Sechs Tage durch die Hölle: Der Gräfenrodaer Toni Zink und seine Sherco Faktory 300 starten beim schottischen Sechs-Tage-Rennen

Toni Zink beim Training. (Foto: privat)
 
Zum schottischen Sechs-Tage-Rennen startet er mit seiner nagelneuen Sherco Faktory 300.
Gräfenroda: ... |

Mit Toni Zink ist es ein bisschen wie auf der Showbühne diverser Unterhaltungssendungen. Gerade steckte der selbstständige Kfz-Meister noch bis zum Ellbogen im Motorblock eines Kundenautos, im nächsten Moment sieht man ihn mit seinem Motorrad meterhoch durch die Luft fliegen. Begleitet vom Blitzlichtgewitter der Sportfotografen - der Gräfenrodaer fährt im Trial-Motorradsport in der ersten Liga mit.

Zurzeit trainiert Zink öfter als sonst, denn in den nächsten Tagen erfüllt er sich seinen Lebenstraum vom Scottish Six Days Trial. Das in der Szene angesagteste Trialevent veranstalten die Schotten seit 1913. Als einer von 500 ausgesuchten Startern aus aller Welt begibt sich Toni Zink auf halsbrecherische Fahrt durch das schottische Hochland. Bevor er sich mit Freundin Stefanie Kehl und seiner Sherco Faktory 300 auf den Weg machte, hat sich der 26-Jährige mit AA-Autorin Jana Scheiding getroffen.


Wie oft haben Sie sich schon den Hals gebrochen?
Einmal. Die Wirbel waren Gott sei Dank nur angebrochen.

Kein Grund, mit dem Sport aufzuhören?
Es gibt für mich keinen Grund, den Sport aufzugeben. Es sei denn, Krankheit oder Verletzung zwingen mich dazu.

Liegt der Hang zum Extremen in der Familie?
Ja, mein Vater Meinhard fuhr in den Siebzigerjahren EM- und WM-Läufe in der DDR. Das liegt natürlich im Blut. Dieser Sport hat mich schon als Junge fasziniert. Nach Jahren des Bettelns bekam ich mit zehn Jahren endlich ein Motorrad.

Ihr Vater wusste um die Gefahr…
Ja, so richtig wollte er es nicht, aber die Grundlagen brachte er mir dann doch bei.

Nur die Grundlagen?
Er konnte mir nicht mehr beibringen, weil man seinerzeit ganz anders gefahren ist. Heute springen wir mit dem Motorrad, nehmen Ecken und Kanten – so etwas hat die damalige Technik nicht mitgemacht. Ich musste mir einen großen Teil des Sports also selbst erarbeiten.

Worin besteht der Kick?
Als Erster durchs Ziel zu kommen, die anderen hinter sich zu lassen.

Was mögen Sie an der Technik?
Mich begeistert der Klang. Ein Trialmotorrad erkenne ich schon von weitem. Es klingt dumpf und kraftvoll, weil diese Maschinen sehr viel Drehmoment von unten heraus erhalten.

Was kostet solch eine Maschine?
Etwa 6000 Euro. Je nach Beanspruchung halten die Maschinen maximal ein Jahr, weil sie extremen Belastungen ausgesetzt sind, insbesondere der Motor und die Federung. Das ist alles leicht gebaut, aus Aluminium und Kunststoff, mit Titanlegierungen. Die Motorräder sind sehr leicht, aber hart im Nehmen. Leicht und kompakt, sozusagen.

Die Technik ist das eine, die mentale Vorbereitung das andere…
Natürlich ist die Anspannung mein ständiger Begleiter. Ich muss dann versuchen, konzentriert und trotzdem aggressiv zu sein, um vorn zu bleiben. Das funktioniert nur, wenn der Körper gesund und stark ist. Ist der Körper kaputt, leidet auch der Geist und die Erfolge bleiben aus.

Ich sehe drei Vitrinen voller Pokale. Haben Sie die mal gezählt?
Es sind 294. Gewonnen habe ich davon 127 Mal.

Zählen Sie mal ein paar Erfolge auf.
Ich war dreimal Deutscher Meister, einmal deutscher Juniorenmeister, 2004 Vize-Weltmeister. Dann sind da noch ein paar kleinere Titel wie Hessischer Meister, Ostdeutscher Meister oder Enduro-Cup-Sieger.

Was erhoffen Sie sich von Schottland?
Durchzuhalten, denn die Ansprüche sind enorm. Das heißt, wir sitzen sechs Tage am Stück auf unseren Maschinen. Der Dienstag wird am härtesten – wir müssen eine Zwischenstrecke von 180 Kilometern und 30 Sektionen absolvieren. Das bedeutet, acht bis neun Stunden Fahrt im Stehen, denn die Maschinen haben keine Sitze.

Was sind Sektionen?
Wir müssen mit den Maschinen durch Bachläufe, über Steine und Stufen – ohne zu stürzen und ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Nach dem Lauf haben wir 20 Minuten lang Zeit, um die Maschine auf den nächsten Tag vorzubereiten. Inklusive Reifenwechsel, Prüfung von Bremsbelägen, Kette und Verschleißteilen sowie Reparatur der Sturzschäden.

Adrenalin pur.
Mit Sicherheit. Ich habe Leute gefragt, die daran teilgenommen haben und sie sagten mir, man stecke so voller körperlicher und geistiger Anspannung, dass man ab dem dritten Tag gar nicht mehr zur Ruhe kommt. Es werden viele Ex-Weltmeister mitfahren. Manche trainieren das ganze Jahr lang für diese eine Veranstaltung. Die Konkurrenz ist riesengroß.

Dann wünschen wir Ihnen Hals- und Beinbruch und kehren Sie gesund zurück.


Hintergrund:
Trial ist Geschicklichkeitsfahren über Stock und Stein, bei dem der Fahrer die Füße nicht auf die Erde setzen darf. Erfolgreich ist nicht immer der Schnellste, sondern jener mit den wenigsten Fehlern.
Der Begriff "Trial" stammt aus England, wo seit 1910 Motorradfahrer versuchten, unwegsames Gelände zu durchqueren. Im Lauf der Zeit entwickelten sich Maschinen und Fahrtechniken weiter. Trialfahrer wurden Meister der Balance. Die Sportart bezeichnet man heute als "Hohe Schule" des Motorsports auf zwei Rädern. Es gilt, Gräben, Schlamm, Wurzeln, Steine, Stufen, enge Kehren um Bäume und andere Hindernisse fehlerfrei zu überwinden und dabei weder anzuhalten, noch die Maschine zu schieben oder zu stürzen.
Die Fahrer verwenden spezielle Motorräder mit großer Bodenfreiheit, geringem Gewicht, großem Lenkeinschlag und und Motoren, die auf die geringste Drehung des Gasgriffs reagieren.
Fahrtechniken sind zum Beispiel der "Backwheel Hop" (hüpfen auf dem Hinterrad), "Pedal Kick" (Sprünge nach vorn vom Hinterrad aus) und der "Coustellier" (Landung auf dem Vorderrad).
Beim "Scottish Six Days Trial" starten 500 Fahrer, die eine Trialkarriere vorweisen müssen.
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