Adieu, Herr Kapellmeister! - Hubertus Triebel hängt "Hochsprung mit Musik" an den Nagel

Hubertus Triebel hängt "Hochsprung mit Musik" an den Nagel, bleibt der Leichtathletik aber erhalten. (Foto: Uwe-Jens Igel)
 
Die Hochsprung-Elite ist beim Arnstädter Hochsprung mit Musik immer mit dabei. Der russische Hochspringer Iwan Sergejewitsch Uchow gewann bei den Olympischen Spielen in London die Goldmedaille. (Foto: Uwe-Jens Igel)
Arnstadt: ... | Man nehme eine Portion Enthusiasmus, würze sie mit Leidenschaft und Willensstärke, gebe Sportsgeist und eine Prise Verrücktheit hinzu – und erhält einen Hubertus Triebel. 38 Mal organisierte er das Sportevent „Hochsprung
mit Musik“ in Arnstadt. Eine 39. Auflage wird es nicht geben. Auch nicht mit dem
gleichnamigen Förderverein. Vielleicht mit einem anderen Veranstalter, doch es hat noch niemand Interesse bekundet.
„Ich habe vielen Menschen die Liste gezeigt, die ein Meeting-Direktor abarbeiten muss. Sie sahen mich nur aus großen Augen an“, erzählt Triebel und zitiert den irisch-britischen Dramatiker und Kritiker George Bernard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute. Seht euch an, wohin uns die
normalen gebracht haben.“ Und als ein wenig verrückt bezeichnet sich der ehemalige Sportlehrer schon. Sonst hätte er knapp vier Jahrzehnte wohl
kaum durchgehalten.
Mitte der 1970er-Jahre darf Triebel von Schulen aus Plaue und Stadtilm endlich
an die neu erbaute Polytechnische Oberschule „POS 9“ nach Arnstadt wechseln. Der Leichtathlet gründet eine Schulsportgemeinschaft, baut mit interessierten Schülern eine Trainingsgruppe auf. Eines Tages sieht er im
Fernsehen die tschechische Sendung „Hochsprung mit Musik“. Hubertus Triebel
erinnert sich: „Dort spielte ein Orchester, die Sportler sprangen im Rhythmus der Trommelschläge.“ Triebel ist begeistert, aber kopieren wird er die Veranstaltung nicht. „Ich wollte, dass die Kinder und Jugendlichen ihre eigene
Musik mitbringen.“ Von Amiga-Schallplatten werden die Lieblingstitel auf Triebels Tonbandgerät überspielt, das er sich eigens in Tschechien kauft. „Mein Nachbar, ein Discjockey, bespielte mir zwei Bänder mit Westmusik.“
1977 der erste öffentliche Wettkampf. Die Zahlen der Besten hat Triebel noch im
Kopf: „Henry Lauterbach sprang damals 2,15 und Martina Baumbach 1,70 Meter.“
Etwa 300 Zuschauer verfolgen das Geschehen in der Schulsporthalle.
Ein Jahr später gewinnt Hubertus Triebel den Jenaer Rolf Beilschmidt für
„Hochsprung mit Musik“. Der damals zur Weltspitze gehörende Leichtathlet und
DDR-Meister trainierte bei Erich Drechsler, dem Schwiegervater von Heike Drechsler. Heute ist er Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes (LSB) Thüringen.
In der Berliner Zeitung erscheint ein Beitrag über Beilschmidts Wirken in Arnstadt. „Und plötzlich interessierte sich das Fernsehen für uns“, erzählt Triebel. „Von 1979 bis zur Wende hatten wir jedes Jahr unsere Liveübertragung.“
Der Durchbruch für den Arnstädter Lichtblick. Als später die Ausscheidungswettkämpfe für die Weltelite hier stattfinden, ist das Sportevent
in aller Munde. Sportler aus der ganzen DDR nehmen daran teil, akkreditiert von Erich Drechsler. Auch im Westen interessieren sich Sportfunktionäre für die Geschehnisse hinter dem Eisernen Vorhang.
1990 steht die Logistik von „Hochsprung mit Musik“ auf dem Kopf. Der Sport
kostet jetzt Geld, und das nicht zu knapp. „60 000 Mark veranschlagten wir für die Veranstaltung“, erinnert sich Triebel, der seinem Baby damals keine Zukunft gab. Doch die Partner aus der Wirtschaft sehen Chancen. Der Förderverein
„Hochsprung mit Musik“ mit Landrat Senglaub an der Spitze wird gegründet. „Es
war der erste Förderverein im Osten“, sagt Hubertus Triebel nicht ohne Stolz.

In den vergangenen Monaten arbeitete der Meeting-Direktor seine Liste
zum letzten Mal ab: Sponsoring, Veranstaltungsheft, Musik, Kulturprogramm,
Übernachtung, komplette Logistik, Platzverteilung zur Galaveranstaltung und ein
paar Häkchen mehr. Die letzte Veranstaltung wird eines Abschieds würdig sein. Unter den geladenen Startern aus knapp vier Jahrzehnten ist auch die
Schwedin Kajsa Bergqvist, die mit 2,08 Metern noch immer den Hallenweltrekord von 2008 hält. Über die Zusagen freut sich der 77-jährige Triebel sehr. Trotzdem ist es jetzt genug, findet er. Das – mit Verlaub – verrückte Zugpferd ist ein wenig müde geworden. Aber nicht so müde, um der Leichtathletik abzuschwören. Dem Sport will er so lange wie möglich treu bleiben – im Vereinsvorstand und als Trainer für den Hochspringer-
Nachwuchs.

Information:
38. Auflage von Hochsprung mit Musik am 8. Februar, 13.30 Uhr, Jahn-Sportpark Arnstadt; php.artaius.de
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7 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 05.02.2014 | 13:04  
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Petra Seidel aus Weimar | 05.02.2014 | 14:10  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 05.02.2014 | 17:30  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 06.02.2014 | 14:25  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 07.02.2014 | 11:17  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 11.02.2014 | 13:43  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 12.02.2014 | 08:14  
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