Thüringen: Löhne zu niedrig, Arbeitszeit zu hoch

Wenn es um Arbeitnehmerinteressen geht, sind Gewerkschaften nach wie vor gefragt. Wie Armando Dente (links) und Bezirksleiter Andreas Schmidt von der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie.
Gewerkschaften haben nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen beigetragen. Arbeitsschutz, 40-Stundenwoche und Urlaub sind seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit.
Was haben Gewerkschafter eigentlich heute zu tun?

„Jede Menge“, verrät Armando Dente, Gewerkschaftssekretär bei der IG Bergbau-Chemie-Energie. Gerade hat er wieder festgestellt: „Die Leidensfähigkeit der Thüringer ist schier grenzenlos“. Und berichtet von Unternehmen, die ihr Humankapital verschleißen. „Da gibt es Betriebe, die ihren Arbeitnehmern bei Drei-Schicht-System 20 Urlaubstage gewähren.“ Dente sieht den Grund für diese Situation in der DDR-Historie. „Die Gewerkschaften
hatten ja ganz andere Aufgaben. Als ich nach Thüringen kam, erschrak ich über die Unterschiede in der Mitbestimmungskultur.“
Auch an die thüringische Realität im Lohngefüge habe sich der Rheinländer erst gewöhnen müssen. „34 Prozent der Beschäftigten in Thüringen haben einen Stundenlohn von unter 8,50 Euro." Dente wünscht sich mehr Offenheit vonseiten der Arbeitgeber, „weil mitbestimmte Unternehmen besser durch Krisen kommen und wettbewerbsfähiger sind in der Werbung um Fachkräfte.“
„Dabei ist im Freistaat der Lohn zu niedrig und die Arbeitszeit zu hoch“, ergänzt
Andreas Schmidt, Bezirksleiter bei der IG BCE. „Viele Menschen fragen sich, was
Arbeit eigentlich noch wert ist.“ Erschreckend für beide: die Zahl der Aufstocker. Also jener, die zum Gehalt noch Sozialleistungen in Anspruch
nehmen müssen. Ein weites Feld und lange nicht die einzige Sorge der
zweitgrößten Industriegewerkschaft.
Gegenwärtig wird bei den Funktionären das Thema Bildung diskutiert. Denn: Fachkräfte fehlen und Schulabgänger sind rar. Auch Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig weiß, dass in den kommenden Jahren 200.000 Fachkräfte gebraucht werden, aber nur etwa die Hälfte Schulabgänger
nachkommen. Zwar gibt es Rückkehrer-Initiativen, doch Thüringen zahle einfach zu niedrige Löhne.
Es gilt also, bestehende Ressourcen auszuschöpfen. Deshalb schiebt die Gewerkschaft Projekte wie „AKTIF“ an. Andreas Schmidt: „Wir wollen nicht nur auf staatliche Maßnahmen warten. AKTIF ist Bestandteil des Qualifizierungs-Tarifvertrages und ein sozialpartnerschaftliches Projekt zur Förderung der Weiterbildung von Beschäftigten in Unternehmen der thüringer Kunststoffindustrie.“ Das Projekt wird unter anderem von der Europäischen Union gefördert. Und hier stellt Dente fest: "Es gibt auch Vorbilder.“ Geiger Automotive aus Tambach-Dietharz zum Beispiel, den Hersteller von hochwertiger Pharmatechnik mit Sitz in Neuhaus am Rennweg oder den Kunststofftechnikbetrieb Isoco in Schmiedefeld. „Die hiesige Kunststoffindustrie hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt“, informiert Dente. „Innerhalb des verarbeitenden Gewerbes
gehört etwa jeder zehnte Betrieb dieser Branche an.“
Bildung sei wichtig, um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu bleiben. „Deshalb
verstehen wir uns als Sozialpartner. Wir wollen die Vogelperspektive der
Arbeitgeber mit der Froschperspektive der Beschäftigten zusammenbringen.“ Andreas Schmidt: „Wenn der Betriebsrat gut ist, profitieren sowohl die Belegschaft als auch der Betrieb.“ Der Wohlstand eines Landes resultiere aus der Wertschöpfung der Industrie, fügt Schmidt hinzu. „Deshalb muss diese für Beschäftigte attraktiv bleiben.“ Zu diesem Prozess gehören Arbeitnehmer,
die bereit sind, ein Leben lang zu lernen und Arbeitgeber, die diese Bereitschaft fördern.


• Die Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie betreut in Thüringen
183 Betriebe mit 15 500 Mitgliedern.
• Kontakt: IG BCE, Bezirk Thüringen, Bezirksleiter Andreas Schmidt, 0361/77758-0. E-Mail: bezirk.thueringen@igbce.de
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
5 Kommentare
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 09.10.2012 | 19:34  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 09.10.2012 | 23:26  
119
Wilfried Hofmann aus Gera | 10.10.2012 | 07:10  
6
Tino Voelkel aus Ilmenau | 11.10.2012 | 06:19  
119
Wilfried Hofmann aus Gera | 11.10.2012 | 06:54  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige