Als würde jemand den Stecker ziehen! Die Fibromyalgie ist ein medizinisches Rätsel

An Fibromyalgie erkrankte Menschen sind oft verzweifelt, erleben sogar depressive Phasen. Der ganze Körper schmerzt, das wird von der Umwelt oft nicht wahrgenommen. Die Krankheit ist noch weitgehend unerforscht.
Arnstadt: ... |

Fibromyalgie ist eine weitgehend unerforschte, unheilbare Erkrankung, die vor allem Muskeln, Bindegewebe und Nervenfasern beeinträchtigt und über 100 medizinische Teilbereiche tangiert. Da die Erkrankung keine entzündlichen Werte aufweist, ist sie medizinisch-diagnostisch bisher kaum erfassbar. Es gibt demzufolge wenig therapeutische Maßnahmen für Betroffene.

Wer daran leidet, wird deshalb oft als Simulant eingestuft. Erst seit etwa 15 Jahren wird Fibromyalgie bei den Krankenkassen unter dem Diagnoseschlüssel 79.0 geführt. Jana Scheiding sprach darüber mit Christina Petzold, Gesundheitstrainerin aus Arnstadt, die selbst betroffen ist und am 29. November im Frauen- und Familienzentrum zum Thema referieren wird.

Wann haben Sie die ersten Anzeichen der Fibromyalgie gespürt?
Im Jahr 2000 wurde die Diagnose gestellt. Davor habe ich sechs Jahre lang eine regelrechte Schmerzodyssee durchlaufen.

Weil die sogenannten Tender Points – die ­Schmerzpunkte – bei der Untersuchung nicht ­empfindlich reagierten?
Inzwischen wurden multi­modale Diagnosen und Therapien entwickelt, wobei Tender Points eine Rolle spielen, aber nicht mehr das ausschlaggebende Indiz sind. Fibromyalgie ist von zahlreichen Begleit­erscheinungen gekennzeichnet. Für Patienten ist es ein sehr langer Weg, bis ähnliche Erkrankungen ausgeschlossen sind und Fibromyalgie übrig bleibt.

Welche Begleiterscheinungen sind das?
Weil es sich um eine chronische Muskel- und Nervenfaser­erkrankung handelt, kann es den gesamten Körper betreffen. Man spricht deshalb von einem Ganzkörperschmerz, denn die Nervenfasern an den Muskeln, Nerven und Faszien sind geschädigt und reagieren überempfindlich. Begleiterscheinungen sind zum Beispiel Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Haarausfall, Darmträgheit, Konzentrationsstörungen und depressive Verstimmungen. Fibromyalgie-Patienten erleiden Schmerzschübe und sind am ganzen Körper dermaßen verkrampft, dass von der Schilddrüse bis zum Darm alles in Mitleidenschaft gezogen werden kann.

Gibt es Arztpraxen, die sich darauf spezialisiert haben?
Im Osten nicht, so viel ich weiß. Im Westen ist man bedeutend weiter.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?
Es gibt keine einheitliche Therapie, wie beispielsweise für Rheumatiker. Alles muss individuell auf die Person abgestimmt werden. Linderung bieten zum Beispiel manuelle Therapien, Osteopathie, auch die sanften Berührungen der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die Empfindungen der an Fibromyalgie Erkrankten können unterschiedlicher nicht sein. Manche finden Erleichterung in der Infrarot-Wärmekabine, andere in der Kältekammer.

Sollten Betroffene Sport treiben?
Unbedingt. Bewegung ist immens wichtig, sonst rosten wir ein. Ich bin Erkrankten begegnet, die im Rollstuhl saßen. Es bietet sich ein ganzheitliches Körpertraining an.

Ist es sinnvoll, die Ernährung umzustellen?
Ja. Es empfiehlt sich, auf Fleisch-, Milch- und Weizenprodukte zu verzichten und auch die drei weißen Gifte – Salz, Zucker und Mehl – möglichst zu ersetzen oder zu reduzieren.

Bedeutet Fibromyalgie, ein Leben lang Medikamente einnehmen zu müssen?
Um Schmerzmittel oder Antidepressiva kommen wir manchmal nicht herum. Allerdings haben Medikamente auch Nebenwirkungen, die den Körper zusätzlich belasten. Ich beschäftige mich mit Kräutern. Da gibt es einiges zur Nervenberuhigung, zur Beruhigung des Darmes oder gegen die Schlafstörungen. Viele von uns haben Einschlaf- oder Durchschlafstörungen. Wenn der Körper ständig Schmerzen spürt, wacht man bei jeder Drehung im Bett auf.

Die Krankheit hat doch bestimmt auch psychische Auswirkungen?
Natürlich. Viele Erkrankte haben dadurch schon ihre Arbeit verloren. Sie haben Leistungsspitzen, die sehr schnell vorüber sind. Dann brauchen sie eine Pause. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis führt die Krankheit zu Beeinträchtigungen. Manchmal muss man nach einer halben Stunde eine Veranstaltung wieder verlassen, dann ist die Kraft einfach weg. Es ist, als würde jemand den Stecker ziehen. Das trifft oft auf Unverständnis. Viele an Fibromyalgie Erkrankte ziehen sich deshalb in die Isolation zurück. Es ist aber wichtig, soziale Kontakte zu pflegen.

Deshalb gründeten Sie in Arnstadt die Selbsthilfegruppe „Fibromyalgie“.
Was wollen Sie bewirken?

Weil die Krankheit so unerforscht ist, ist es schwierig, die Umwelt dafür zu sensibilisieren. Fibromyalgie ist äußerlich nicht erkennbar, nur der Betroffene spürt sie. Sie beeinträchtigt den Lebens­ablauf und das Umfeld enorm. Als Betroffener muss man akzeptieren, dass es nicht gut tut, mit angezogener Handbremse 110 fahren zu wollen. Es gilt, den Druck zu nehmen, den man sich selbst auferlegt. Auch ich habe dafür viele Jahre gebraucht. In der Selbsthilfegruppe wollen wir nicht gemeinsam jammern, sondern Erfahrungen austauschen, gemeinsam Ärzte und Rehamöglichkeiten finden. Wir wollen lernen, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden und wir wollen gemeinsam Spaß haben.

Sind nur von Fibromyalgie Betroffene willkommen?
Nein. Wir öffnen uns auch für Schmerzpatienten, bei denen die Fibromyalgie noch gar nicht diagnostiziert wurde, bei denen praktisch noch alles offen ist. Willkommen sind uns auch Angehörige und Betreuer von Kranken, die nicht mehr auf die Straße gehen. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, dass auch Kinder von der Krankheit betroffen sind. Wir sprechen also auch Eltern an, die eine übermäßige Schmerzempfindlichkeit bei ihren Kindern vermuten und sich informieren wollen. Wie gesagt, es ist wichtig, soziale Kontakte zu knüpfen und zu halten. Das hilft den betroffenen Menschen vor allem dabei, die Fesseln der Einsamkeit zu sprengen.


Infos & Termine:
• Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die sich in Muskel- und Bindegewebsschmerzen sowie Druckschmerzen über bestimmten Schmerzpunkten äußert. Der Begriff bedeutet „Faser-Muskel-Schmerz“.

• Sie ist kein Weichteilrheumatismus und die dritthäufigste Erkrankung nach Arthrose und degenerativen Wirbelsäulenleiden. Fibromyalgie kommt häufiger vor als entzündliche rheumatische Erkrankungen. Im Schnitt erkranken Frauen neunmal häufiger als Männer.

• Etwa 2 Millionen Menschen sind in Deutschland erkrankt, als Dunkelziffer werden weitere 2 Millionen geschätzt. Trotzdem ist die Krankheit relativ unbekannt und wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

• Als wahrscheinlich gilt, dass ein falsch programmiertes Schmerzgedächtnis im Gehirn die Schmerzen auslöst. Ein ständiger Schmerzreiz kann die Empfindlichkeit von Nervenzellen so weit steigern, dass sie auch ohne Schmerzen weiter aktiv bleiben. Auslöser für die Fibromyalgie sind wahrscheinlich Fehlbelastungen, Überforderung, seelische Belastungen, Operationen oder Unfälle – hier ist ein modernes Schmerzmanagement wichtig.

Termine & Kontakte:
29. November, 10 bis 12 Uhr, Frauen- und Familienzentrum ­Arnstadt, Vortrag zum Thema „Ganzkörperschmerz – Hilfe in Sicht!“
Treffen der Selbst­hilfegruppe Fibromyalgie jeden zweiten Dienstag im Monat, 17.30 Uhr, WSI-Gebäude, ­Schillerstraße 38, 5. OG (Fahrstuhl), Arnstadt (bitte vorher anrufen).
Kontakt: Ch. Petzold, 01 75/1 52 90 63.
Ansprechpartner KISS: Astrid Hinz, 0 36 28 / 60 27 54.

Informationen:
Deutsche Fibromyalgievereinigung e. V.
www.fibromyalgie-fms.de
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1 Kommentar
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Gunter Linke aus Saalfeld | 25.11.2016 | 22:49  
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