Das Leben am Beckenrand

Jürgen Henneberg hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen, um die Atmosphäre aufzulockern.
  Arnstadt: ... |

Der Arnstädter Jürgen Henneberg könnte mit seinen 72 Jahren den lieben langen Tag Sudoku-Rätsel lösen. Doch er zeigt lieber anderen Menschen, wie gut es tut, beweglich zu bleiben.

So wie Jürgen Henneberg am Beckenrand hin und her federt, hat er fast etwas von einem Springteufel. Es ist einer jener Nachmittage, an denen der ruhelose 72-Jährige im Sport- und Freizeitbad Arnstadt Rehasportler betreut. Henneberg ist einer von acht Übungsleitern des Behinderten- und Seniorensportvereins Arnstadt (BSSV), Bereich Gesundheitssport. Als solcher darf er selbst nicht ins Wasser. „Man muss alle Teilnehmer im Auge haben. Es sind fast jede Woche neue dabei. Am Anfang geht nicht jeder gleich aus sich heraus, den muss man motivieren.“
In Rot und Weiß gekleidet, leitet Henneberg etwa 17 Rehasportler an, sich so zu bewegen, dass es für sie effektiv ist. Denn die Übungen im Wasser absolvieren die Frauen und Männer nicht allein zum Zeitvertreib. Den etwa einjährigen Kurs gibt‘s nur auf Rezept. Und die Ärzte haben damit alle Hände voll zu tun.
"Die Menschen werden älter und kränker", weiß Henneberg. "Aber es sind nicht nur die Älteren, die zu uns kommen. Immer mehr junge Menschen müssen wegen falscher Körperhaltung und zu wenig Bewegung zum Rehasport. Meist ist es wegen Kreuz-, Knie- oder Schulterschmerzen. Wir haben enormen Zulauf und eine Warteliste."

Im Wasser werden alle Muskeln trainiert und der Körper entlastet


Der am Beckenrand hin und her wetzende Vorturner ist auf dem Sprung. Jede Minute will er sinnvoll ausfüllen. Für die Übungen hat er nur eine Stunde und er will am Ende eine entspannte Truppe sehen, die sich freut, dass der Schmerz nachlässt.
„Im Wasser werden alle Muskeln aktiviert und der Körper entlastet“, beschreibt der erfahrene Übungsleiter den Effekt des nachlassenden Schmerzes. „Aufgrund des Auftriebs können sich die Menschen viel besser und leichter bewegen.“
Jürgen Henneberg ist seit 16 Jahren beim BSSV, baute die Struktur mit auf. Mehrere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen machten es möglich. Am Anfang hatte man den quirligen Mann im Kinder-Rollstuhlsport eingesetzt. Eine Tätigkeit, die ihn sofort begeisterte. „Ich war mehr in Turnhallen unterwegs als zu Hause“, erinnert sich Henneberg und lacht, weil er dabei an seine Lebensgefährtin denkt, die trotzdem bei ihm geblieben ist.
Heute hat der Verein elf Sektionen, eine davon ist der Reha- und Gesundheitssport. Jeder Übungsleiter hat ein eigenes Konzept. „Ich teile die Stunde in zwei Hälften. Während der Wassergymnastik sollen sich meine Leute an die neue Form der Bewegung gewöhnen.“ In der zweiten Hälfte ist Muskeltraining angesagt. Zu diesem Zweck schleppt Henneberg Hilfsmittel aus einem Nebenraum heran: Scheiben, Hanteln, Bretter, Nudeln für Einzel-und Gruppenübungen.

Plötzlich stand eine Frau oben ohne da


Währenddessen geht es zuweilen recht lustig zu, Jürgen Henneberg hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen, um die Sache aufzulockern. Erst recht, wenn hin und wieder ein kleines Malheur passiert. „Nach Sprungübungen stand eine Frau plötzlich oben ohne da, weil sich der Badeanzug selbstständig gemacht hatte. Das sorgte natürlich für Erheiterung. Aber ihr machte es nichts aus - eine halbe Stunde später saßen sowieso fast alle in der Sauna zusammen.“
Dreimal in der Woche trifft man Jürgen Henneberg im Bad auf dem Wollmarkt. Die anderen beiden Tage hat er Bürodienst in der Geschäftsstelle, wo er neuen Teilnehmern erklärt, was im Bad zu tun und zu lassen ist. Dafür steht er morgens 6 Uhr auf, denn der frühe Vogel fängt den Wurm. „Ich könnte nie den ganzen Tag fernsehen oder herumsitzen“, sagt er. Das einzige, was er bedauert: „Ich komme selbst leider nur sehr selten zum Schwimmen.“ Dafür hat er ja genug Gymnastik am Beckenrand.



Hintergrund:
Beim Rehabilitationssport geht es um gezieltes Aufbautraining für Menschen, die behindert oder von einer Behinderung bedroht sind. Er wird vom Arzt verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt. Meist werden 50 Übungseinheiten verschrieben, die sich über ein Jahr erstrecken.
Gründe können Unfälle, Bandscheibenvorfälle oder zum Beispiel eine Krebserkrankung sein.
Rehasport muss regelmäßig ausgeführt werden, dann kann man die Anforderungen langfristig steigern.
Der Behinderten- und Seniorensportverein 1999 e.V. (BSSV) Arnstadt bietet Wassergymnastik (Sport- und Freizeitbad Arnstadt), Bewegungstherapie und Gymnastik (Turnhalle Rosenstraße) an.
2005 hat der Verein Gesundheitssport in sein Portfolio aufgenommen. Heute agieren 8 Übungsleiter mit Fachlizenz für Wassergymnastik, 5 für Gymnastik. Durchschnittlich betreut der Verein 240 Rehasportler jährlich.
BSSV-Geschäftsstelle: Dr.-Mager-Straße 8 (Wohnscheibe), Arnstadt
Telefon: 03628/585463
Der Verein sucht Interessierte, die bei der Erstellung einer Webseite behilflich sein können.

Die Fotogalerie zeigt Jürgen Henneberg während einer Trainingseinheit im Sport- und Freizeitbad Arnstadt.
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1 Kommentar
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Renate Jung aus Erfurt | 21.09.2015 | 02:13  
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