht kein Stein dem anderen, alles macht einen neuen und gepflegten Eindruck. Auf der Gedenktafel für die Opfer des Zweiten Weltkrieges taucht immer wieder ein Name auf: Abe. Die Familie hat an die 20 Männer im Krieg verloren.

Museum? - Leider geschlossen


Zurück zur Dorfstraße. Auf einem Wegweiser steht zu lesen, dass es im Dorf ein Museum mit Touristeninformation gibt. Wunderbar. In Museen kann man viel erfahren – auch über die Gewohnheiten der Leute. Doch das hübsche Fachwerkhaus ist verschlossen. Die Kassiererin im benachbarten Lebensmittelgeschäft schüttelt bedauernd den Kopf: „Das Museum schließt 15 Uhr.“
Die Menschen auf der Straße sind nicht sehr gesprächig und ebenso kamerascheu. Vielleicht gibt es ja in der „Schweinebucht“, der einzigen geöffneten Gaststätte des Ortes, mehr zu erfahren. Die „Schweinebucht“ ist ein kurz nach der Wende nobel umgebauter Schweinestall. Einem Gast serviert die blonde Wirtin gerade dampfende Thüringer Klöße mit Sauerbraten und Rotkohl. Das Pärchen am Nebentisch verzehrt eine Riesenportion Schnitzel mit Pommes. „Wir sind von Hessen herübergewandert und suchen ein Nachtlager. Bisher schliefen wir immer im Freien, aber dafür ist es heute zu kalt“, erzählt die Frau und deutet auf zwei ebenfalls riesige Rucksäcke. "Haben Sie vielleicht Internet am Telefon?" Wie zur Bekräftigung entleert sich in diesem Moment eine Regenwolke über Frankenheim.

Konstatiere: Keine Einheimischen, die sich für die Wahlbefragung eignen. Viel mehr ist wohl heute in der “Schweinebucht“ auch nicht mehr zu erwarten. Noch zwei Versuche. Der Klöße verspeisende Mann am Nebentisch duckt sich vorsichtshalber ab und die Wirtin sagt. „Ob ich wählen gehe, muss ich mir noch überlegen.“


Vier Fragen an Alfred Spekker,
seit 2001 Pfarrer in Frankenheim und Birx


Sind die Frankenheimer wirklich die größten Wahlmuffel der Region?
Wir sind besser geworden. Vor zehn Jahren hatten wir eine Wahlbeteiligung von 16 Prozent, bei den letzten Wahlen waren es schon 40. Das ist zwar immer noch kein Ruhmesblatt, aber eine deutliche Steigerung.

Sind die Menschen aufgeschlossener als früher?
Vielleicht. Bürgermeister Alexander Schmitt treibt viel voran. Es gibt mehr Veranstaltungen, mehr Gemeinsames. Ein funktionierendes Dorfleben. Die Wahlkandidaten sind im Dorf präsenter als früher. Lange hieß es: Die Politiker machen sowieso, was sie wollen. Einige haben offenbar erkannt, dass man das ändern kann.

Zeitungsleute haben es schwer in Frankenheim...
Die Wunden sind tief genug, um sie lange zu erhalten. Auch nach einem Vierteljahrhundert ist das Misstrauen aus der DDR-Zeit noch da. Eigentlich sind die Frankenheimer ein aufgeschlossenes Völkchen.

Warum verwildern einstige Prestigeobjekte wie Kräutergarten und Barfußpfad?
Eine Frage der Nachhaltigkeit von Fördermitteln. Die sind sinnlos, wenn Gemeinden weder Geld noch Personal haben, um solche Anlagen zu pflegen.


Frankenheim - Steckbrief:
Bundesland: Thüringen
Landkreis: Schmalkalden-Meiningen
Verwaltungsgemeinschaft: Hohe Rhön
Höhe: 750 Meter über normal
Einwohner: knapp 1200
Bürgermeister: Alexander Schmitt (parteilos)

www.frankenheim-aktuell.de
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4 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 29.08.2014 | 20:11  
Axel Heyder aus Erfurt | 01.09.2014 | 09:47  
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Harald Schnöde aus Apolda | 06.09.2014 | 06:36  
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